Bücher von Peter Steiner |
ORBIS TERRARUM, Band 3, Das blaue Krokodil |
 |
KLAPPENTEXT
Ende der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die Welt befindet sich im Kalten Krieg. Die afrikanischen Kolonien der europäischen Kolonialmächte haben ihre Unabhängigkeit erlangt, die Jugend Amerikas rebelliert gegen den wahnwitzigen Krieg in Vietnam. Unter diesen Vorzeichen übersiedelt der 29jährige Geologe aus Österreich, Karl vom Bühelstein, alias Veit Troyer, dessen bewegtes Vorleben der Leser aus der Romatrilogie ORBIS TERRARUM kennt, nach Westafrika, um im Rahmen eines Hilfsprojekts im größten unberührt erhaltenen und weithin menschenleeren Regenwald an der Suche nach unbekannten Bodenschätzen teilzunehmen. Aus den ursprünglich geplanten sieben Monaten werden sechs Jahre, während derer der Ich-Erzähler, dem bald seine Familie folgt, von einem Stützpunkt an der Küste des Golfs von Guinea aus und mit Hilfe seiner einheimischen Begleiter immer wieder in die Unberührtheit des Regenwaldes vordringt, als Vorbote einer Spezies, die als letzte auf der Erde erschien, aber am stärksten in das Gleichgewicht des Lebens eingreift, dessen wir sich
der „Held“ dieser durch tägliche Überraschungen geprägten Geschichte bewusst.
|
LESEPROBE
Der in einem Halbkreis um unser Lager gesäuberte Waldboden endete am Bach und hatte die Form eines Amphitheaters. Unsere Hütte aus Stangen, Lianen und Palmblättern bildete die Kulisse, in der und um die wir uns gleich Schauspielern bewegten. Die Zuschauerränge bildete der Wald, zugleich unser Publikum, das ohne Unterbrechung Beifall klatschte. Das Klatschen bestand aus dem Sirren der Zikaden vor dem Hintergrund einer Symphonie von Geräuschen und Tönen unbekannter Herkunft, gespielt von einem Orchester, das du nie zu Gesicht bekommst, dessen Größe schwer abschätzbar, wahrscheinlich so groß ist, dass es deine Kunst des Zählens auf jeden Fall überstiege. Also versuchst du es erst gar nicht. Solisten treten auf, wann immer sie wollen. Du hast darauf keinen Einfluss. Da sind vor allem Vögel mit Stimmen, die an Lautstärke das ganze übrige Orchester übertönen, so dass du im Moment des Hörens glaubst, der Solist sänge allein. Das tut er freilich nicht, denn das Orchester spielt weiter, wenn auch ohne Dirigenten. Keiner sieht den anderen, jeder spielt mehr oder weniger blind, die Symphonie des Waldes dirigiert sich selbst, sie kennt keinen Anfang und kein Ende, sie erstirbt nur gegen Morgen, in der Stunde vor dem Hellwerden, wenn der Tau von den Blättern tropft, als leiser basso continuo, zu dem du die Schulter deiner Frau berührst, um sie mit dem herabgeglittenen Laken zu bedecken.
|
ORBIS TERRARUM, Band 2, Lichte Tage |
 |
KLAPPENTEXT
Krieg, Naziherrschaft und zehn Jahre Besatzung durch alliierte Mächte sind vorbei. Zugleich geht in der österreichischen Kleinstadt und ehemaligem Hauptquartier der Roten Armee im besetzten Österreich die Buchdruckerlehre für Karl vom Bühelstein zu Ende. Der in sich gespaltene junge Mann mit dem selbst gewählten alter ego-Namen Veit Troyer, beschließt den abgebrochenen Schulunterricht wieder aufzunehmen, das Abitur nachzuholen und einen Weg einzuschlagen, der ihn aus der Enge der Provinzstadt in die Welt hinausführen soll. Welcher Weg das sein wird, darüber ist er sich nicht im Klaren, aber dass es die Welt sein muss, daran zweifelt er nicht. Und so beginnt er die einst im gehassten Internat geträumten Reisen umzusetzen. Als von der begrenzten Freizeit eines Arbeiters befreiter Student nutzt er jede Gelegenheit, Bad Kleinheim zu verlassen und seiner Neugierde zu folgen. Selbstsicher geworden, drängt er Karl und Veit zur Seite und übernimmt selbst die Führung. Der Leser merkt es spätestens an der Ich-Form, in der er fortan durch Europa, Nordafrika und immer wieder den Vorderen Orient geführt wird, hinter den Eisernen Vorhang, auf den Balkan, in die Kaukasusrepubliken der Sowjetunion.
|
Kaum über Geld verfügend, bringt der von Neugier Getriebene sich als Anhalter weiter, lernt Menschen aller Klassen kennen, erlebt die verschiedensten kulturellen und sozialen Verhältnisse, wird mit politischen Problemen konfrontiert, wie dem in der Totenstille „linker“ wie „rechter“ Diktaturen oder postkolonialer Desorientierung schwelenden Nationalismus, anfangs noch allein, bald aber mit einer Gefährtin, nicht nur für seine Reisen, sondern fürs Leben. |
Was der Autor in dem an eigenes Erleben angelehnten zweiten Band seiner „Weltgeschichte“ ORBIS TERRARUM über das Jahrzehnt von 1955-1965, als der Kalte Krieg auf seinen Höhepunkt zustrebte und um Haaresbreite in einen Atomkrieg ausartete, vor dem Leser bildreich ausbreitet, mag angesichts der gegen Ende des Jahrtausends einsetzenden und sich seither immer weiter ausbreitenden kriegerischen Auseinandersetzungen als geradezu idyllische Epoche erscheinen, in der es eine funktionierende Bagdadbahn gab, wie einen wöchentlichen Kurswagen von Teheran nach Moskau. Doch in den scheinbar sorglosen Reiseabenteuern eines jungen Paares versteckt sich in wie nebenbei erzählten Ereignissen allgemeiner Natur die zeitgeschichtliche Komponente des Romans, werden die großen Veränderungen aber auch fatalen Versäumnisse sichtbar, die Europa und seine Nachbarschaft heute mehr denn je in Bedrängnis bringen. |
LESEPROBE
Wie verschieden doch eine Landschaft wirkt, je nachdem, ob man sie auf der Ladefläche eines Lastwagens erlebt oder in einer gut gefederten, staub- und lärmdichten Limousine! Schon beim Zuschlagen der Tür glaubt man, plötzlich das Gehör verloren zu haben. Man hat zu viel an und die Landschaft vor den Fenstern scheint wie auf einer Kinoleinwand vorbeizuziehen. Und dann sind es doch echte Schafe, die zu Hunderten die Straße queren und den Fahrer zum Anhalten zwingen. Aber so ganz wirklich wird auch die Schafherde nicht, die da laut- und geruchlos über die Bildfläche in der Größe einer Windschutzscheibe zieht. Teile der Upper Highlands erlebten wir wie aus dem Kinofauteuil, das Heidekrautschimmern in sinkender Sonne, Schattenbuchten baumloser Senken, ein in der Abenddämmerung Gestalt annehmendes Manorhouse, das Knirschen von Kies unter sich langsam drehenden Rädern. Schließlich wurden wir selbst zu Darstellern, betraten die Bühne, während von irgendwo aus dem Dunkel ein Dudelsack erklang, ein schottischer Dudelsack, der mit einer schottischen Weise die perfekt inszenierte schottische Szene begleitete. Der „Regisseur“, ein älterer Herr in Schottenrock und Schottenmütze, hieß uns den in dezenter Beleuchtung gehaltenen großen Raum zu betreten, ermutigte uns, in breiten Ledersofas Platz zu nehmen, etwa gleich weit entfernt vom Kamin, in dem ein Feuer loderte, einer weißhaarigen Lady mit aufgefalteter Zeitung in den Händen und einer aus dunklem Eichenholz gezimmerten Bar. Vor der weißhaarigen Lady stand eine Tasse Tee auf dem Tisch und daneben eine Teekanne mit einem übergestülpten Warmhaltefutteral. Eine gleichartige Kanne brachte der Barmann auch an unser Tischchen, sowie drei Tassen und Untertassen, ein Kännchen heiße Milch und eine Zuckerdose mit kleinen Zuckerwürfeln, alles auf einem großen silbernen Tablett. Der Barmann ließ den Tee noch etwas ziehen, während er einige Sätze mit ihrem Gastgeber über das Wetter wechselte. Der Nachmittag sei wunderbar gewesen, nun aber wieder Regen im Anzug, bestimmt nicht ungewöhnlich für diese Zeit des Jahres. Nein, durchaus nicht. Der Regisseur, zugleich Hauptdarsteller, zündete sich eine Pfeife an und streckte die Beine aus. Er kam heute schon aus Edinburgh, aber nun sei es nicht mehr weit bis zu seinem Heim
|
ORBIS TERRARUM, Band 1, Das Kriegskind |
 |
KLAPPENTEXT
Wenige Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ändert der siebenjährige Karl vom Bühelstein – als Flüchtling wegen seines Namens von den Mitschülern einer Dorfschule in einem entlegenen Tiroler Bergtal gehänselt – seinen Namen in Veit Troyer. Der Bub ist freilich weit davon entfernt, die richtungsweisende Kraft dieser Spaltung seiner Person zu erkennen. Als Sohn überzeugter Nationalsozialisten wird er erst im Verlauf der folgenden Jahre die Unumgänglichkeit der Trennung vom Gedankengut der Eltern erkennen, ohne die durch die Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegsereignisse ausgedünnten Familienbande, vor allem die Liebe zur Mutter, zu verlieren. Der vielfach auf eigener Erfahrung fußende Roman, der den Zeitraum vom „Anschluss“ bis zum Abzug der Besatzungsmächte aus Österreich umfasst, zeichnet exemplarisch eine einzelne der Millionen im Weltgeschehen scheinbar unbedeutenden Familiengeschichten nach, die in ihrer Gesamtheit nicht weniger als den Bogen für Aufstieg und Fall des Dritten Reiches und seiner Verbrechen spannten. |
LESEPROBE
Obwohl nicht alle vermissten Männer, Väter und Söhne, heimkehrten, waren die französischen Kriegsgefangenen dennoch alle nach Hause gefahren, viele Bäuerinnen wieder allein im Stall und auf dem Feld. Veit denkt vor allem an den einen Franzosen, der nach dem Endsieg oder Zusammenbruch auf dem Bretterstoß neben der Milchablieferstelle gesessen war, in Sichtweite des Kriegerdenkmals, und auf seiner Mundharmonika etwas spielte, in dem eine fremde Ferne, oder ferne Heimat, anklang, wie im Schrei der gerade eingetroffenen Schwalben, die wie im Rhythmus dazu den Kirchturm umkreisten. Immer wieder, sein ganzes Leben lang, würde er daran denken müssen, wie er das Ansinnen des Mannes, aus dessen Augen die Zuversicht auf ein neues Leben blitzte, mit ihm vor dem Kriegerdenkmal in den Frieden zu tanzen, erschrocken abgelehnt hatte und nach Hause gerannt war. Es sind solch unwiederbringliche Augenblicke menschlicher Begegnungen mit Fremden, wird Veit später einmal denken, die mehr (Gewicht) hinterlassen können als zehn Jahre Ehe. Mag sein, dass die Nähe großer tragischer Ereignisse seine vielleicht angeboren Neigung, bestimmte Erlebnisse zu überhöhen, verstärkte, denn es kann nicht anders als eine große Tragik gesehen werden, dass das Schiff mit den Kriegsgefangenen aus Tirol heim nach Frankreich nördlich von Korsika in einen Sturm geriet und sank. Veit aber wird weiter das Spiel der Mundharmonika hören, begleitet von den Schreien der Schwalben aus Afrika. Und er wird bis ans Ende seiner Tage den Mangel an sich spüren, den einzigen Freudentanz in den Frieden versäumt zu haben.
|
DAS SCHWEIGEN DER MEERE |
 |
KLAPPENTEXT
Der Name einer Zufallsbekanntschaft aus früheren Tagen, DiRocca, amerikanischer Schmet-terlingsforscher griechischer Abstammung, läßt den fast achtzigjährigen Bergbaudirektor Veit Troyer, im Ruhestand in einem abgelegenen Haus in den österreichischen Bergen, Adressat eines ungewöhnlichen Briefes werden. Ein griechischer Reeder gleichen Namens, DiRocca, ersucht um Hilfe bei der Ausforschung seines Vaters, dessen Identität die jüngst verstorbene Mutter bis zuletzt verschwiegen hat. In Griechenland stellt sich mit Hilfe der jungen Sekre-tärin Zoé alsbald heraus, daß neben dem Schmetterlingsforscher eine Reihe anderer Männer als möglicher Vater in Frage kommen. Zweifelsfreie Beweise fehlen. Ein verschlüsseltes Notizbuch der Mutter lenkt den Verdacht auf einen Franzosen, der sich dem Widerstand gegen die griechische Militärjunta der 60er-Jahre angeschlossen und einige Zeit auf der Insel Kythera – wo die Mutter nach ihrem Studium in Paris lebte und arbeitete – abgetaucht war. In Paris stößt Troyer auf höchst verschlungenen Wegen tatsächlich auf Zeitzeugen, die Licht in die Vorgeschichte der mysteriösen Umstände bringen. Da stellt ein Anruf von Zoé sein eigenes Leben vor eine gänzlich neue Situation.
|
LESEPROBE
Sie verabschiedeten sich und ich blieb mit DiRocca allein zurück, der erstaunt auf das Rauschen des Meeres horchte, auf das donnernde Anprallen der Wellen an die Felsen, denen die allseits steil abfallende Geländerippe längs des Meeres, auf der mein Haus stand, seine Existenz verdankte. Hat man einige Zeit im Regenwald verbracht und kommt an diese Küste, dann, so habe auch ich es immer wieder empfunden, ist es mehr als bloß an die Küste zu kommen. Man kommt an den Rand der Welt, steht dem Ozean als einem anderen Universum gegenüber. So müsste es sein, dachte ich einmal, auf dem Mond zu stehen und auf die Erde zu blicken, das kann auch nicht viel anders sein als von der Falaise auf den Ozean zu schauen. Nur lauter ist es, unruhiger, gewaltsamer. Mit einer die Falaise zum Beben bringenden und bis in die Balken des auf Pflöcken stehenden Hauses spürbaren Kraft – ein rhythmisches Erzittern wie das des eigenen Blutes unter der Haut – schlägt das Meer ohne Gegenüber auf den Rand des Kontinents. An solch einem Ort lebt man immer mit einer Mischung von glückhafter Bewunderung und allzeit spürbarem Respekt.
STIMMEN ZUM TEXT
Das Erzählen und zwar im modernsten und damit ursprünglichsten Sinn ist Peter Steiners besondere Kraft.
Andrea Grill,
Literatur und Kritik |
WENN MEIN VATER POLNISCH SPRICHT |
 |
KLAPPENTEXT
Eine beschauliche Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, das stellt sich der Geochemiker aus einer österreichischen Kleinstadt vor, als er im Herbst 1981 den Zug besteigt, um zu einem Kongress in Irkutsk am Baikalsee zu reisen. Doch die Fahrt in die sibirischen Weiten des Sowjetreiches wird schon am Grenzübergang in die Tschechoslowakei zu einer unerwarteten Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie. Saß nicht sein Vater vor vierzig Jahren in diesem Zug, um nach dem deutschen Überfall auf Polen in das neu geschaffene General-Gouvernement zu fahren? Vier Kriegsjahre verbrachte der Vater in Warschau, aber der Sohn weiß davon so gut wie nichts. Die Begegnungen mit Menschen auf der Fahrt durch den Sowjetstaat geben nur noch mehr Rätsel auf. Es ist die andere Gegenwart, die unberührten Wälder Sibiriens, Dörfer im tausendjährigen Schlaf, junge Männer und Frauen mit dem Licht der Zukunft in den Augen, oft naiv verträumt, gelegentlich auch rebellisch, der Glanz alter Städte Zentralasiens, die den Reisenden die eigene Vergangenheit vorübergehend vergessen lassen. Nach der Heimkehr will er seinen Vater befragen, über die von Schweigen versiegelte Zeit, und warum er, mit einer einzigen Ausnahme, nie Polnisch sprach. |
LESEPROBE
Im Waggon kündigt sich das Ende der Fahrt an. Es ist der Kurswagen nach Irkutsk, in dem ich sitze. Er wird hier gereinigt und an den Gegenzug nach Moskau angehängt. Die Bettwäsche hat man bereits eingesammelt und in große Säcke gestopft. Die Verantwortlichen zählen die Teegläser und deren metallene Halterungen. Der dünne, waschbare Stoffläufer über dem Dauer-Teppichläufer im Korridor ist verschwunden. Das Personal im Speisewagen hat alle überschüssigen Lebensmittel in den letzten Stationen an die den Zug stürmenden Frauen verkauft. Alle Eierplateaus sind leer, die großen Einlegegläser mit krautgefüllten, grünen Paradeisern stehen nicht mehr hinter dem Kassenpult. Zug Nummer 10, Baikal, wird in zwanzig Minuten am Ziel seiner 5.190 Kilometer langen Fahrt angelangt sein. Acht Stunden wird er in Irkutsk stehen, um mit dem beladen zu werden, was er als Zug Nummer 9 nach Moskau brauchen wird. Mir wäre es im Augenblick lieber, die Fahrt ginge nicht zu Ende. Ich werde die problemlose Geborgenheit dieses kleinen, warmen Schlafwagenabteils vermissen. Viel lieber führe ich weiter, zumindest noch einige Tage lang. Vielleicht wäre mein Unbehagen dann verflogen. Warum findet der Kongress nicht in Wladiwostok statt, oder in Petropawlovsk Kamtschatski am Ochotskischen Meer?
Mein Wörterbuch ist gelb, aber es schluckt die Spontaneität genauso wie das baue Büchlein von Nadja. Vera macht es besser. Sie spricht ungehemmt auf mich ein und sieht mir dabei in die Augen. „Ponimaesch?“ Verstehst du? fragt sie zwischendurch, und ich sage „Da“, begleitet von einem Kopfnicken oder Lachen oder beidem. Manchmal verstehe ich tatsächlich, oft glaube ich etwas zu erraten, bis ich merke, dass es völlig falsch war. Aber was tut das zur Sache? Wichtig ist, dass Vera mir etwas sagen will, dass ich nicht stimmlos und sprachlos durch eine fremde Welt gehe, mich nicht ausgeschlossen fühle. Mir stehen zwei Mädchen aus dieser Stadt zur Seite, also ist es höchst sinnvoll, jetzt die Lenina zu überqueren, auf das Kindertheater zuzulaufen und weiter die Karl-Marx-Straße hinunter. Unvermittelt, als wäre sie meine Geliebte oder Frau, hängt sich Vera an meinen Arm. Ich weiß nicht, was in ihr vorgeht, will auch nicht raten, sehe lieber einfach das Licht in ihrem Gesicht, am hellsten auf der Stirn, das Licht der großen Weite. In Europa, denke ich, wird jede mögliche Weite durch eine schöne Landschaft verstellt, kann das Licht niemals ganz Weltlicht sein. |
STIMMEN ZUM TEXT
Man mag an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren jedenfalls, die über das Sichtbare hinaus denken, die eine andere Wirklichkeit erfahrbar machen wollen.
SALZBURGER NACHRICHTEN
Zur besonderen Poetik des Buches gehört, dass wir immer jetzt da sind, zugleich aber in den Jugendjahren der Eltern, den eigenen Jugendjahren – die sich im Kopf des Lesers einstellen – und in der Zukunft sein können und geographisch überall sein können. Das Erzählen, und zwar im modernsten und damit ursprünglichsten Sinn ist Peter Steiners besondere Kraft. Der Tex schafft, was wirklich nur ein Text er-schaffen kann, was Texte so unverzichtbar macht. Die Existenz des reisenden Wissenschaftlers und der Menschen, die sein Denken bevölkern, kann vom Leser miterlebt werden und dabei erlebt er/sie auch sich selber genauer.
Peter Steiners Erzähler darf alles: die Struktur des Romans, in Kapitel gegliedert, über die hinweg datierte Ortsangaben den Text unabhängig davon wieder anders ordnen, ist origineller, als auf den ersten Blick offenbar wird. Folglich wirkt die Geschichte wie naturgemäß gewachsen, sie kann, was sonst eher ein Privileg der Lyrik bleibt. Der Roman hält, was er verspricht, „den Tag in seiner Zartheit nicht mit zu viel Wahrheit zu bedrohen.“
Andrea Grill
LITERATUR & KRITIK |
DER SANDFALLENBAUER |

|
KLAPPENTEXT
Was bringt einen Weltenwanderer und Sandfallensteller dazu, sich mit seiner Frau auf einem Stück Brachland irgendwo in Amerika als Bauer niederzulassen? War es der Großvater, der einst den väterlichen Hof im Gebirge verließ und den Enkel der Heimat beraubte? War es der Malerfreund aus der Großstadt, der sich im Grünen ansiedelte, der Makler, der genau zu wissen schien, was der Rastlose suchte, ein Buch, das dem Kind jenes Traumbild einpflanzte, das der Mann nun hier wiedergefunden zu haben glaubt? Vielleicht liegen die Antworten in dem, was der Sandfallenbauer in der Natur beobachtet, in den Ereignissen, den Erinnerungen, welche die Grenzen von Zeit und Raum sprengen und die stillen Felder zum Weltschauplatz machen.
Peter Steiner vereint in diesem Buch die Geschichte eines Suchenden mit einer Fülle von Naturphänomenen und Einzelschicksalen zu einem faszinierenden, vielschichtigen und berührenden Ganzen. |
… Innen- und Außenwelt in einem, schöne Absurdität und zugleich Wahrhaftigkeit – wie es einen Menschen heutzutage herumtreibt, ein Tanz zum Geheul der Coyoten.
Peter Handke |
LESEPROBE
„Es war April, der Schnee lag noch hoch in Wächten an den Hügelflanken und im Wald unter gewaltigen Tannen. Ich lief allein über den langgestreckten Bergrücken, den wir später Die Ridge tauften. Jost van Gelderen, der Makler, hatte es vorgezogen, im Auto sitzen zu bleiben und seine Pfeife zu rauchen. „Just follow the ridge until you reach the third tree line, and all you see to your left and right shall be yours.“ Jost van Gelderen – lange schon im Alten-Paradies von Arizona – der seiner Mutter beim Anblick der Freiheitsstatue gesagt hatte: “Jetzt sind wir in Amerika, warum sollen wir noch weiter Holländisch sprechen?” Das war 1946, ein Jahr nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Jost hatte überlebt. Und da sitze ich in meiner Totenstille. Unten am Teich schreien noch einige Gänse, die aus welchem Grund auch immer nicht weitergeflogen sind. Worauf warten sie? Vor der Tür steht mein Traktor. Den sollte ich anwerfen und weiter mähen. Eine Woche lang ziehe ich schon meine Schnittbahnen über die Felder, und das Dröhnen der Maschine und das Sirren der großen Messer gehen mir auch nach zwei Tagen Stillstand und Stillsitzen nicht aus den Ohren. Dazu täuscht mir mein inneres Auge Bilder vor, etwa das Bild von Mäusen, die vor den nahenden Messern davonlaufen. Aber es laufen keine Mäuse mehr davon. Auch fahre ich über keine Auswurfhügel von Murmeltieren, sehe keine Truthähne und –hennen, kein Reh am Waldrand. Nichts, bloß die Zugvögel, und jeden Abend das Geheul der Kojoten, ein Rudel hinter den Apfelteichen, ein Rudel jenseits des Bibersees, ein Rudel in der Senke, über welcher der Mond aufgeht.“ |
STIMMEN ZUM TEXT
Welch wunderbares Bild hast du uns Lesern, hast du mir persönlich gegeben mit der Schattenpyramide. „Es geht nichts verloren, es sucht sich nur eine neue Form. Aus dem Traum von gestern erwächst die Erinnerung von morgen.“ Dieses Bild der Schattenpyramide aus der Kindheit, die sich in einen Lichtkegel verwandelt, von mildem Licht, dieses Bild schaue ich mir wieder und wieder an in dem Sandfallenbauer. Und will es mir zu einem neuen Leitbild, zu einem Lichtbild, zu einer neuen Illusion machen.
Paul Hermanns
Nur selten gelingt es einem Helden, das abgehangene Spätlebensalter als geerdetes Kind auf einem Traktor zu verbringen und dabei die Leser zu verzücken. Auf einem Stück unbebauten Landes mitten in Amerika verbringt er mit seiner Frau die Tage hautnah an den Poren der Erdkruste. Peter Steiners Roman vom „SANDFALLENBAUER“ ist beinahe ein Märchen vom geglückten Leben.
Helmuth Schönauer
Die Neue Südtiroler Tageszeitung |
DER ANGEHÖRIGE |

|
KLAPPENTEXT
Lena
und Simon sind seit fast 50 Jahren ein Paar, als Lena mit dem Verdacht
auf eine lebensbedrohliche Krankheit konfrontiert wird. Hinter beiden
liegt ein außergewöhnliches Leben: Simon hat viele Jahre
auf Großbaustellen dieser Welt verbracht, während Lena,
Fotografin, ihn mit den Kindern so oft wie möglich begleitet
hat. Lenas Fotos sind gleichsam der Gegenentwurf zu Simons Leben:
Sie entdeckt die Größe im Kleinen, im Wald von Akosombo,
an der aufgelassenen Bahnstrecke in den Smokeys in den USA und
schließlich im eigenen Garten, als der tägliche Lebensrhythmus
der alt gewordenen Eheleute immer mehr auseinanderklafft. Während
Lena in der Klinik auf die Operation wartet, haben Lena und Simon
Zeit für Gespräche, in denen gegenseitig zugefügte
Verletzungen zur Sprache kommen, die scheinbar vergessen waren.
Von der Angst getrieben, Lena könnte nach ihrer Operation nicht
mehr erwachen, gibt Simon sich in Phantasien einem Fest der Bilder
hin, Lenas zeitlebens nicht gezeigten Bilder. Als wären Versäumnisse
damit aufzuheben. |
Peter
Steiners neuer Roman beschreibt in feinen Nuancen die Beziehung
zweier älterer Menschen die Krisen durchlebt haben,
aber einander dennoch für immer verbunden sind. |
LESEPROBE
Nachdem der Primar gegangen war, beugte sich Lena noch einmal vor und senkte den Kopf. …Sie band sich ein Kopftuch um, was Simon an ferne Sommer am Meer erinnerte, an Reisen im Kabriolett, an Richtungen ohne Koordinatensystem in einer weit offenen Welt. Wie jung waren sie damals gewesen! Simon ergriff Lenas Hand und hielt sie in der seien, nicht lang, weil er wußte, daß Lena seine Hand immer weniger ertrug. An manchen Tagen konnte selbst die leiseste Berührung ihr den Atem nehmen. Schon seine Nähe beengte sie an solchen Tagen, daß er es vermied, den Raum zu betreten, in welchem sie sich gerade aufhielt. Je älter sie werde, umso mehr Raum benötige sie, sagte Lena, und ging ins Erdgeschoß, wenn er im zweiten Stock arbeitete oder auch nur las. Oder sie stieg hinauf zur Dachterrasse, wich in den Garten aus, machte weite Spaziergänge. Ein Kuß im Einschlafen erschreckte sie so heftig, daß sie dann die ganze Nacht wach lag, neben Simon, dem Schlafenden. Auch im Tageablauf klaffte ihr kaum noch gemeinsames Leben mehr und mehr auseinander. Als lebten sie in verschiedenen Zeitzonen, begann für Lena die Nacht noch bei Tageslicht, schlief sie schon, wenn die Wipfel der Fichten im Garten noch im Abendlicht glühten. Erwachte sie, hatte Simon sich gerade erst zur Ruhe gelegt, hörte vielleicht im Halbschlaf, wie Lena mit der Hausarbeit begann, ein Klirren aus der Küche, leise, denn er sollte nicht gestört werden. Endete die Nacht für ihn, hatte Lena ihr Tagewerk so gut wie beendet. …
… rief man Lena noch einmal in die Röntgenabteilung. Simon setzte sich auf den Gang, auf die Besucherbank gegenüber dem Eingang zur Neurochirurgie. Über der Tür befand sich eine elektrische Uhr, rund, weiß, Zeiger und Ziffern schwarz. Links der Liftschacht, rechts die Besuchertoiletten und ein Spülraum. Die Tür dazu stand halb offen, und dahinter auf dem Boden lag ein flüchtig zusammengefaltetes Bündel Leintücher mit Blutflecken. Durch das ganze Gebäude ging ein Vibrieren und Summen wie auf einem Schiff, das nicht schwankt, weil es am Kai festliegt. Standby. Wo war Norden? Er blickte auf die Wanduhr. MEZ Mitteleuropäische Zeit. Sekundenzeiger, Minutenzeiger, Stundenzeiger, der erste war der längste, der letzte der kürzeste. Welch seltsame Hierarchie. Je kürzer, desto langsamer. Der eine dahinhastend, der andere kaum in Bewegung, jeder ein Gefangener seiner Ebene. Die drei Ebenen, nur Bruchteile von Millimetern voneinander getrennt, schnitten den Raum vertikal, bildeten einen unsichtbaren Vorhang, eine Membran dreier Zeitrhythmen vor der Tür zur Neurochirurgie. Der längste Zeiger, der seine Sekundensprünge vollführte, war zugleich der dünnste. Bei jedem Halt federte er nach, das konnte Simon sogar von der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen. Das Zittern erinnerte ihn an die Nadel eines Elektrokardiographs. … Simons Herzschlagfrequenz entsprach ziemlich genau dem Abstand von Sekunden. Den Daumen am Puls der Hand, zählte er sechzig Schläge in der Minute. Ein Leichtes also, auf dieser Besucherbank seine Lebenszeit in Sekunden anzugeben. Sechzig Sekunden mal sechzig Minuten mal 24 Stunden mal 365 Tage mal 70 Jahre, das ergab 2,207.520,000 Sekunden, also zwei Milliarden zweihundertsieben Millionen fünfhundertzwanzig Tausend Sekunden. Daß das sein Herz aushalten konnte, grenzte an ein Wunder. Bei Lena erschien ihm das Wunder noch größer. Sie war zwar einige Jahre jünger als er, aber ihr Herz schlug schneller. Also hatte sie ihn an Herzschlägen gemessen schon vor langer Zeit überholt, war ihm weit, vielleicht schon uneinholbar voraus. Wo ihr Herz jetzt schlug, war von seinem weit und breit keine Spur. Aber einmal in ihrer beider Leben, hatte es einen Herzschlag gegeben, er ihnen beiden galt, einen Moment des Gleichklanges, der völligen Übereinstimmung. Wann war das gewesen? |
STIMMEN ZUM TEXT
Ein Roman, der sich nicht m die ach so großen Probleme der Welt (vorrangig) kümmert, sondern um jene kleine Welt in uns selbst, in unserem Kopf, in unserem Gefühl, in unserer Seele. Das ist ein zutiefst österreichisches Buch, denn hier hat sich immer wieder Literatur gerade um jene Bereiche gekümmert.
LITERARISCHES ÖSTERREICH |
DER STURZ AUFS DACH DER WELT |

|
KLAPPENTEXT
Der
Sturz aufs Dach der Welt erzählt die Geschichte des Botanikers
Lorenzo Unterberger, der Ende der 1970er Jahre in einem unzugänglichen,
menschenleeren Urwald am Abhang der bolivianischen Anden nach einer
Heilpflanze sucht. Zufällig war er Zeuge einer erstaunlichen
Heilung durch einen indianischen Heiler geworden und will nun gegen
alle Widerstände Herkunft und Wirkung der Pflanze wissenschaftlich
beweisen. Es ist gleichzeitig die Geschichte einer obsessiven Leidenschaft
für Marlis, die Freundin seiner Tochter, die mit seinem Assistenten
Paul verheiratet ist. Nachdem er einen Hubschrauberabsturz im Regenwald
überlebt hat, gesteht Unterberger ihr seine Liebe. Zwischen
den beiden entwickelt sich eine dramatische Beziehung, die jedoch
nach kurzer Zeit abrupt endet.
23 Jahre später durchlebt Unterberger in der Rückschau
- gleich einer Spurensuche - die Geschehnisse von damals noch einmal
und sieht sie in einem neuen Licht: Ein Brief von Marlis, die mittlerweile
in der Bretagne lebt, lässt die damalige Leidenschaft in ungeahnter
Heftigkeit neu auflodern. Eine Reise zu ihr soll endgültig
Klarheit schaffen... |
LESEPROBE
"Ohne
daß ich den Kopf bewegte, ging mein Blick einmal vorwärts,
einmal rückwärts. Auf meinen Schultern saß ein Januskopf,
dessen zwei Gesichter einander niemals in die Augen blickten. Wozu
noch Augen, schöpfte ich doch aus Nachbildern, Echo meiner
Erinnerung, und Illusionen? |
STIMMEN ZUM TEXT
Welche
Überfülle bildstärkster "Erinnerung, die sich
am Rande des Vergessens anhäufte"!
Peter Steiners Prosa ist nach allen Regeln der Kunst secco, trocken,
rauh, kräftig, zupackend, welthältig. Bewertende, einwertende,
die Tatsachen nach irgendeiner Wertsicht urteilend spiegelnde Sätze
unterbleiben. ... Tatsächlich: Die pralle pulsierend austreibende
Welt in aller reizvollen Angriffigkeit und verführerischer
Bitterkeit, atemnehmend treffsicher erinnert.
Mathias
Mander
LITERARISCHES ÖSTERREICH 01/2011
...
in seinen seit 1994 erschienenen Romanen und Prosabänden überzeugte
immer wieder der erzählende Blick auf die unterschiedlichsten
Landschaften ... auch in seinem elften Buch, "Der Sturz aufs
Dach der Welt"... im Wortsinn zu verstehen. Bei einem Erkundungsflug
am Ostrand der Anden geht der Hubschrauber bei der Landung zu Bruch.
...
... die Handlung ist es nicht, die Peter Steiners Buch lesenswert
macht, es sind die feinen, schwebend-dichten Beschreibungen von
Orten und Stimmungen: die Idylle des verwunschenen Hauses in La
Paz, Armut, Deprivation und Goldgräberstimmung in den Anden-Dörfern,
die wehrhaften Indios am Eingang der abgeschiedenen Region von Challana
oder das Schlussbild des einsamen Mannes an der Atlantikküste,
der die Spuren eines kleinen Vogels im Sand als "winzige, gegen
die Laufrichtung gerichtete Pfeile" sieht.
Evelyne
Polt-Heinzl
Die Presse
...
im Hochland von Bolivien ... stürzt (Unterberger) zusammen
mit seinem Piloten mitten im Urwald ab ... (beide) überstehen
den Aufprall unverletzt ... werden gefunden und gerettet. Für
Unterberger war die kurze Zeit im Regenwald dennoch eine Art Offenbarung:
Er dachte weniger an das ihm und seinem Piloten drohende Schicksal
als vielmehr an seine Tochter Ljuba und vor allem deren Freundin
Marlis... Zurück..., beschließt Unterberger, ihr seine
Liebe zu gestehen.
... nicht die Geschichte von Unterberger ist es, die den Roman auszeichnet,
sondern wie Steiner sie erzählt: Selbst Naturwissenschaftler...
vermag er es, jedem noch so unwirtlichen Landstrich etwas besonderes
abzugewinnen und die Eigenheiten von Land und Bewohnern in gleichermaßen
poetische wie prägnante Wort zu fassen: "Ach Guanay, Weltstadt
der Garküchen, handfester Kellnerinnen und Animiermädchen,
des Schlächters und seiner Gehilfen, des Händlers mit
seinen Stoffballen, des Kinobesitzers, der Lastwagenfahrer, die
nach glücklich überstandener Talfahrt aus dem Hochland
sich eine schwüle Nacht lang betranken, bevor sie sich auf
die Rückfahrt in die Kälte machten."
Faszinierend an "Der Sturz aufs Dach der Welt" ist auch,
wovon es nicht spricht. So geraten durch bestimmte Andeutungen ...
plötzlich Dinge für einen Sekundenbruchteil in den Vordergrund,
die man dort eigentlich nicht erwartet hätte ... im Kontext
des Romans aber dennoch eine starke Wirkung haben.
Simon
Leitner
Literaturhaus Wien |
AZIMUT |

|
KLAPPENTEXT
"Azimut,
vom Arabischen as-sumut, die Wege, erzählt nicht nur von der
Suche des Landvermessers Conrad nach dem richtigen Weg für
eine neue Straße durch den Regenwald. Es ist eine Geschichte
von der Suche nach dem richtigen Weg durch das Leben, die Liebe,
Freuden und Ängste, Hoffnung und Enttäuschung, und dies
vor dem Hintergrund einer paradiesischen, vom Untergang bedrohten
Welt, die zugleich eine Welt im Aufbruch ist."
1966,
Conrad hat sein Studium beendet, eine Familie gegründet, baut
an einem Haus für eine glückliche Zukunft in der Mitte
Europas. Und doch bricht er mit Frau und Kindern ins Ungewisse auf,
als ihm der Zufall die Gelegenheit dazu bietet. Als Landvermesser
soll Conrad der STRASSE DER ZUKUNFT den Weg durch einen der letzten
unberührten Landstriche Afrikas bahnen. Er beginnt seine neue
Aufgabe in San Andres, einem Fischerdorf an der Küste einer
erst vor kurzem unabhängig gewordenen französischen Kolonie.
Das Leben im Regenwald, auf sich allein gestellt und in kaum überbrückbarer
Distanz zu den Einheimischen, schweißt die kleine Familie
eng zusammen. Als das junge Paar Luc und Jeanne in ihr Leben tritt,
entwickelt sich, begleitet von erotischer Spannung, eine tiefe Seelenverbundenheit.
Doch immer wieder zwingen äußere Umstände einen
der Freunde, den Regenwald zu verlassen, und das harmonische Gleichgewicht
steuert auf einen Konflikt zu. |
LESEPROBE
Die Hitze des Tages war geschwunden, doch der schwüle
Dunst des Meeres lag weiter über dem nächtlichen Hafen.
Conrad kippte seinen Stuhl nach hinten, daß die Vorderbeine
schräg über dem Boden schwebten und die Lehne am glatten
Stamm eines alten Lorbeerbaumes scheuerte. Das Sirren der Zikaden
schmerzte ihn in den Ohren. Er hob sein Glas an den Mund, erblickte
am Ast über sich eine Glühbirne mit Blechschirm, umschwirrt
von Mücken und Nachtfaltern, die sich daran die Flügel
versengten und ihm als sanfter Regen auf Haar und Schultern fielen. |
DER WEG NACH SSONG KÖL |

|
KLAPPENTEXT
Ein
Mann kehrt heim, vermutlich von einer längeren Reise. Zuhause
ist inzwischen die Zeit stehen geblieben, erstarrt zu Säulen,
und nur Bewegung kann sie zum Klingen bringen, das Leben wieder
in Gang setzen. Daraus entsteht der Erzählfluß dieses
Buches, der sie einzelnen, manchmal nur im Ansatz skizzierten Geschichten
letztlich verbindet. Es klingt etwas an, das uns alle betrifft.
Die über den Erdball verstreuten Orte sind nur der äußere
Anstoß für das. was aus den Begegnungen mit Menschen
und Landschaften in uns weiterwirkt, in Gedanken, Gefühlen,
Wünschen oder Träumen. Die Erzählkunst Peter Steiners
macht sie bildhaft, nimmt uns an der Hand und führt uns bis
nach Ssong Köl. |
LESEPROBE
HEIMKEHR
Du
kommst zur hohen Tür herein, betrittst das von Kastanien und
Fichten beschattete Haus. Es ist dein Haus, dessen Räume dich
erwarten, dein Schritt über knarrende Parketten, dein jähes
Verhalten, Schweigen, Horchen. Als könnte die Zeit reden, die
du in diesen Räumen verbracht, oder verlebt hast (möchtest
du das sagen?). Du siehst, wie der Wind Zweige vor dem Fenster bewegt,
siehst grüne Fächer auf und nieder schwenken, aber du
hörst nichts. Die Luft steht in den Räumen und du denkst,
sie sei nicht zuerst und schon gar nicht allein zum Atmen da, sondern
um dir ein Zeichen zu geben, ein Zeichen der Zeit, die nicht mehr
fließt, sondern erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen
und Fenstern. Säulen stellst du dir vor, Säulen aus reiner
Zeit, gerade so weit gefestigt, daß, öffnetest du ein
Fenster, der Luftzug sie zum Klingen brächte. Das Haus begänne
in allen Räumen zu tönen, rissest du die Fenster auf,
denkst du, und bleibst stehen, während deine Frau tatsächlich
zum Fenster geht und es öffnet - und du stehst noch immer da
und horchst, da sie schon die Tür zum Balkon aufmacht und der
Wind durch die Diele fährt, samt dem Blätterrauschen aus
dem Garten und dem Gesang einer Amsel.
Ist
das Heimkehr?
Bist du heimgekehrt?
Bin ich zu Hause?
Auf
dem Schreibtisch liegt ein Blatt Papier mit einer Liste von Dingen,
die vor der Abreise zu erledigen gewesen sind, Zeile für Zeile
durchgestrichen. Du hast alles erledigt, bist abgereist, ohne offene
Fragen zu hinterlassen. Bist du nun nur zurückgekommen, um
neue Fragen zu stellen? Welche Fragen? Und warum hier, in diesem
Haus der erstarrten Zeit? Kannst du deine Fragen nicht anderswo
stellen, überall? Ja, überall, also auch hier, hier in
deinem Haus. Du besitzt ein Haus und es steht im Süden von
Wien, am Rande einer Kleinstadt, umgeben von Weingärten. Dorthin
bist du zurückgekehrt. Wahrscheinlich wünscht du dir ein
Zuhause, und dieses Haus kommt deinem Wunsch entgegen. Aber erfüllt
es ihn auch?
Du betrittst das Haus, hast es schon betreten, bist die Treppe hinaufgegangen
und durch die hohe Tür geschritten, hinein in den zentralen
Raum, aus dem du durch Glastüren in all die anderen Räume
sehen kannst, wo überall die Luft steht, über Eichenparketten
und unter Decken mit Stuck. Du siehst die Blätter des Kastanienbaumes
auf und abschwenken und das Blatt Papier auf deinem Schreibtisch,
reglos seit vielen Wochen, eine Liste von erledigten Aufgaben und
beantworteten Fragen, ein Friedhof der Buchstabengräber, angeordnet
in Zeilen, und deine Frau öffnet, nein, reißt Fenster
und Türen auf, und schon wiederholst du die Erinnerung an den
Frühlingswind und den Gesang einer Amsel, von welchem begleitet
das Blatt Papier mit dem Verzeichnis deiner Tätigkeit vor Wochen
zu Boden segelt und sich langsam auf den Eichenbrettchen fortdreht,
bis es zum Stillstand kommt. Sollst du es aufheben und die erste
neue Frage darauf schreiben: Bin ich heimgekehrt? Bin ich wirklich
zu Hause?
Du
läßt das Blatt liegen, steigst über das scharf beschnittene
weiße Papier hinweg und horchst auf den Gesang der Amsel.
Kleine schwarze Schwester!
Ce matin - il y avait un merle qui chantait depuis l'aube de ce
jour ensoleillé à Paris. Wir schliefen bei offenem
Fenster. Es ging kein Wind und der Gesang füllte den Hof hinter
der Rue du Sahel. Am Ende jeder Strophe, lang und melodiös,
setzte der Vogel vier mal den gleiche Ton: tü - tü - tü
-tü. Du hast ihn sofort als einmalig erkannt. Da sang nicht
irgendeine Amsel, nein, es sang die Amsel aus dem Hof an der Rue
du Sahel. Eine Solistin, die Amsel aus der Rue du Sahel.
In
Paris blühen die Kastanienbäume. Hier fächeln nur
die Blätter vor dem Fenster, die Kerzen sind noch knospenklein,
wie Bonsaibäumchen. Die Zeit war wohl nicht nur im Haus sondern
auch in dessen Umgebung stehen geblieben. Befindet sich dein Besitz
am richtigen Ort? Aber wie sollst du darauf Antwort geben, der du
seit Jahren nicht mehr im Sommer zu Hause warst? |
STIMMEN ZUM TEXT
Peter Steiner zählt zu den bemerkenswerten Randgängern der österreichischen Gegenwartsliteratur. Unabhängig von literarischer Betriebsamkeit entwickelt er konsequent ein Erzählwerk, das Menschen in existentiell exemplarischen Situationen zeigt: Erkundungsfahrt, Reise, Kultivierung von Land, Einsamkeit, Liebesbegegnung, u.a.m. Die Auseinandersetzung mit der Natur bildet dabei ein zentrales Thema, die mit präzise registrierender Sprache beschriebenen Landschaften kontrastieren mit den Personen, die mitunter in zweifachem Licht erscheinen: als reale Menschen und als bedeutsame, beinahe mythische "Kulturhelden".
Kurt Neumann
Literarisches Quartier Wien, Alte Schmiede
Vor einigen Wochen traf "Der Weg nach Ssong Köl" bei
mir ein. Ich habe zu Thomas Mann und Robert Walser sagen müssen,
daß ich sie nicht sprechen kann, weil ein Freund zu Besuch da
ist. Und auch Vincent van Gogh habe ich gebeten, seine Briefe für
eine unbestimmte Zeit nicht mehr zu schicken.
Dann
bin ich zuerst mit dir heimgekehrt, in diesem wunderbaren Kleinod
(Heimkehr), das mich damals schon, als du es mir in einem deiner
Briefe schicktest, getroffen und gerührt hatte. Ein herzliches
Wiedersehen auch mit unserer gemeinsamen Amsel.
Danach
habe ich die große Weltreise begonnen, sah Tampa mit meinen
eigenen Augen: "das nur kurz erhaschte Lächeln hinter
der Scheibe, der in träumerischer Hoffnung verlorene Blick
.....verbunden mit einem leisen Schmerz, der in sich ruht, keine
Gründe sucht, niemandem Schuld beimißt."
In
Manhattan fühlte ich mich leer und einsam, sowie auch in anderen
großen Städten (Havanna, Trinidad etc.). Und trotzdem,
wie erkenne ich mich in dieser Sehnsucht nach der Stadt, die eine
Sehnsucht nach Menschen ist (die die Natur in ihrer Einsamkeit so
schrecklich vermißt), eine unersättliche Sehnsucht nach
allen möglichen Beziehungen mit Frauen, ihren geheimnisvoll
lockenden Düften und schlichten Gebärden und Blicken,
in denen man sich für immer nackt und still niederlegen will.
Sehnsucht
nach der Stadt. Flucht aus der Stadt: "Die still schreiende
Angst" bliebt mir aus den Städten. Und im Grau der "helle
Wischer einer Taube." Der Traum bleibt mir, in dem der Held
die Lebensenergie (Kupdri) nicht mit den Händen fangen kann
und ermüdet dasitzt. Oder das Ringen mit "Lichtschlangen",
den kommenden Büchern. Ist es nicht darum, daß uns der
Autor dieses "Zwischenbuch" gegeben hat? Ja, habe ich
still genickt, als las: "Laß uns Märchen spinnen,
über den Inhalt der Briefe in den Händen ukrainischer
Frauen". Ja, habe ich still geschluchzt, bei dem Satz: "Nur
so, auf diese Weise, die der Handlung das Handeln verwehrt, kommen
wir einander nahe".
Aber
wir mußten weiter, weil der Gott es uns dichtete: "Hier
ist nicht unser Haus / Hier werden wir nicht leben / Du, auf die
gleiche Weise, / Wirst von uns scheiden müssen".
Dann,
kreuz und quer durch die Welt, von Italien nach Yucatan (ein einzigartiges
Bild: wie der Held, fast vor Hitze vergehend, in die Erde absteigst,
den Wurzeln des dunklen Lebens entlang, zum klaren Brunnen des Lebens,
ins "Auge Gottes". Von dort in die Mongolei, zur Frage.
"Und Komei? Wen küßt ihr kirschroter Mund?"
Den Erzähler, dachte ich, als Dank für diese schlichte,
schöne Erzählung.
Aus
Phander habe ich mir das schöne Gedicht am Anfang der Erzählung
mit nach Hause geschmuggelt Von "Rosebud" wandte ich mich
zuerst ab. Bei zweiter Lesung trat mir das Schreckensbild erst recht
vor Augen; wie eine erbarmungslose und von Gott verlassene Zivilisation
(nicht einmal eine Kultur) des Autors liebsten, erdgebundenen Vorfahren
zerstückelt und verstümmelt hat. Ein zutiefst blutendes
Bild, bitterer vielleicht noch als das leibliche Massaker, das überall
dort stattgefunden hat.
Und
dann endlich, endlich kam ich in Barskoon an. Und ich spürte
es schon in den ersten Zeilen. Bei der Beschreibung der Jurte wußte
ich es sicher: dieses ist das eigentliche Haus von Peter Steiner,
dieses uralte und aus lebendigem Material aufgerichtete "mobile
home". Und dann sah ich ihn kommen, seinen Großvater,
der sich hier Mahmud al Kashgari nennen ließ. Ich sah, wie
er dem Enkel wieder alle Länder und all ihre Sprachbäume
zeigte. Und ich war es, der ihm in sein schlafendes Ohr flüsterte:
Hier bist du zuhause".
"Heimkehr"
und "Der Weg nach Ssong Köl": diese beiden Erzählungen
legen ihre warmen Arme um die anderen Geschichten und teilen ihre
Wärme mit ihnen.
Paul Hermans
Brunssum bei Maastricht
Die
Magie dieser Geschichten ergibt sich aus dem gleichwertigen, ideologiefreien
Nebeneinandersetzen der Wahrnehmungen. Aus scheinbar absichtslos
beschriebenen Details von über den Erdball verstreuten Orten
entsteht ein leuchtendes Mosaik der Bilder, deren Vielfalt doch
in einem gemeinsamen Grundton schwingt. Die Gattung der Short Story,
die dieser Autor meisterhaft beherrscht, besticht durch eine rasche
Bestandsaufnahme, deren erhellende Poesie sich aus ihrer Skizzenhaftigkeit
ergibt.
Edith-Ulla
Gasser
ORF Literatur
(Der
Eröffnungstext) "Heimkehr" rührt an dem Mysterium,
wie ich es fast jeden Tag empfinde:
"Die
Luft steht in den Räumen und du denkst, sie sei da, um dir
ein Zeichen der Zeit zu geben, die nicht mehr fließt, die
erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen und Fenstern."
Ein
wunderbarer Satz, ein Satz wie ein Gedicht. Ich habe ihn gelesen,
und gehortet, und belauscht. Ich möchte ihn wiederholen wie
einen Mantra. Dieser Satz hat etwas zu tun mit meinem innerlichsten
Zeitgefühl, (...) diese Sehnsucht nach dem Stillstand der Zeit,
eine Sehnsucht, die ich nicht nur in diesem Satz aufleuchten sehe,
sondern auch in den Bildern meines geliebten Johannes Vermeer, in
jedem gelungenen Stilleben, in jedem erinnerten Augenblick von Sonnenlicht,
in ein stilles Zimmer fallend.
Es ist eine gefährliche Sehnsucht, das fühle ich genau.
(...) Ist es ein Todesverlangen? Vielleicht. Aber (...) es ist kein
Verlangen nach Dunkelheit, nach einem toten Stillstand. Es geht
ein Lichtverlangen darin um, ein Verlangen nach einem Stillstand
im intensivsten, lebendigsten Augenblick. Dort verbrennt sich (sic!)
der Phönix zu Asche. Und immer wieder anders ist dieser Stillstand,
je nach dem Stande der Stille.
Wieviel
verlorene Zeit sammelt sich (nicht) in diesem Stillstand, wie dicht
liegt der Stillstand, dieser Raum in der Zeit, (nicht) an dem Zeitraum,
wo uns die geliebten Gesichter, Stimmen, Bilder, Gebärden,
Düfte entschwanden? Ist es nicht, als ob gerade in diesem Stillstand
alles Verlorene wieder ganz nahe ist? Fast wird die Stille die flüsternde
Stimme der Mutter; sie erzählt von dem Rätsel; es tut
sich ein Lichtfenster auf; an der Kimme im Ohre gehen Antworten
um, die uns angehen. Fast kannst du sie hören. Aber dann machst
du, in deiner spannungsvollen Erwartung, unwillkürlich eine
leichte Bewegung. Und verscheucht bleibt nur die schweigende Stille
zurück.
Paul
Hermans
Brunssum bei Maastricht
Anmerkung: von
Paul Hermans sind fünf Gedichtbände erschienen, zuletzt
"Hartschelp", im Verlag De Geus BV, Postbus 1878, 4801
BV Breda, Nederland, (2007)
In
deutscher Übersetzung liegt bis jetzt nur ein kleines Bändchen
vor: "Ein Kern von Oberflächlichkeit", mueckenschweinverlag
Stralsund (2002)
An
der Übersetzung weiterer Gedichte wird gearbeitet. Also aufhorchen!,
wenn der Name Paul Hermans fällt. |
WO IMMER DU WILLST |

|
KLAPPENTEXT
Diese Geschichte spielt im ausklingenden Sommer, vielleicht schon
Herbst, einem Herbst der Jetztzeit. Wen erwartet der Mann, im
Morgengrauen, abseits der Straße, unter freiem Himmel? Was
trieb ihn, die Nacht im Auto ohne Halt durchzufahren, im stummen
Zwiegespräch das Gefühl über alle Grenzen verlierend?
Einen Tag zu früh ist er von zu Hause aufgebrochen, morgen
wird Hanna auf dem Flughafen von Venedig ankommen. Wo sie einander
wiedersehen wollen, hatte er sie über den Ozean hinweg gefragt.
"Wo immer du willst", war ihre Antwort gewesen. Mit
entschlossener Leichtigkeit beginnt die gemeinsame Reise durch
das Hinterland des adriatischen Küstenbogens, die "Terra
Ferma" der einstigen Republik Venedig bis an deren entlegen
Grenzen in den "Siben Pergen". Keine jugendliche Liebe
mehr, sondern eine im Wissen um ihre Grenzen, geleitet sie zu
Orten großer Liebender der Vergangenheit wie in die nächtliche
Zweisamkeit fernab unter Sternen. In immer neuen Facetten zeigt
sich die unerschöpfliche Spannung zwischen Mann und Frau,
nicht ohne wachsende Ahnung, in der nahenden Trennung verberge
sich der Abschied für immer. Peter Steiners Erzählung
ist eine Elegie auf die Liebe, die sich nur in der augenblicklichen
Gegenwart erfüllen kann. |
LESEPROBE
Hanna
hat meinen Blick verändert. Seit sie da ist, sehe ich alles
mit vier Augen. Dazu kommt mein Spiegelbild in ihrem Antlitz. Es
stellt mich ins Zentrum der Welt. Selbst an den Klippen über
dem Meer gibt es keinen Rand. Alles dreht sich um uns, wir sind
die Mitte mit vielen Namen; "wir, uns, du und ich, niemand
sonst, nichts außer, alles ..."
Später,
auf dem Kai, falte ich aus dem Katalogblatt ein Schiffchen und setze
es im Hafenbecken aus. Ist es Wind, zu schwach um ihn zu spüren,
der das Boot fortbewegt, oder ist es das Ziehen der Gezeiten, hat
die Ebbe eingesetzt? Wir gehen langsam neben dem winzigen Boot her,
in Richtung Osten, zum Canale di Porta Nuova, der schmalen Ausfahrt
ins Meer. Dort steht an jeder Seite ein hoher Wachturm. Zwischen
den Türmen hängt eine Sperrkette. Wo diese ins Wasser
eintaucht, um einige Meter weiter wieder daraus hervorzusteigen,
stößt unser Boot an, dreht sich auf der stelle und entfaltet
sich dabei, Bugkante um Bugkante, zuletzt nur noch ein im Wasser
treibendes Blatt Papier, das allmählich versinkt. |
STIMMEN ZUM TEXT
Das
Buch besticht durch seinen elegischen, wunderbar freimütigen
und dennoch keuschen erotischen Ton, der im Ohr bleibt, ein langes,
erdentreues Adagio, in dem Beschreibung von Landschaft und Leib
ein und dasselbe werden. Etwa in dem unvergeßlichen Bild von
der dunklen Haut um die Brustspitzen der Geliebten, die zugleich
eine zitternde Nachbildung der Lagunenstadt aus der Vogelschau wird,
ein Bild, das einem ein Schaudern und Flimmern durch das Rückenmark
jagt, ein Zeichen, so sagte Nabakov einst, von gelungener Literatur.
Und dann noch die vereinzelten Sätze, Bilder und Gedanken:
über die Unzulänglichkeit
der Photographie, über
die Trauer in jedem Geschenk, über die Bereitschaft die schon
Verständnis ist, über die Metaphysik der Lust (ich höre
Mahler Nietzsche vertonen: "Denn alle Lust will Ewigkeit.".
Hannahs Hand, vereinzelt schwebend in der Nacht; wie sie ihr Haar
in einen Roßschweif bindet; wie sie sich bewegt vor der Sonne,
in der Sonne. Alles Spiegelscherben meiner eigenen Seele, meines
eigenen Verlangens nach brennendem Stillstand, meiner eigenen Todesangst.
Paul Hermans
Maastricht
"In
die Agonie der Körper entwichen"
Peter Steiners "Abschiedsfest" eines Liebespaares
Es
geht in dieser elegisch-hintergründigen Erzählung um das
Einmalige dieser Liebe auf Entfernung, die von der Sehnsucht zueinander
lebt, beseelt vom "Wunsch nach dem Unmöglichen".
Beide wissen, wie gefährdet dies Glück wäre, wenn
sie zusammenleben würden: "Zögern wir zusammen -
wovon wir Tag und Nacht träumen-, dauerte es nicht lange, und
wir wären getrennt für immer."
Dem bedächtigen und genauen Erzähler Peter Steiner gelingt
in dieser leicht geformten Geschichte, jene unterschwelligen Sehnsuchtsschichten,
die dem Begehren zurunde liegen (wider allen Abdriftungs- und Wiederstandsmöglichkeiten,
etwa der ständigen Vergleiche aus der Vergangenheit et cetera),
sicht- und spürbar werden zu lassen.
Georg
Pichler
Die Presse
HINTER
DEM HORIZONT
zu den 35. Rauriser Literaturtagen, Pinzgauer Nachrichten
"Wo
immer du willst", antwortet Hanna auf die Frage ihres Geliebten,
an welchem Ort sich die beiden treffen sollten. Es wird Venedig
sein.
Ortswechsel
- das zentrale Motiv in der Literatur von Peter Steiner, der seine
Leser in die entlegendsten Ecken der Welt entführt. Im Roman
"GAP" (1998) war es Südamerika, wo der Protagonist
im Dschungel nach einem Schmetterling und einem Berg sucht, die
zuvor noch niemand gesehen hat. Natürlich handelt es sich in
Wirklichkeit um die Suche nach der eigenen Identität und der
Held kommt zur Erkenntnis: "Der Horizont ist ein Teufelskreis
... Je mehr man ihn erweitert, desto größer wird das
Unbekannte dahinter."
"Mitten im Nichts", irgendwo in der Neuen Welt, war der
Schauplatz von Steiners Buch "IM langen Schatten" (1996)
angesiedelt und die Handlung des Romans "Jenseits der Jägerzeichen"
(2001) spielte im afrikanischen Busch.
Der Schlüssel zu den unterschiedlichen Orten von Steiners Literatur
ist in der Biographie des Autors zu finden. Als Geologe war Peter
Steiner jahrelang im Auftrag der UNO in entlegendsten Gegenden unterwegs.
Die eigentliche Entwurzelung liegt jedoch in der Kindheit des 1937
in Baden bei Wien geborenen Schriftstellers. "Am Anfang stand
der Krieg, aber ich sah darin nur den äußeren helfenden
Umstand, der uns zur Flucht trieb. Mir hat es das Herz nicht schwer
gemacht, den Ort meiner Geburt zu verlassen, im Gegenteil, es kam
meiner Neugierde entgegen, in die Fremde zu gehen. Die lag im Gebirge,
in einem engen Hochtal jenseits der Tauern. Gäbe es einen Ort,
den ich als Heimat bezeichnen könnte, es wäre jener Fluchtort
im Hochgebirge", schreibt Peter Steiner im Text "Dichter
und ihre Orte".
In Rauris wird der "entwurzelte Bergbauer", wie sich Steiner
selbst einmal charakterisierte, aus seiner neuen, im Otto Müller
Verlag erschienenen Erzählung "Wo immer du willst"
lesen. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen einer amerikanischen
Dolmetscherin und dem Ich-Erzähler. Er, ein 60-jähriger
Weltenbummler, und sie, geschieden, Mutter von drei Kindern, kennen
und Lieben einander schon seit 20 Jahren. Sie sind es gewöhnt,
mit ihrer Beziehung behutsam umzugehen, um diese nicht aufs Spiel
zu setzen: "Zögen wir zusammen - wovon wir Tag und Nacht
träumen -, dauerte es nicht lange, und wir wären getrennt
für immer."
Vielmehr versuchen sie, ihre Liebe immer wieder aufs Neue zu beleben.
Dieses Mal treffen sich die beiden in Venedig, kehren jedoch der
Lagunenstadt bald den Rücken, um in einem klapprigen Wohnmobil
das Hinterland zu erkunden. Die Reise führt das Paar durch
den Karst, zur Lagune, ans Grab von Joseph Brodsky, nach Istrien,
Padua, Mantua, Verona sowie zu den Euganeischen Hügeln.
Steiner verpackt die Geschichte einer stillen Liebe in eine Art
Reisetagebuch, in das er die Beschreibung von Landstrichen, die
Begegnungen mit verschiedenen Menschen, historische Spuren und Gedanken
von Petrarca und Vergil einfließen lässt. Die Melancholie
der Landschaft des Veneto wird letztlich zum Symbol für die
Gefühlslage der beiden Protagonisten. |
JENSEITS DER JÄGERZEICHEN |

|
KLAPPENTEXT
Warum
er geblieben war, konnte Luc nicht erklären. Das Rückflugticket
hatte er bereits in der Tasche, und in den zwei Jahren als Lehrer
in Afrika hatte er die Tage bis zur Heimkehr nach Frankreich gezählt.
Doch als ein alter Kolonist ihm anbietet, in den Regenwald zu
kommen und eine Gruppe von Holzfällern zu beaufsichtigen,
sagt er ja. Bei einem Dorffest lernt er die Schwestern Claire
und Pauline aus dem Stamm der Tébé kennen. Eine
Liebe in vertrauensvoller Dreisamkeit entsteht. Luc kann sich
nicht satthören an den Mythen über die Entstehung der
Welt und das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Erst
allmählich erfährt er mehr über Claire und Pauline
selbst, was sie von allen anderen Frauen ihres Stammes unterscheidet,
über ihre Familie und Spannungen zwischen Vater und Sohn.
Doch wer ahnte deren dramatische Folgen in dem auf Freiheit schlecht
vorbereiteten Land? Während die Welt gespannt am Bildschirm
die erste Mondlandung beobachtet, ist eine andere Welt dabei,
die letzten vom Menschen unberührten Gebiete dieser Erde,
"jenseits der Jägerzeichen", zu betreten. Mit diesem
Buch ist Peter Steiner eine einfühlsame Schilderung dieser
"anderen" Welt und ihres kulturellen und politischen
Umbruches gelungen. |
LESEPROBE
"Das
gleiche Wort, einmal hier, einmal dort gesagt, hat zwei sehr verschiedene
Inhalte. Ist das nicht der Grund, warum wir verschiedene Sprachen
haben? Hier im Wald spricht jeder Stamm seine eigene Sprache, und
das ist richtig so, denn was sie aussagt, gilt nur für jene,
die sie verstehen, nicht für andere. Und dann kommt ihr mit
euren Weltsprachen! Die tragen doch das Unglück in sich." |
STIMMEN ZUM TEXT
.....
eine eigentümliche und vor allem nachvollziehbare Geschichte,
die ihre Geheimnisse nicht preisgibt,...
Peter
Handke
Je mehr mir die Sätze und Bilder eigen werden, je mehr ich
mir die Länder und Orte vorstelle, von denen ich noch nie gehört
habe, die geheimnisvoll anklingen wie einst die Länder und
Orte in Karl May's Büchern, desto mehr kommen mir die Wörter
von Ingeborg Bachmann in den Sinn:
Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,
und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt...
jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen,
jedes Licht hat mir ein Auge verbrannt.
in jedem Schatten zerriß mein Gewand.
Diese
letzten drei Sätze: ich habe sie immer wieder gehört,
am Ende der JÄGERZEICHEN, dieses schreckliche, abrupte Ende
eines Paradieses, worin ich mich langsam, die Düfte, die Stille,
die Hitze und die Nacht tastend, vorwärts (und immer wieder
rückwärts) bewegt habe. Ich konnte die warmen, dunklen
Stimmen der beiden Frauen, Claire und Pauline, hören, und die
wunderbar keusch-erotisierenden Sätze tropften in mein eigenes
Verlangen, meine mich fast zerreißende Sehnsucht, einfach
neben einer Schönheit im Bett zu liegen, nicht um sie zu besitzen,
doch um ihr unersättlich zuzusehen und sie mit dem Schatten
meiner Finger zu streicheln.
Das
Ende des Buches hatte auf mich einen unglaublichen Effekt. Wirklich,
als ob einer mit einem Hackmesser mit einem kurzen, schnellen Schlag,
mir das Verlangen entherzte. Was bleibt ist die Phantompein, der
leibliche Schmerz um eine Stelle, die für immer entschwand.
Paul
Hermans
Brunssum, am 4. Juni 2005 |
HANDSTÜCKE (Prosa,
Notizen und Skizzen) |

|
STIMMEN ZUM TEXT
Der
Verlag Literaturedition Niederösterreich brachte im Jahr 2000
eine Sammlung mit Kurzprosa heraus; "Handstücke - Prosa,
Notizen und Skizzen" aus den Jahren 1981 - 1994. Die Kurzgeschichten
und Reiseimpressionen entstanden in Baden, Peru, in den Zügen
"The Montrealer" und "The New Yorker", in Sibirien
(Irkutsk), Guyana, Kappadokien, Anatolien, Apulien, Worcester N.Y.,
Paris, Bolivien, Decatur N.Y. und Großgmain. Allen Texten
des Bandes gemeinsam ist der Charakter des Vorläufigen, die
Geschichten haben etwas Rohes, dessen Reiz nicht zuletzt in der
Ahnung von unbegrenzten Möglichkeiten besteht. Denn das "Handstück",
erklärt Steiner in der Vorrede des Buches, bezeichnet in der
Sprache des Geologen "die Stückprobe des Gesteins"....
es wird in der freien Hand geschlagen, darf keiner harten Unterlage
aufliegen, um nicht an ungewollter Stelle zu zerspringen. Das werdende
Handstück muß unter dem Hammerschlag federn. Die Hand
dient dabei als weicher Amboß und ist zugleich Maß ...
Das Handstück ist bleibende Erinnerung an vieles ... Die Metamorphose
schreitet fort, vom Lesestein zum Handstück, von Handschrift
zu Lesestück."
Andreas
Weber
LITERATUR UND KRITIK |
DOBERIG |

|
KLAPPENTEXT
Kalte, klare Luft, schwarze Berge, ein nachtblauer, sternenklarer
Himmel und eine ungewohnte, unbegreifliche Nähe des Weltraums
bestimmen den ersten Eindruck des siebenjährigen Kofler-Buben,
als er in einer Herbstnacht des Jahres 1944 vom Trittbrett des
Autobusses springt und sich umsieht in dem Dorf seiner Vorfahren,
wo nun auch er leben soll, zumindest bis die Zeiten wieder sicherer
sind: Doberig - ein Dorf im Gebirge, wo die Leute nicht kreuz
und quer laufen, wie Kofler es aus der Stadt kennt, sondern Wegen
folgen, die sternförmig auf ein Ziel zusteuern: die Kirche,
davor der Platz mit dem Kriegerdenkmal und das Hotel Post. In
dessen Garten wird noch bis ins Frühjahr die Fahne wehen:
rot, mit weißem Kreis und Hakenkreuz. Und der Bub wird dabei
sein, wenn man diese Fahne schließlich statt abzunehmen
auf Halbmast setzt, an der Seite seiner Mutter, unter Menschen,
für die das Ende des Dritten Reiches ein Trauertag ist.
Über fünf Jahrzehnte später durchstreift Kofler
mit einem Freund frühlingslichte Wälder. Unter dem Eindruck
der jüngst wiedergefundenen Aufzeichnungen der Mutter aus
dem Doberig seiner Kindheit erzählt Kofler davon. Der Freund
ermutigt ihn, dem wortlosen Ende jener "großen"
Zeit der Eltern sein Erleben entgegenzustellen, indem er es niederschreibt.
Koflers Vertiefung in jene weit zurückliegenden Tage rührt
an der Eltern und Großeltern Schuld, zwingt ihn aber auch
zur Rekonstruktion und Hinterfragung seiner selbst, vor allem
jedoch ersteht in eindringlichen, höchst genauen Bildern
der gebirgige und seelische Lebensraum eines als Fremdling in
der so rätselhaft schönen wie fragwürdigen Heimat
seiner Vorfahren aufwachsenden Kindes. |
LESEPROBE
Ich wußte selber, daß die kleinste Änderung der Sätze
diese bis zur Unkenntlichkeit zerstören würde, sie damit
ihren Sinn verlören, die Macht, etwas über die Zeit auszusagen,
in der sie geschrieben wurden, von einer in die Zeit eingebundenen,
ja eingeklemmten, nur scheinbar freien Person, meiner Mutter... Doch
jede Erklärung ist machtlos gegenüber Sätzen, die sich
im Augenblick der Niederschrift verschließen und nicht mehr
geöffnet werden, nur noch zerbrochen werden können. Nur
ganz - "wörtlich", sagte der Freund - beinhalten sie
etwas von dem Atem der Zeit, Glücksrausch oder Todeshauch, manchmal
beides in einem. |
STIMMEN ZUM TEXT
"Doberig"
(1999), der schlanke Roman über eine Kindheit im nationalsozialistischen
Österreich, beginnt in der Gegenwart mit zwei Männern,
die im indischen Restaurant eines Pariser Vorortes sitzen. - "Schreib
darüber, schreib für uns alle. Denn das fehlt noch",
sagt der eine zum anderen auf der zweiten Seite. Und der Autor erzählt
"dem Freund" von der Kindheit des "Kofler-Buben",
der mit seiner Mutter im Herbst 1944, während die Städte
in Schutt und Asche versinken, in das Gebirgsdorf Doberig zurückkehrt.
Die Mutter und die Älpler empfinden das Kriegsende als "Niederlage".
Steiner beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die
Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen
gleichermaßen unterläuft. Er zeigt die Welt ohne Bitterkeit
und Haß. Seine sprachliche Präzision verbindet sich mit
fundierter Sachkenntnis zu einer großen literarischen Dichte.
Der Text besticht durch seine Authentizität, das Erzählte
ist frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit", die
dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finessen.
Der Auto versteht es, von sich abzusehen, es gelingt ihm, das Persönliche
ins Verbindliche zu wenden.: Fern der großen weiten Welt und
ihrem Krieg, im Schutz einer Mauer aus hohen Bergen, verbringt der
Junge seine Kindheit, von der er seinem Freund viele Jahre später
erzählt, die kleine Geschichte eines Lebens, in dem mit einem
kleinen Satz die Weltgeschichte auftaucht: "Es kam der Tag,
an dem die Engländer das Tal wieder verließen."
Andreas Weber
Literatur und Kritik
...läßt erkennen, daß das große Beben, das
Europa in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erschütterte,
in den Menschen, die ihre Seelen nicht erstarren ließen, nachzittert.
Oberösterreichische
Nachrichten (1999)
Der
Autor beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die
Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen
gleichermaßen unterläuft. Der Text besticht durch seine
Authentizität,..., frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit",
die dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finesse.
Andreas
Weber
Die Presse |
GAP |

|
KLAPPENTEXT
"El Invisible", der Unsichtbare, so nennen die Einheimischen
den stets in Nebel gehüllten sagenumwobenen Berg inmitten
eines Gebietes, das auf der kolumbianischen Landkarte nur als
"gap", als noch zu erkundende "terra incognita"
aufscheint. Der amerikanische Schmetterlingsforscher DiRocca ist
angereist, um diese geographische "Lücke" zu schließen.
Doch die gefährliche Expedition ins "Gap-Land"
wird ihm zusehends zu einem beschwerlichen Weg des Nachdenkens
über sich selbst, über treue Freundschaft und leidenschaftliche
Liebe. Letztere verbindet ihn mit der Einheimischen Inés,
die als eine Art Barmädchen den Wünschen der Gäste
auch außerhalb des Lokals nachkommen muß, um den Unterhalt
für sich und ihre Tochter zu verdienen. Auch sie hat sich
auf eine gefährliche Suche begeben, auf die nach einem besseren
Leben. So streben beide - auf unsicheren Pfaden unbekannten Zielen
zu...Peter
Steiner hat einen fesselnden Roman geschrieben über den Aufbruch
ins Ungewisse, über die Liebe, Freundschaft und den verzweifelten
Versuch eines Volkes, gegen das eigene Elend anzukämpfen.
|
LESEPROBE
Sie hatte DiRocca gelegentlich "mi principe azul" genannt.
Er hörte es gern. Seit er nun weg war, in jenen Regenwäldern
jenseits des Felsgebirges, paßte der Name noch besser zu ihm.
Der Blaue Prinz auf dem Weg zum Blauen Berg, "el Cerro Azul",
den DiRocca hartnäckig den "Unsichtbaren" nannte, obwohl
er, wie man ihr gesagt hatte, an manchen Tagen deutlich zu sehen war,
eine blaue Spitze, welche die Wolken durchstach. Es gab in letzter
Zeit viel Gerede um den Berg. Nicht nur Wolken, auch Gerüchte
rankten sich um ihn. Und diese hatten weder mit Schmetterlingen noch
sonstigen Hirngespinsten, so sah Inés DiRoccas fantasiereiche
Geschichten, zu tun... |
STIMMEN ZUM TEXT
Der
1998 im Otto Müller Verlag erschienene Roman "GAP"
ist die Geschichte einer Liebe, an deren Ende Überleben und
Alleinsein stehen: der 45jäjrige Lepidopterologe (Schmetterlingsforscher)
DiRocca verliebt sich vor dem Aufbruch zu einer Expedition in den
Dschungel Kolumbiens in die 24jährige Inés, ein Mädchen
vom Land, das in der Stadt in die Prostitution geschlittert ist.
Sie weiß, daß der Amerikaner in einer "eigenen
Welt" lebt. "Seine Wirklichkeit entsprach nicht der ihren,
auch wenn die Umgebung dieselbe war... DiRocca war ein Träumer,
das tat ihr gut, wie es sie andere Male erzürnte." Er
entkommt auf seinem langen Weg durch den Dschungel zurück in
die Zivilisation dem Tod nur zufällig, doch dann ist der Zufall
gegen ihn, er verfehlt in den Wirren eines Militärputsches
die Geliebte.
Der Titel des Romans bezeichnet terra incognita, jenes Land, das
auf keiner Karte existiert und das der Geologe Steiner "oft
genug persönlich erlitten" hat - "wenn ich in ein
unwirtliches Gelände kam, für das es keine Karten gibt.
Natürlich ist der Titel auch eine Metapher für eine Wissenslücke,
die es zu schließen gilt." Doch "GAP" ist vor
allem die Geschichte eines ratlosen Mannes, der zwischen zwei Frauentypen
hin und her gerissen ist: Einerseits die leidenschaftliche, ganz
im Jetzt lebende Prostituierte Inés, daneben hat DiRocca
über eine große Entfernung hinweg eine tiefe Beziehung
zu Sophia, die seine Seelenverwandte ist. Steiner beschreibt keine
Tagespolitik, doch die politischen Katastrophen kommen vor - "dieses
pulverfaßhafte Aufbrechen von sozialen Gegensätzen und
Unruhen ist eine Folge der Geschichte. Denn die europäischen
Eroberer kamen wegen des Goldes nach Südamerika, das wirkt
sich bis heute aus."
Andreas Weber
Literatur und Kritik
...
große Passagen wunderbarer Beschreibung, plastisch, zugleich
fein, bilderaufschließend (Öffnen der Tiefenbilder beim
Leser), vor allem, was die Naturbeschreibungen und dem gewöhnlichen
freien Auge entgehenden kleinen Naturdramen betrifft. Auch ist die
Geschichte spannend, ja, packend, stellenweise, noch besser, bewegend
= freilassend, im Sinne von herz-befreiend (die Stellen vom versäumten
Leben, die nicht nur rhetorischen, sondern persönlich ausschwingenden
Momente der Selbstinfragesetzung)...
....das
Interessanteste an GAP: die jähen Schwankungen in der Bewußtseinslage
des Hauptmenschen, DiRocca, .... vielleicht bezeichnend für
unsere Heute-Welt...
...
ein neuer Don Quijote bist Du am ehesten....und der Don ist schon
sehr stark in diesem Buch.
Peter
Handke
in einem Brief an den Autor |
IM LANGEN SCHATTEN |

|
KLAPPENTEXT
"Wer
einmal aus dem engen Tal draußen war, der konnte nicht mehr
zurück." Einer besucht, bevor er aufbricht, die "rituellen
Gesänge der Lakondonen an die Götter des Regenwaldes"
aufzunehmen, seinen Bruder in der Neuen Welt, fernab der großen
Täler und Städte. "War er ein Bauer, wenn nicht,
wer dann?" Im gemeinsamen Feldarbeiten, stummen wie wortkargen
Begegnungen, finden sich die Brüder im langen Schatten ihrer
Lebens-Aufbrüche. "Fanden wir uns, nach einem Leben,
in dem keiner vom anderen wußte, im gleichen Exil wieder?"
Sie kehren zurück in ihre Kindheit und Herkunft von der slowenischen
Bergwelt, aus der schon der Großvater aufgebrochen war,
um "Sprachbäume" zu erforschen, "eine Sprache
der Hoffnung". Berührendes Sinnbild einer Bruderschaft,
schließt dieses Buch den Kreis einer Trilogie von der Selbstfindung
quer durch alle Kontinente, der unentdeckten, der verlorenen wie
erfundenen in uns selbst - in einer Sprache, die, im genauen verweilenden
Blick, immer wieder aufgeht in die Dauer des Bildes.". |
LESEPROBE
"Ich
entfernte mich von dem lärmenden Ort, setzte den Vogel aus blaßblauem
Ton, der mir in den knetenden Händen entstanden war, in einen
Dornbusch und schlenderte durch die Niederung. Verband ich die Astellen,
an denen das Wasser am Fuße der Hänge austrat, durch eine
gedachte Linie, glich sie dem Ufer eines Sees. Weiter den Bach abwärts,
schon im Wald, gab es eine Stelle, wo sich das Wasser eine Schlucht
durch einen Rücken aus gewachsenem Gestein gegraben hatte. Seit
wann aber gab es den Durchlaß? Jetzt fielen mir die Findlinge
im Wald ein, der Opferstein, auf den wir das Kalb legten, der Steinkreis
um die Feuerstelle. Sie konnte nur das Gletschereis gebracht haben,
und bei Gletschern kannte wir uns aus. Auf ihnen und an ihren Rändern
...". |
STIMMEN ZUM TEXT
AN EINEM GESCHICHTSLOSEN ORT
Der österreichische Erzähler Peter Steiner legt ein Meisterwerk
vor
Der ältere Bruder besucht seinen jüngeren, nunmehr bereits fünfzigjährigen Bruder in der amerikanischen Einöde. Das Jahr läßt sich erraten, doch es ist unwichtig. Vom Beginn des Frühjahrs bis zum späten Herbst verbringen sie dort zusammen ein halbes Jahr. Sie machen ein Feld urbar, sie kaufen Vieh, ernten, mähen, reden ein wenig, schweigen viel. Es geschieht nichts wirklich Aufsehenerregendes in dieser Zeit – und doch so viel dank Der leisen Prosakunst Peter Steiners in seiner Erzählung „Im langen Schatten“.
Erzählt wird auch der Ich-Perspektive des Besucher, und schon die ersten Seiten zwingen den Leser in die Sichtweise eines an einem fremden Ort Ankommenden, der alles schärfer wahrnimmt, der sich während er langen Busfahrt vom Flughafen über die tristen Landstraßen auf das Treffen mit einem Menschen vorbereitet, den er im Wesentlichen nur mit Kindheitserinnerungen in Verbindung bringt. Eigentlich ist ihm dieser Bruder ein Unbekannter.
Der Platz, an dem er sich niedergelassen hat, ist ein „Ort, mitten im Nichts“. Die meisten Menschen, die dort noch leben, sind alt, leben mit ihren seelischen und körperlichen Versehrtheiten in Häusern wie in Grüften – lebende Tote, deren Schicksale berühren, ohne jeden Kitsch, ohne jede Rührselig-keit. De Gegend legt so weit nördlich, daß die Spanne zwischen den Wintern nur drei Monate lang andauert, also macht man sich gleich auf, das Feld zu bestellen, der wilden Natur ein Stückchen zur Kultivierung abzutrotzen. Wie mächtig die Natur ist, davon gibt es überall Zeichen, und nur der Besucher scheint sie zu erkennen. Selbst von den optimistischen versuchen aus den letzten hundert oder mehr Jahren blieben letztlich nicht mehr als leere Häuser und überwachsene Felder. Erst zu Beginn des Winters scheint auch dem jüngeren Bruder zu dämmern, daß er so enden könnte wie alle anderen. Es bleibt jedoch offen, ob er geht oder bleibt.
Ein großer Reiz von Steiners wunderbarer Erzählung besteht nicht zuletzt in den Naturbeob-achtungen. Selten findet man in erzählerischer Prosa unserer Tage solch genaue, sprachmächtige Darstellungen von Landschaften, Wäldern und Wiesen, wobei Steiner jede triviale Neoromantik zu umgehen weiß. Man fühlt sich in diesen Abschnitten an Handkes Buch "Noch einmal für Thykydides" erinnert, in dem ja scheinbar so bedeutenden Weltgeschichte die Schilderung von so bedeutungslosen Ereignissen wie das Fallen von Schnee oder das Schmelzen von Eis entgegengesetzt wird. (…) „Geschichte“ erscheint an einem derart geschichtslosen Ort, der nur vom Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt wird, geradezu absurd. Der Fall der Berliner Mauer im Fernsehen wirkt wie ein Bericht von einem fernen Planeten.
Steiner ist (…) aber auch ein begnadeter Erzähler. Es gelingt ihm, sich an Menschen heranzutasten und sie ihrer Geheimnisse doch nicht zu berauben. (…) So erfährt man nie so recht, warum sich er jüngere Bruder sich ein Haus kaufen mußte. Man kann es höchstens nachempfinden aus den Eindrücken, die man bekommt. Was für eine endlose Melancholie spricht aus der Stelle, an der der jüngere Bruder im Geiste sein erträumtes Haus auf einer freien Wiese baut, für Momente „wie am Ziel wirkt“, und schließlich erkennt: „Ich habe keinen Grund, es zu bauen.“ (…)
Eine zweite Zeitschicht erhält die Geschichte durch Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in einem österreichischen Bergdorf. Es ist diese zweite Ebene, die den „langen Schatten“ wirft auf das Hier und Jetzt der beiden Brüder, genauso wie die Nachbarn nur noch im Schatten ihrer Jugend leben. Gerade durch diesen gemeinsamen Bezugspunkt können sich die beiden Fremd-Vertrauten immer wieder einander nähern. Auch hier läßt sich oft nur erahnen, wie viel aus dieser Zeit noch unaufgearbeitet in ihnen rumort. Die ganze vergangene Welt in den südösterreichischen Alpen blitzt oft für Sekunden auf, so lebendig, daß den Erzähler im letzten Satz des Buches inmitten Neuenglands die Vorstellung erfaßt, sein Großvater käme jeden Moment aus dem Nebel.
Der fast sechzigjährige, weitgereiste Peter Steiner, der jetzt bei Wien und in New York lebt, ist ohne Zweifel ein fabelhafter Autor. Seine dritte Erzählung "im langen Schatten" ist ein ruhiges, vielschichtiges Meisterwerk, das seinen geduldigen Leser bereichert.
Stephan Landshuter
Landshuter-Zeitung (siehe auch "Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2)
Wege der Selbstfindung
Ein Bruderroman von Peter Steiner
Peter
Steiner vermittelt unaufdringlich und feinfühlig Bilder einer
Bruderschaft, die langsam zusammenwächst und dabei auf das
harte und rauhe Leben in der Wildnis eines riesigen Landes verweist,
wo auch der größte Einsatz keine Garantien bringt. (...)
Ein ruhiges Buch, das bei jedem Bild verweilen kann, bis es genügend
Wirkung gezeigt hat.
Rudolf
Kraus
Wiener Zeitung
Ich
war von der ersten Seite an gefesselt, und nach der dreißigsten
Seite fragte ich mich, woher dieser Text über die schlichten
Vorgänge der täglichen Arbeit, diese Beschreibungen von
Feld und Wiese, Weidezaun, Geräten und Maschinen, Gestein und
Wetterlagen ihre tiefe innere Spannung nehmen. Dazu der ruhige Ton,
sodaß man die Tage spürt und die Jahreszeiten, von denen
berichtet wird, und die so lange dauern wie sie eben dauern. Der
große Bogen der Erzählung, der sich erst gegen Ende konkretisiert,
ist von Anfang an spürbar. Mir erging es wie beim Hören
einer Bach-Fuge oder auch nur einer mehrstimmigen Invention: die
erste, einstimmige Tonfolge hat schon alle anderen, nach und nach
sich einflechtenden Stimmen in sich, kündigt sie nicht bloß
an, das macht ihre unwiderstehliche Sogwirkung aus. Hinter jedem
Bild Ihrer Erzählung liegen andere Bilder. Welche das sind,
erfährt man nach und nach, aber man spürt sie vom Anfang
an.
Elisabeth Schawerda
|
DIE LICHTUNG |

|
KLAPPENTEXT
"Wer
weiß, wo von er träumt?" Von einer Waldlichtung
aus, einem Ort der Kindschaft und der frühen Weltendeckung,
führen alle Wege in die eigene und der Vorfahren Herkunft:
vom Rand einer österreichischen Kleinstadt durch Wirren der
Jahrhundertmitte und Aufbrüche der Fünfzigerjahre bis
zu einem verlassenen Grabstein in den Bergen Amerikas. "Wenn
zwei aus derselben Quelle schöpfen, ist ihr Weg, wo auch
immer, nicht der gleiche?" Ein verzweigter Weg durch die
Lichtungen des Lebens in gelassener poetischer Sprache, die gleich
Licht um Kontur und Schatten, Brüche und Verschwiegenes weiß.
"Ich bin noch immer der Prinz der Lichtung ohne Grenzen."
- Ein dichter Brief zum lichten Abschied |
Weitere
Erscheinungen: "The
Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007 |
LESEPROBE
"Die Tischplatte ist von Algen geschwärzt. Hell glänzen
die darauf verstreut liegenden Föhrennadeln. Wie vertraut sind
mir die schlanken Zwillinge, der dunkle Knoten, der sie verbindet,
die feine Kerbe an den Innenseiten, welche verhindert, daß sie
sich einrollen, die feinen Spitzen, die, gebüschelt, dem Wind
einen unvergleichlichen Ton entlocken. Wärest du hier, du sähest
mich jetzt lächeln. Keinem vor dir habe ich es erzählt,
wie ich einst diese Nadeln mit Harz bestrich, um damit im Opferstock
nach Münzen zu fischen. Die waren freilich zu schwer und fielen
ab, bevor ich zugreifen konnte. Zudem versperrte der kreuzweise verzahnte
Schlund des eisernen Kästchens selbst Kinderfingern den Weg.". |
STIMMEN ZUM TEXT
Da
gibt's einen Österreicher, der heißt Peter Steiner, der
erst spät angefangen hat, zu schreiben, ....und das zweite
Buch heißt "Die Lichtung". Da gibt es wunderbare
Beschreibungen, wie sie vielleicht nur ein Geologe machen kann (...)
wie auch immer: Es gibt nur das Herz und das Auge zusammen, und
das macht die Gewissenhaftigkeit aus. Aber außer diesen wunderbaren
Ortsbeschreibungen wird erzählt, wie die Großeltern warten,
wenn eine Wallfahrt kommt, wenn von weitem aus der Ebene die Leute
kommen und wie sie dann das Essen herrichten, wie die Getränke
geordnet werden, beim Anblick der Wallfahrer aus der ferne; das
sind wunderbare Seiten, die nichts bedeuten und doch die Welt sind.
Da ist ein ganz großartige Szene in der "Lichtung",
wo der Vater nach der Kriegsgefangenschaft in Rußland heimkehrt
zum Gartentor, und er geht nicht gleich hinein zu seiner Familie,
er kniet am Gartentor nieder und hält die Klinke in der Hand
und kommt nicht ins Haus, hält nur die Klinke in der Hand.
Mir ist das im Gedächtnis geblieben - für immer.
Peter Handke
aus der Dankesrede anläßlich der Übergabe des Schiller-Gedächtnispreises
1995 in Stuttgart
Der
Ich-Erzähler kehrt zu Allerheiligen 1988 - das Datum läßt
sich erschließen - nach langer Zeit an einen Ort zurück,
der in seiner Kindheit und Jugend eine wesentliche Rolle gespielt
hat und ihm nun von dem unlängst verstorbenen Vater als Erbe
zufiel. Es handelt sich um das Haus seiner Großeltern und
die umliegende Lichtung - wiederum ein Grenzraum also mit dominanter
"Natur". Der Zustand einer Krise zeigt sich schon auf
der ersten Seite, da sich der Erzähler "in Beklommenheit"
befindet, weil ihm auffällt, daß keine Personen, die
mit dieser Lichtung und damit seiner Jugend zu tun hatten, mehr
am Leben ist. Das Moment der Krise erfährt im Verlauf der Geschichte
durch die auftauchenden Erinnerungen eine massive Ausweitung, am
stärksten in der extrem gestörten Vater-Beziehung.
Auf der Rahmenebene durchwandert der Erzähler das gesamte Grundstück.
Wesentlich wichtiger aber ist die eingelagerte innerpsychische Ebene,
die auch den Großteil des Textes in Anspruch nimmt, auf der
er die Räume qua Erinnerungen oder auch Phantasien mit der
Vergangenheit erfüllt, die er mit den jeweiligen Teilräumen
assoziiert. Die Erzählung erhält so eine zeitliche Tiefendimension,
die bis in die Zeit des Urgroßvaters hineinreicht. Diese Rückgriffebene
wird nicht chronologisch erzählt, der Erzähler springt
zwischen den zeitebenen. So setzt sich dem Leser das Bild der Vergangenheit
gleich einem Puzzle nur langsam zusammen. Die Vergangenheit wird
zudem oft so geschildert, als geschehe sie in der Erzählgegenwart,
was durch eine ausgiebige Verwendung des Präsens bewirkt wird.
Die Zeiten fließen so im Text ineinander.
Indem der Erzähler also den real vorhandenen gegenwärtigen
Raum Stück für Stück wiederentdeckt, entdeckt er
parallelisiert dazu seine eigene Vergangenheit und kann sich so
in sein Selbst reintegrieren. Daß es sich tatsächlich
um eine Art Selbstfindung handelt, zeigt sich an einer Stelle, die
auch Steiners poetische Qualität verdeutlicht: Er sieht sich
selbst in einem Fenster, Stirn an Stirn, sieht gleichzeitig durch
sein Spiegelbild hindurch in das Haus und sagt: "Ich schaue
in mich hinein". Der Text selbst setzt also den Raum äquivalent
mit dem Helden, was dann eben die Hypothese bestärkt, daß
der Erzähler mit der Rekonstruktion der mit dem Ort korrelierten
Vergangenheit auch einen hochrelevanten Teil seiner Person wiederherstellt.
Was Die Lichtung auf weiter Ebene interessant macht, ist der Umstand,
daß nicht nur die Privatgeschichte eines Individuums, sondern
auch die Geschichte des Landes Österreich aus der Perspektive
dieses Ortes erzählt wird. Mehrmals streift die Weltgeschichte
in Form von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit den Raum
der Lichtung. Zudem werden viele Lebensläufe von Verwandten
erzählt, anhand derer Lebensumstände exemplarische gezeigt
werden (der aus dem Krieg heimkehrende Vater, der ausgewanderte
Großonkel etc.). Die Lichtung kann und muß also auch
im Kontext der neuen österreichischen Heimatliteratur gesehen
werden, die nach Lebert, Jonke, Innerhofer und Winkler, um nur an
einige wichtige Autoren zu erinnern, in Peter Steiner nochmals eine
weitere Stimme hinzugewinnt, die ihren ganz eigenen Charakter hat.
Steiners entworfene Welt hat beispielsweise nichts gemein mit der
extremen Negativität der Heimatwelt Winklers, ganz im Gegenteil
ist sie verlorene Heimstatt. Die Erzählung Steiners teilt auf
jeden Fall mit den zentralen Werken dieser Richtung, daß Heimat
nicht mehr naiv idyllisiert werden kann. So sehr das Haus in der
Lichtung für den Erzähler einstmals ein Idyll war (als
Fluchtpunkt in der Phantasie während der Anstaltszeit), so
sehr ist sich der Erzähler bewußt, daß der Raum
in der Gegenwart kein hehrer locus amoenus mehr sein kann. Er weiß,
daß er nur mehr "Herr über ein Totenreich"
ist. Die Unmöglichkeit, die ehemalige Heimat idyllisieren zu
können, ist aber auch problematisch für das erzählende
Subjekt. Letztlich zeigt sich nämlich doch die Ambivalenz des
Erzählers, der wenige Zeilen später bemerkt: "In
mir lebt die Stille von einst, (...) erhellt von seinem einstigen
Licht". Der nicht aufhebbare Widerspruch zwischen Nicht-Idyllisierung
und (allerdings nicht-trivialer) Idyllisierung ist ein weiteres
wichtiges Hauptcharakteristikum der Erzählung, die ich für
ein überaus vielschichtiges, auch sprachlich gelungenes, spannungsreiches
Stück Literatur halte.
Stephan Landshuter
"Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2
Steiners
Texte zeichnen sich unter anderem aus durch die Fähigkeit zu
einer Kosmogonie im Kleinsten, die den flüchtigen Moment einer
zufälligen Begegnung, das scheinbar Nebensächliche, den
Fund eines Schneckenhauses oder das "löchrige Geröll"
auf dem Sockel eines jüdischen Grabsteins als Chiffren des
Ewigen erkennt und diesen überwältigenden Eindruck in
einer klaren, poetisch-gelassenen Sprache vermittelt.
Kurt A. Schantl
Festschrift zum Literaturpreis Niederösterreich
Aus
dem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe von "Die Lichtung"
"The Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007
The
alleged reason for the trip in The Clearing is the recent death
of the narrator's father; the narrator had been out of the country
and thus his father was buried before he could attend the
funeral services. Simultaneously, the narrator has inherited the
Clearing, a place of many youthful memories, some good, some bad.
On the way to the cemetery, his Polish cabdriver gets lost on the
highway and they wind up at the Clearing.
(...)
The narrator's youth may sound turbulent to a non-Austrian, but
it was fairly typical for his generation: father off fighting a
war, ultimately to die or be captures, since desertion was not a
viable option, as the few post-war biographies of deserters substantiate.
As a result of the fathers's protracted absence, his mother was
required to rely on relatives for sustenance and survival or provide
them herself; that both parents should later strike out on their
own is merely a normal continuation of this survival of the fittest.
And, in keeping with the reminiscences of his youth, the vast majority
of the people in his world are identified, not by name, but by relationship,
great-aunts, etc.
Too, the family's status as refugees was also common, as many fled
before the approaching Red Army, fearing robbery, rape, and other
reparations or retaliations too frightening to mention. But much
of this is experienced after the fact, through tales from relatives.
A more immediate and unrelenting burden is the narrator's obligatory
attendance at a distant boarding school: His dread of school as
an institution of subjugation and embarrassment was also common,
indeed almost a traditional rite of passage, as first documented
by the Austrian Robert Musil in his 1906 novella The Confusions
of Young Törless."
As a result, our young narrator's only security and stability throughout
these formative years are provides by his grandparents, his only
"home" the Clearing. Like his literary predecessor Stifter,
the narrator describes in minute and loving detail the flora and
fauna surrounding the Clearing. Thus it should not be surprising
that the physical surroundings of the Clearing - its rock formations,
vegetation, and topography - stimulate his childhood memories. By
walking around the Clearing and peering into the windows of the
inn, he is able to recreate the physical environment - and, ultimately,
the people who inhabited the periphery of his life. In addition,
the remnants of the inn spark his memory, recalling other visual
stimuli, such as pictures or home movies that illustrated his early
life. And what begins as an adolescent escape - his accidental visit
to the PANORAMA - becomes a life-altering experience. This stereopticon
introduced him to far-off lands, customs, and people. (In the author's
own life, his later study of geology and paleontology was a natural
culmination of his youthful stimulus.)
That the Clearing had no distinct boundaries meant that the boy
was free to roam, on foot or on his bicycle and more significantly,
in his mind. His sporadic encounters with Red Army soldiers were
at once frightening and stimulating - their physical presence and
their language inspired conflicting emotions; thus, it was not improbable
that he later set out to investigate Eastern Europe, and eventually
the world.
Todd
C. Hanlin
Arkansas State University |
DER BRUNNEN DES COLUMBUS |

|
KLAPPENTEXT
Auf einer Insel am Rande der Alten Welt befindet sich ein Brunnen,
aus dem Columbus Wasser für die Fahrt übers Meer schöpfte.
Ein Nachfahr bricht auf, fort von einem Ort, wo er gewahrt, Menschen
"ohne Träume, zu Tode beschäftigt" zu gleichen.
"Er war aus freien Stücken gekommen, aber auch hier
gestrandet. Das Feld war ein Ufer." Die poetische Erkundung
der Insel, Schritt für Schritt, Bild um Bild, kreist um dieses
Feld ("geheimes Siegel"), das ein Bauernpaar bearbeitet
und "geadert war wie ein Blatt, das in einem Brunnen wurzelt."
Was für ein Brunnen, der letzte? Ringsum verfallen die Schächte,
wird Erde ins trockene Flußbett geschüttet, wächst
die Hafenstadt mit "Stichstraßen" in verschachtelte
Vor-Orte. Dem "Einzelgänger, der lange Zeit jenseits
der Straßen gelebt hatte", eröffnen sich auf seinen
"Wegen des Schauens" Quellen des eigenen Schöpferischen,
im Sich-Verlieren, das Erlebnis der Dauer wird.
Dieses
Buch ist eine kleine poetische Kosmologie, das Zu-Sich und Zur-Welt
Kommen, zu einer Sprache, die trägt. Ein Erstling, ein seltener
Findling Literatur. |
LESEPROBE
Eingedenk seiner Wandergänge, sah Felsner, was ihm heute wegen
des Wüstenstaubes verborgen blieb: die Insel als die "große
Steinin" im Meer. Einen Mantel aus Erde hatte sie nie besessen.
Nackt erhob sie sich aus dem Wasser, in der spröden Schönheit
schwarzen Basalts. Alles, was Wind und Regen ihr ließen, war
bis zur Durchsichtigkeit zerschlissen.
Mehr als sie verbargen, weckten Schleier aus Schutt die Neugier des
Aufmerkamen. Mit welcher Lust hatte Felsner danach eine Senke betreten,
wo der Boden füllig und weich war. |
STIMMEN
ZUM TEXT
Was
macht den Erstling Peter Steiners überdurchschnittlich interessant?
Zum Beispiel, daß die Sprache, die der ausgebildete Geologe
Steiner bei der Beschreibung von Natur verwendet, höchst genau
ist. Nicht jeder Naturwissenschaftler hat die sprachlichen Mittel,
sich poetisch auszudrücken, daß man ihm die liebende
Kenntnis der Natur abnimmt, doch wenn sie ihm zur Verfügung
stehen, kann sein Suchen nach einer "Sprache der Erde"
interessanter sein als das anderer zivilisationsmüder Schriftsteller.
Sie verleiht allen Dingen, die sie berührt, eine gleichschwebende
Aufmerksamkeit. Überraschen andere Texte durch beabsichtigte
"Brüche", so ist es hier die "Geschlossenheit"
des Stils, die diesen Erstling auszeichnet.
Hans-Peter Kunisch
Neue Zürcher Zeitung
Peter Steiners Buch weist eine große Stärk auf, und das
ist dieser unerschütterliche Ton der Gelassenheit. Eine Prosa,
die Langsamkeit und Bedächtigkeit zum Prinzip erhebt. Man mag
an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren
jedenfalls, die ihrer Literatur auch Visionäres gestatten,
dieüber das Sichtbare hinausdenken, die eine andere Wirklichkeit
erfahrbar machen wollen.
Salzburger Nachrichten
Mit
einfachen, klaren Sätzen schreibt sich Steiner in die Seele
seiner Leser. Ein Buch voll tiefer Gedanken und für stille
Stunden.
ORF Steirisches Literaturmagazin |
WENN MEIN VATER POLNISCH SPRICHT |
 |
KLAPPENTEXT
Eine beschauliche Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, das stellt sich der Geochemiker aus einer österreichischen Kleinstadt vor, als er im Herbst 1981 den Zug besteigt, um zu einem Kongress in Irkutsk am Baikalsee zu reisen. Doch die Fahrt in die sibirischen Weiten des Sowjetreiches wird schon am Grenzübergang in die Tschechoslowakei zu einer unerwarteten Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie. Saß nicht sein Vater vor vierzig Jahren in diesem Zug, um nach dem deutschen Überfall auf Polen in das neu geschaffene General-Gouvernement zu fahren? Vier Kriegsjahre verbrachte der Vater in Warschau, aber der Sohn weiß davon so gut wie nichts. Die Begegnungen mit Menschen auf der Fahrt durch den Sowjetstaat geben nur noch mehr Rätsel auf. Es ist die andere Gegenwart, die unberührten Wälder Sibiriens, Dörfer im tausendjährigen Schlaf, junge Männer und Frauen mit dem Licht der Zukunft in den Augen, oft naiv verträumt, gelegentlich auch rebellisch, der Glanz alter Städte Zentralasiens, die den Reisenden die eigene Vergangenheit vorübergehend vergessen lassen. Nach der Heimkehr will er seinen Vater befragen, über die von Schweigen versiegelte Zeit, und warum er, mit einer einzigen Ausnahme, nie Polnisch sprach. |
LESEPROBE
Im Waggon kündigt sich das Ende der Fahrt an. Es ist der Kurswagen nach Irkutsk, in dem ich sitze. Er wird hier gereinigt und an den Gegenzug nach Moskau angehängt. Die Bettwäsche hat man bereits eingesammelt und in große Säcke gestopft. Die Verantwortlichen zählen die Teegläser und deren metallene Halterungen. Der dünne, waschbare Stoffläufer über dem Dauer-Teppichläufer im Korridor ist verschwunden. Das Personal im Speisewagen hat alle überschüssigen Lebensmittel in den letzten Stationen an die den Zug stürmenden Frauen verkauft. Alle Eierplateaus sind leer, die großen Einlegegläser mit krautgefüllten, grünen Paradeisern stehen nicht mehr hinter dem Kassenpult. Zug Nummer 10, Baikal, wird in zwanzig Minuten am Ziel seiner 5.190 Kilometer langen Fahrt angelangt sein. Acht Stunden wird er in Irkutsk stehen, um mit dem beladen zu werden, was er als Zug Nummer 9 nach Moskau brauchen wird. Mir wäre es im Augenblick lieber, die Fahrt ginge nicht zu Ende. Ich werde die problemlose Geborgenheit dieses kleinen, warmen Schlafwagenabteils vermissen. Viel lieber führe ich weiter, zumindest noch einige Tage lang. Vielleicht wäre mein Unbehagen dann verflogen. Warum findet der Kongress nicht in Wladiwostok statt, oder in Petropawlovsk Kamtschatski am Ochotskischen Meer?
Mein Wörterbuch ist gelb, aber es schluckt die Spontaneität genauso wie das baue Büchlein von Nadja. Vera macht es besser. Sie spricht ungehemmt auf mich ein und sieht mir dabei in die Augen. „Ponimaesch?“ Verstehst du? fragt sie zwischendurch, und ich sage „Da“, begleitet von einem Kopfnicken oder Lachen oder beidem. Manchmal verstehe ich tatsächlich, oft glaube ich etwas zu erraten, bis ich merke, dass es völlig falsch war. Aber was tut das zur Sache? Wichtig ist, dass Vera mir etwas sagen will, dass ich nicht stimmlos und sprachlos durch eine fremde Welt gehe, mich nicht ausgeschlossen fühle. Mir stehen zwei Mädchen aus dieser Stadt zur Seite, also ist es höchst sinnvoll, jetzt die Lenina zu überqueren, auf das Kindertheater zuzulaufen und weiter die Karl-Marx-Straße hinunter. Unvermittelt, als wäre sie meine Geliebte oder Frau, hängt sich Vera an meinen Arm. Ich weiß nicht, was in ihr vorgeht, will auch nicht raten, sehe lieber einfach das Licht in ihrem Gesicht, am hellsten auf der Stirn, das Licht der großen Weite. In Europa, denke ich, wird jede mögliche Weite durch eine schöne Landschaft verstellt, kann das Licht niemals ganz Weltlicht sein. |
STIMMEN ZUM TEXT
Man mag an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren jedenfalls, die über das Sichtbare hinaus denken, die eine andere Wirklichkeit erfahrbar machen wollen.
SALZBURGER NACHRICHTEN
Zur besonderen Poetik des Buches gehört, dass wir immer jetzt da sind, zugleich aber in den Jugendjahren der Eltern, den eigenen Jugendjahren – die sich im Kopf des Lesers einstellen – und in der Zukunft sein können und geographisch überall sein können. Das Erzählen, und zwar im modernsten und damit ursprünglichsten Sinn ist Peter Steiners besondere Kraft. Der Tex schafft, was wirklich nur ein Text er-schaffen kann, was Texte so unverzichtbar macht. Die Existenz des reisenden Wissenschaftlers und der Menschen, die sein Denken bevölkern, kann vom Leser miterlebt werden und dabei erlebt er/sie auch sich selber genauer.
Peter Steiners Erzähler darf alles: die Struktur des Romans, in Kapitel gegliedert, über die hinweg datierte Ortsangaben den Text unabhängig davon wieder anders ordnen, ist origineller, als auf den ersten Blick offenbar wird. Folglich wirkt die Geschichte wie naturgemäß gewachsen, sie kann, was sonst eher ein Privileg der Lyrik bleibt. Der Roman hält, was er verspricht, „den Tag in seiner Zartheit nicht mit zu viel Wahrheit zu bedrohen.“
Andrea Grill
LITERATUR & KRITIK |
DER SANDFALLENBAUER |

|
KLAPPENTEXT
Was bringt einen Weltenwanderer und Sandfallensteller dazu, sich mit seiner Frau auf einem Stück Brachland irgendwo in Amerika als Bauer niederzulassen? War es der Großvater, der einst den väterlichen Hof im Gebirge verließ und den Enkel der Heimat beraubte? War es der Malerfreund aus der Großstadt, der sich im Grünen ansiedelte, der Makler, der genau zu wissen schien, was der Rastlose suchte, ein Buch, das dem Kind jenes Traumbild einpflanzte, das der Mann nun hier wiedergefunden zu haben glaubt? Vielleicht liegen die Antworten in dem, was der Sandfallenbauer in der Natur beobachtet, in den Ereignissen, den Erinnerungen, welche die Grenzen von Zeit und Raum sprengen und die stillen Felder zum Weltschauplatz machen.
Peter Steiner vereint in diesem Buch die Geschichte eines Suchenden mit einer Fülle von Naturphänomenen und Einzelschicksalen zu einem faszinierenden, vielschichtigen und berührenden Ganzen. |
… Innen- und Außenwelt in einem, schöne Absurdität und zugleich Wahrhaftigkeit – wie es einen Menschen heutzutage herumtreibt, ein Tanz zum Geheul der Coyoten.
Peter Handke |
LESEPROBE
„Es war April, der Schnee lag noch hoch in Wächten an den Hügelflanken und im Wald unter gewaltigen Tannen. Ich lief allein über den langgestreckten Bergrücken, den wir später Die Ridge tauften. Jost van Gelderen, der Makler, hatte es vorgezogen, im Auto sitzen zu bleiben und seine Pfeife zu rauchen. „Just follow the ridge until you reach the third tree line, and all you see to your left and right shall be yours.“ Jost van Gelderen – lange schon im Alten-Paradies von Arizona – der seiner Mutter beim Anblick der Freiheitsstatue gesagt hatte: “Jetzt sind wir in Amerika, warum sollen wir noch weiter Holländisch sprechen?” Das war 1946, ein Jahr nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Jost hatte überlebt. Und da sitze ich in meiner Totenstille. Unten am Teich schreien noch einige Gänse, die aus welchem Grund auch immer nicht weitergeflogen sind. Worauf warten sie? Vor der Tür steht mein Traktor. Den sollte ich anwerfen und weiter mähen. Eine Woche lang ziehe ich schon meine Schnittbahnen über die Felder, und das Dröhnen der Maschine und das Sirren der großen Messer gehen mir auch nach zwei Tagen Stillstand und Stillsitzen nicht aus den Ohren. Dazu täuscht mir mein inneres Auge Bilder vor, etwa das Bild von Mäusen, die vor den nahenden Messern davonlaufen. Aber es laufen keine Mäuse mehr davon. Auch fahre ich über keine Auswurfhügel von Murmeltieren, sehe keine Truthähne und –hennen, kein Reh am Waldrand. Nichts, bloß die Zugvögel, und jeden Abend das Geheul der Kojoten, ein Rudel hinter den Apfelteichen, ein Rudel jenseits des Bibersees, ein Rudel in der Senke, über welcher der Mond aufgeht.“ |
STIMMEN ZUM TEXT
Welch wunderbares Bild hast du uns Lesern, hast du mir persönlich gegeben mit der Schattenpyramide. „Es geht nichts verloren, es sucht sich nur eine neue Form. Aus dem Traum von gestern erwächst die Erinnerung von morgen.“ Dieses Bild der Schattenpyramide aus der Kindheit, die sich in einen Lichtkegel verwandelt, von mildem Licht, dieses Bild schaue ich mir wieder und wieder an in dem Sandfallenbauer. Und will es mir zu einem neuen Leitbild, zu einem Lichtbild, zu einer neuen Illusion machen.
Paul Hermanns
Nur selten gelingt es einem Helden, das abgehangene Spätlebensalter als geerdetes Kind auf einem Traktor zu verbringen und dabei die Leser zu verzücken. Auf einem Stück unbebauten Landes mitten in Amerika verbringt er mit seiner Frau die Tage hautnah an den Poren der Erdkruste. Peter Steiners Roman vom „SANDFALLENBAUER“ ist beinahe ein Märchen vom geglückten Leben.
Helmuth Schönauer
Die Neue Südtiroler Tageszeitung |
DER ANGEHÖRIGE |

|
KLAPPENTEXT
Lena
und Simon sind seit fast 50 Jahren ein Paar, als Lena mit dem Verdacht
auf eine lebensbedrohliche Krankheit konfrontiert wird. Hinter beiden
liegt ein außergewöhnliches Leben: Simon hat viele Jahre
auf Großbaustellen dieser Welt verbracht, während Lena,
Fotografin, ihn mit den Kindern so oft wie möglich begleitet
hat. Lenas Fotos sind gleichsam der Gegenentwurf zu Simons Leben:
Sie entdeckt die Größe im Kleinen, im Wald von Akosombo,
an der aufgelassenen Bahnstrecke in den Smokeys in den USA und
schließlich im eigenen Garten, als der tägliche Lebensrhythmus
der alt gewordenen Eheleute immer mehr auseinanderklafft. Während
Lena in der Klinik auf die Operation wartet, haben Lena und Simon
Zeit für Gespräche, in denen gegenseitig zugefügte
Verletzungen zur Sprache kommen, die scheinbar vergessen waren.
Von der Angst getrieben, Lena könnte nach ihrer Operation nicht
mehr erwachen, gibt Simon sich in Phantasien einem Fest der Bilder
hin, Lenas zeitlebens nicht gezeigten Bilder. Als wären Versäumnisse
damit aufzuheben. |
Peter
Steiners neuer Roman beschreibt in feinen Nuancen die Beziehung
zweier älterer Menschen die Krisen durchlebt haben,
aber einander dennoch für immer verbunden sind. |
LESEPROBE
Nachdem der Primar gegangen war, beugte sich Lena noch einmal vor und senkte den Kopf. …Sie band sich ein Kopftuch um, was Simon an ferne Sommer am Meer erinnerte, an Reisen im Kabriolett, an Richtungen ohne Koordinatensystem in einer weit offenen Welt. Wie jung waren sie damals gewesen! Simon ergriff Lenas Hand und hielt sie in der seien, nicht lang, weil er wußte, daß Lena seine Hand immer weniger ertrug. An manchen Tagen konnte selbst die leiseste Berührung ihr den Atem nehmen. Schon seine Nähe beengte sie an solchen Tagen, daß er es vermied, den Raum zu betreten, in welchem sie sich gerade aufhielt. Je älter sie werde, umso mehr Raum benötige sie, sagte Lena, und ging ins Erdgeschoß, wenn er im zweiten Stock arbeitete oder auch nur las. Oder sie stieg hinauf zur Dachterrasse, wich in den Garten aus, machte weite Spaziergänge. Ein Kuß im Einschlafen erschreckte sie so heftig, daß sie dann die ganze Nacht wach lag, neben Simon, dem Schlafenden. Auch im Tageablauf klaffte ihr kaum noch gemeinsames Leben mehr und mehr auseinander. Als lebten sie in verschiedenen Zeitzonen, begann für Lena die Nacht noch bei Tageslicht, schlief sie schon, wenn die Wipfel der Fichten im Garten noch im Abendlicht glühten. Erwachte sie, hatte Simon sich gerade erst zur Ruhe gelegt, hörte vielleicht im Halbschlaf, wie Lena mit der Hausarbeit begann, ein Klirren aus der Küche, leise, denn er sollte nicht gestört werden. Endete die Nacht für ihn, hatte Lena ihr Tagewerk so gut wie beendet. …
… rief man Lena noch einmal in die Röntgenabteilung. Simon setzte sich auf den Gang, auf die Besucherbank gegenüber dem Eingang zur Neurochirurgie. Über der Tür befand sich eine elektrische Uhr, rund, weiß, Zeiger und Ziffern schwarz. Links der Liftschacht, rechts die Besuchertoiletten und ein Spülraum. Die Tür dazu stand halb offen, und dahinter auf dem Boden lag ein flüchtig zusammengefaltetes Bündel Leintücher mit Blutflecken. Durch das ganze Gebäude ging ein Vibrieren und Summen wie auf einem Schiff, das nicht schwankt, weil es am Kai festliegt. Standby. Wo war Norden? Er blickte auf die Wanduhr. MEZ Mitteleuropäische Zeit. Sekundenzeiger, Minutenzeiger, Stundenzeiger, der erste war der längste, der letzte der kürzeste. Welch seltsame Hierarchie. Je kürzer, desto langsamer. Der eine dahinhastend, der andere kaum in Bewegung, jeder ein Gefangener seiner Ebene. Die drei Ebenen, nur Bruchteile von Millimetern voneinander getrennt, schnitten den Raum vertikal, bildeten einen unsichtbaren Vorhang, eine Membran dreier Zeitrhythmen vor der Tür zur Neurochirurgie. Der längste Zeiger, der seine Sekundensprünge vollführte, war zugleich der dünnste. Bei jedem Halt federte er nach, das konnte Simon sogar von der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen. Das Zittern erinnerte ihn an die Nadel eines Elektrokardiographs. … Simons Herzschlagfrequenz entsprach ziemlich genau dem Abstand von Sekunden. Den Daumen am Puls der Hand, zählte er sechzig Schläge in der Minute. Ein Leichtes also, auf dieser Besucherbank seine Lebenszeit in Sekunden anzugeben. Sechzig Sekunden mal sechzig Minuten mal 24 Stunden mal 365 Tage mal 70 Jahre, das ergab 2,207.520,000 Sekunden, also zwei Milliarden zweihundertsieben Millionen fünfhundertzwanzig Tausend Sekunden. Daß das sein Herz aushalten konnte, grenzte an ein Wunder. Bei Lena erschien ihm das Wunder noch größer. Sie war zwar einige Jahre jünger als er, aber ihr Herz schlug schneller. Also hatte sie ihn an Herzschlägen gemessen schon vor langer Zeit überholt, war ihm weit, vielleicht schon uneinholbar voraus. Wo ihr Herz jetzt schlug, war von seinem weit und breit keine Spur. Aber einmal in ihrer beider Leben, hatte es einen Herzschlag gegeben, er ihnen beiden galt, einen Moment des Gleichklanges, der völligen Übereinstimmung. Wann war das gewesen? |
STIMMEN ZUM TEXT
Ein Roman, der sich nicht m die ach so großen Probleme der Welt (vorrangig) kümmert, sondern um jene kleine Welt in uns selbst, in unserem Kopf, in unserem Gefühl, in unserer Seele. Das ist ein zutiefst österreichisches Buch, denn hier hat sich immer wieder Literatur gerade um jene Bereiche gekümmert.
LITERARISCHES ÖSTERREICH |
DER STURZ AUFS DACH DER WELT |

|
KLAPPENTEXT
Der
Sturz aufs Dach der Welt erzählt die Geschichte des Botanikers
Lorenzo Unterberger, der Ende der 1970er Jahre in einem unzugänglichen,
menschenleeren Urwald am Abhang der bolivianischen Anden nach einer
Heilpflanze sucht. Zufällig war er Zeuge einer erstaunlichen
Heilung durch einen indianischen Heiler geworden und will nun gegen
alle Widerstände Herkunft und Wirkung der Pflanze wissenschaftlich
beweisen. Es ist gleichzeitig die Geschichte einer obsessiven Leidenschaft
für Marlis, die Freundin seiner Tochter, die mit seinem Assistenten
Paul verheiratet ist. Nachdem er einen Hubschrauberabsturz im Regenwald
überlebt hat, gesteht Unterberger ihr seine Liebe. Zwischen
den beiden entwickelt sich eine dramatische Beziehung, die jedoch
nach kurzer Zeit abrupt endet.
23 Jahre später durchlebt Unterberger in der Rückschau
- gleich einer Spurensuche - die Geschehnisse von damals noch einmal
und sieht sie in einem neuen Licht: Ein Brief von Marlis, die mittlerweile
in der Bretagne lebt, lässt die damalige Leidenschaft in ungeahnter
Heftigkeit neu auflodern. Eine Reise zu ihr soll endgültig
Klarheit schaffen... |
LESEPROBE
"Ohne
daß ich den Kopf bewegte, ging mein Blick einmal vorwärts,
einmal rückwärts. Auf meinen Schultern saß ein Januskopf,
dessen zwei Gesichter einander niemals in die Augen blickten. Wozu
noch Augen, schöpfte ich doch aus Nachbildern, Echo meiner
Erinnerung, und Illusionen? |
STIMMEN ZUM TEXT
Welche
Überfülle bildstärkster "Erinnerung, die sich
am Rande des Vergessens anhäufte"!
Peter Steiners Prosa ist nach allen Regeln der Kunst secco, trocken,
rauh, kräftig, zupackend, welthältig. Bewertende, einwertende,
die Tatsachen nach irgendeiner Wertsicht urteilend spiegelnde Sätze
unterbleiben. ... Tatsächlich: Die pralle pulsierend austreibende
Welt in aller reizvollen Angriffigkeit und verführerischer
Bitterkeit, atemnehmend treffsicher erinnert.
Mathias
Mander
LITERARISCHES ÖSTERREICH 01/2011
...
in seinen seit 1994 erschienenen Romanen und Prosabänden überzeugte
immer wieder der erzählende Blick auf die unterschiedlichsten
Landschaften ... auch in seinem elften Buch, "Der Sturz aufs
Dach der Welt"... im Wortsinn zu verstehen. Bei einem Erkundungsflug
am Ostrand der Anden geht der Hubschrauber bei der Landung zu Bruch.
...
... die Handlung ist es nicht, die Peter Steiners Buch lesenswert
macht, es sind die feinen, schwebend-dichten Beschreibungen von
Orten und Stimmungen: die Idylle des verwunschenen Hauses in La
Paz, Armut, Deprivation und Goldgräberstimmung in den Anden-Dörfern,
die wehrhaften Indios am Eingang der abgeschiedenen Region von Challana
oder das Schlussbild des einsamen Mannes an der Atlantikküste,
der die Spuren eines kleinen Vogels im Sand als "winzige, gegen
die Laufrichtung gerichtete Pfeile" sieht.
Evelyne
Polt-Heinzl
Die Presse
...
im Hochland von Bolivien ... stürzt (Unterberger) zusammen
mit seinem Piloten mitten im Urwald ab ... (beide) überstehen
den Aufprall unverletzt ... werden gefunden und gerettet. Für
Unterberger war die kurze Zeit im Regenwald dennoch eine Art Offenbarung:
Er dachte weniger an das ihm und seinem Piloten drohende Schicksal
als vielmehr an seine Tochter Ljuba und vor allem deren Freundin
Marlis... Zurück..., beschließt Unterberger, ihr seine
Liebe zu gestehen.
... nicht die Geschichte von Unterberger ist es, die den Roman auszeichnet,
sondern wie Steiner sie erzählt: Selbst Naturwissenschaftler...
vermag er es, jedem noch so unwirtlichen Landstrich etwas besonderes
abzugewinnen und die Eigenheiten von Land und Bewohnern in gleichermaßen
poetische wie prägnante Wort zu fassen: "Ach Guanay, Weltstadt
der Garküchen, handfester Kellnerinnen und Animiermädchen,
des Schlächters und seiner Gehilfen, des Händlers mit
seinen Stoffballen, des Kinobesitzers, der Lastwagenfahrer, die
nach glücklich überstandener Talfahrt aus dem Hochland
sich eine schwüle Nacht lang betranken, bevor sie sich auf
die Rückfahrt in die Kälte machten."
Faszinierend an "Der Sturz aufs Dach der Welt" ist auch,
wovon es nicht spricht. So geraten durch bestimmte Andeutungen ...
plötzlich Dinge für einen Sekundenbruchteil in den Vordergrund,
die man dort eigentlich nicht erwartet hätte ... im Kontext
des Romans aber dennoch eine starke Wirkung haben.
Simon
Leitner
Literaturhaus Wien |
AZIMUT |

|
KLAPPENTEXT
"Azimut,
vom Arabischen as-sumut, die Wege, erzählt nicht nur von der
Suche des Landvermessers Conrad nach dem richtigen Weg für
eine neue Straße durch den Regenwald. Es ist eine Geschichte
von der Suche nach dem richtigen Weg durch das Leben, die Liebe,
Freuden und Ängste, Hoffnung und Enttäuschung, und dies
vor dem Hintergrund einer paradiesischen, vom Untergang bedrohten
Welt, die zugleich eine Welt im Aufbruch ist." 1966,
Conrad hat sein Studium beendet, eine Familie gegründet, baut
an einem Haus für eine glückliche Zukunft in der Mitte
Europas. Und doch bricht er mit Frau und Kindern ins Ungewisse auf,
als ihm der Zufall die Gelegenheit dazu bietet. Als Landvermesser
soll Conrad der STRASSE DER ZUKUNFT den Weg durch einen der letzten
unberührten Landstriche Afrikas bahnen. Er beginnt seine neue
Aufgabe in San Andres, einem Fischerdorf an der Küste einer
erst vor kurzem unabhängig gewordenen französischen Kolonie.
Das Leben im Regenwald, auf sich allein gestellt und in kaum überbrückbarer
Distanz zu den Einheimischen, schweißt die kleine Familie
eng zusammen. Als das junge Paar Luc und Jeanne in ihr Leben tritt,
entwickelt sich, begleitet von erotischer Spannung, eine tiefe Seelenverbundenheit.
Doch immer wieder zwingen äußere Umstände einen
der Freunde, den Regenwald zu verlassen, und das harmonische Gleichgewicht
steuert auf einen Konflikt zu. |
LESEPROBE
Die Hitze des Tages war geschwunden, doch der schwüle
Dunst des Meeres lag weiter über dem nächtlichen Hafen.
Conrad kippte seinen Stuhl nach hinten, daß die Vorderbeine
schräg über dem Boden schwebten und die Lehne am glatten
Stamm eines alten Lorbeerbaumes scheuerte. Das Sirren der Zikaden
schmerzte ihn in den Ohren. Er hob sein Glas an den Mund, erblickte
am Ast über sich eine Glühbirne mit Blechschirm, umschwirrt
von Mücken und Nachtfaltern, die sich daran die Flügel
versengten und ihm als sanfter Regen auf Haar und Schultern fielen. |
DER WEG NACH SSONG KÖL |

|
KLAPPENTEXT
Ein
Mann kehrt heim, vermutlich von einer längeren Reise. Zuhause
ist inzwischen die Zeit stehen geblieben, erstarrt zu Säulen,
und nur Bewegung kann sie zum Klingen bringen, das Leben wieder
in Gang setzen. Daraus entsteht der Erzählfluß dieses
Buches, der sie einzelnen, manchmal nur im Ansatz skizzierten Geschichten
letztlich verbindet. Es klingt etwas an, das uns alle betrifft.
Die über den Erdball verstreuten Orte sind nur der äußere
Anstoß für das. was aus den Begegnungen mit Menschen
und Landschaften in uns weiterwirkt, in Gedanken, Gefühlen,
Wünschen oder Träumen. Die Erzählkunst Peter Steiners
macht sie bildhaft, nimmt uns an der Hand und führt uns bis
nach Ssong Köl. |
LESEPROBE
HEIMKEHR
Du
kommst zur hohen Tür herein, betrittst das von Kastanien und
Fichten beschattete Haus. Es ist dein Haus, dessen Räume dich
erwarten, dein Schritt über knarrende Parketten, dein jähes
Verhalten, Schweigen, Horchen. Als könnte die Zeit reden, die
du in diesen Räumen verbracht, oder verlebt hast (möchtest
du das sagen?). Du siehst, wie der Wind Zweige vor dem Fenster bewegt,
siehst grüne Fächer auf und nieder schwenken, aber du
hörst nichts. Die Luft steht in den Räumen und du denkst,
sie sei nicht zuerst und schon gar nicht allein zum Atmen da, sondern
um dir ein Zeichen zu geben, ein Zeichen der Zeit, die nicht mehr
fließt, sondern erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen
und Fenstern. Säulen stellst du dir vor, Säulen aus reiner
Zeit, gerade so weit gefestigt, daß, öffnetest du ein
Fenster, der Luftzug sie zum Klingen brächte. Das Haus begänne
in allen Räumen zu tönen, rissest du die Fenster auf,
denkst du, und bleibst stehen, während deine Frau tatsächlich
zum Fenster geht und es öffnet - und du stehst noch immer da
und horchst, da sie schon die Tür zum Balkon aufmacht und der
Wind durch die Diele fährt, samt dem Blätterrauschen aus
dem Garten und dem Gesang einer Amsel.
Ist
das Heimkehr?
Bist du heimgekehrt?
Bin ich zu Hause?
Auf
dem Schreibtisch liegt ein Blatt Papier mit einer Liste von Dingen,
die vor der Abreise zu erledigen gewesen sind, Zeile für Zeile
durchgestrichen. Du hast alles erledigt, bist abgereist, ohne offene
Fragen zu hinterlassen. Bist du nun nur zurückgekommen, um
neue Fragen zu stellen? Welche Fragen? Und warum hier, in diesem
Haus der erstarrten Zeit? Kannst du deine Fragen nicht anderswo
stellen, überall? Ja, überall, also auch hier, hier in
deinem Haus. Du besitzt ein Haus und es steht im Süden von
Wien, am Rande einer Kleinstadt, umgeben von Weingärten. Dorthin
bist du zurückgekehrt. Wahrscheinlich wünscht du dir ein
Zuhause, und dieses Haus kommt deinem Wunsch entgegen. Aber erfüllt
es ihn auch?
Du betrittst das Haus, hast es schon betreten, bist die Treppe hinaufgegangen
und durch die hohe Tür geschritten, hinein in den zentralen
Raum, aus dem du durch Glastüren in all die anderen Räume
sehen kannst, wo überall die Luft steht, über Eichenparketten
und unter Decken mit Stuck. Du siehst die Blätter des Kastanienbaumes
auf und abschwenken und das Blatt Papier auf deinem Schreibtisch,
reglos seit vielen Wochen, eine Liste von erledigten Aufgaben und
beantworteten Fragen, ein Friedhof der Buchstabengräber, angeordnet
in Zeilen, und deine Frau öffnet, nein, reißt Fenster
und Türen auf, und schon wiederholst du die Erinnerung an den
Frühlingswind und den Gesang einer Amsel, von welchem begleitet
das Blatt Papier mit dem Verzeichnis deiner Tätigkeit vor Wochen
zu Boden segelt und sich langsam auf den Eichenbrettchen fortdreht,
bis es zum Stillstand kommt. Sollst du es aufheben und die erste
neue Frage darauf schreiben: Bin ich heimgekehrt? Bin ich wirklich
zu Hause?
Du
läßt das Blatt liegen, steigst über das scharf beschnittene
weiße Papier hinweg und horchst auf den Gesang der Amsel.
Kleine schwarze Schwester!
Ce matin - il y avait un merle qui chantait depuis l'aube de ce
jour ensoleillé à Paris. Wir schliefen bei offenem
Fenster. Es ging kein Wind und der Gesang füllte den Hof hinter
der Rue du Sahel. Am Ende jeder Strophe, lang und melodiös,
setzte der Vogel vier mal den gleiche Ton: tü - tü - tü
-tü. Du hast ihn sofort als einmalig erkannt. Da sang nicht
irgendeine Amsel, nein, es sang die Amsel aus dem Hof an der Rue
du Sahel. Eine Solistin, die Amsel aus der Rue du Sahel.
In
Paris blühen die Kastanienbäume. Hier fächeln nur
die Blätter vor dem Fenster, die Kerzen sind noch knospenklein,
wie Bonsaibäumchen. Die Zeit war wohl nicht nur im Haus sondern
auch in dessen Umgebung stehen geblieben. Befindet sich dein Besitz
am richtigen Ort? Aber wie sollst du darauf Antwort geben, der du
seit Jahren nicht mehr im Sommer zu Hause warst? |
STIMMEN ZUM TEXT
Peter Steiner zählt zu den bemerkenswerten Randgängern der österreichischen Gegenwartsliteratur. Unabhängig von literarischer Betriebsamkeit entwickelt er konsequent ein Erzählwerk, das Menschen in existentiell exemplarischen Situationen zeigt: Erkundungsfahrt, Reise, Kultivierung von Land, Einsamkeit, Liebesbegegnung, u.a.m. Die Auseinandersetzung mit der Natur bildet dabei ein zentrales Thema, die mit präzise registrierender Sprache beschriebenen Landschaften kontrastieren mit den Personen, die mitunter in zweifachem Licht erscheinen: als reale Menschen und als bedeutsame, beinahe mythische "Kulturhelden".
Kurt Neumann
Literarisches Quartier Wien, Alte Schmiede
Vor einigen Wochen traf "Der Weg nach Ssong Köl" bei
mir ein. Ich habe zu Thomas Mann und Robert Walser sagen müssen,
daß ich sie nicht sprechen kann, weil ein Freund zu Besuch da
ist. Und auch Vincent van Gogh habe ich gebeten, seine Briefe für
eine unbestimmte Zeit nicht mehr zu schicken.
Dann
bin ich zuerst mit dir heimgekehrt, in diesem wunderbaren Kleinod
(Heimkehr), das mich damals schon, als du es mir in einem deiner
Briefe schicktest, getroffen und gerührt hatte. Ein herzliches
Wiedersehen auch mit unserer gemeinsamen Amsel.
Danach
habe ich die große Weltreise begonnen, sah Tampa mit meinen
eigenen Augen: "das nur kurz erhaschte Lächeln hinter
der Scheibe, der in träumerischer Hoffnung verlorene Blick
.....verbunden mit einem leisen Schmerz, der in sich ruht, keine
Gründe sucht, niemandem Schuld beimißt."
In
Manhattan fühlte ich mich leer und einsam, sowie auch in anderen
großen Städten (Havanna, Trinidad etc.). Und trotzdem,
wie erkenne ich mich in dieser Sehnsucht nach der Stadt, die eine
Sehnsucht nach Menschen ist (die die Natur in ihrer Einsamkeit so
schrecklich vermißt), eine unersättliche Sehnsucht nach
allen möglichen Beziehungen mit Frauen, ihren geheimnisvoll
lockenden Düften und schlichten Gebärden und Blicken,
in denen man sich für immer nackt und still niederlegen will.
Sehnsucht
nach der Stadt. Flucht aus der Stadt: "Die still schreiende
Angst" bliebt mir aus den Städten. Und im Grau der "helle
Wischer einer Taube." Der Traum bleibt mir, in dem der Held
die Lebensenergie (Kupdri) nicht mit den Händen fangen kann
und ermüdet dasitzt. Oder das Ringen mit "Lichtschlangen",
den kommenden Büchern. Ist es nicht darum, daß uns der
Autor dieses "Zwischenbuch" gegeben hat? Ja, habe ich
still genickt, als las: "Laß uns Märchen spinnen,
über den Inhalt der Briefe in den Händen ukrainischer
Frauen". Ja, habe ich still geschluchzt, bei dem Satz: "Nur
so, auf diese Weise, die der Handlung das Handeln verwehrt, kommen
wir einander nahe".
Aber
wir mußten weiter, weil der Gott es uns dichtete: "Hier
ist nicht unser Haus / Hier werden wir nicht leben / Du, auf die
gleiche Weise, / Wirst von uns scheiden müssen".
Dann,
kreuz und quer durch die Welt, von Italien nach Yucatan (ein einzigartiges
Bild: wie der Held, fast vor Hitze vergehend, in die Erde absteigst,
den Wurzeln des dunklen Lebens entlang, zum klaren Brunnen des Lebens,
ins "Auge Gottes". Von dort in die Mongolei, zur Frage.
"Und Komei? Wen küßt ihr kirschroter Mund?"
Den Erzähler, dachte ich, als Dank für diese schlichte,
schöne Erzählung.
Aus
Phander habe ich mir das schöne Gedicht am Anfang der Erzählung
mit nach Hause geschmuggelt Von "Rosebud" wandte ich mich
zuerst ab. Bei zweiter Lesung trat mir das Schreckensbild erst recht
vor Augen; wie eine erbarmungslose und von Gott verlassene Zivilisation
(nicht einmal eine Kultur) des Autors liebsten, erdgebundenen Vorfahren
zerstückelt und verstümmelt hat. Ein zutiefst blutendes
Bild, bitterer vielleicht noch als das leibliche Massaker, das überall
dort stattgefunden hat.
Und
dann endlich, endlich kam ich in Barskoon an. Und ich spürte
es schon in den ersten Zeilen. Bei der Beschreibung der Jurte wußte
ich es sicher: dieses ist das eigentliche Haus von Peter Steiner,
dieses uralte und aus lebendigem Material aufgerichtete "mobile
home". Und dann sah ich ihn kommen, seinen Großvater,
der sich hier Mahmud al Kashgari nennen ließ. Ich sah, wie
er dem Enkel wieder alle Länder und all ihre Sprachbäume
zeigte. Und ich war es, der ihm in sein schlafendes Ohr flüsterte:
Hier bist du zuhause".
"Heimkehr"
und "Der Weg nach Ssong Köl": diese beiden Erzählungen
legen ihre warmen Arme um die anderen Geschichten und teilen ihre
Wärme mit ihnen.
Paul Hermans
Brunssum bei Maastricht
Die
Magie dieser Geschichten ergibt sich aus dem gleichwertigen, ideologiefreien
Nebeneinandersetzen der Wahrnehmungen. Aus scheinbar absichtslos
beschriebenen Details von über den Erdball verstreuten Orten
entsteht ein leuchtendes Mosaik der Bilder, deren Vielfalt doch
in einem gemeinsamen Grundton schwingt. Die Gattung der Short Story,
die dieser Autor meisterhaft beherrscht, besticht durch eine rasche
Bestandsaufnahme, deren erhellende Poesie sich aus ihrer Skizzenhaftigkeit
ergibt.
Edith-Ulla
Gasser
ORF Literatur
(Der
Eröffnungstext) "Heimkehr" rührt an dem Mysterium,
wie ich es fast jeden Tag empfinde:
"Die
Luft steht in den Räumen und du denkst, sie sei da, um dir
ein Zeichen der Zeit zu geben, die nicht mehr fließt, die
erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen und Fenstern."
Ein
wunderbarer Satz, ein Satz wie ein Gedicht. Ich habe ihn gelesen,
und gehortet, und belauscht. Ich möchte ihn wiederholen wie
einen Mantra. Dieser Satz hat etwas zu tun mit meinem innerlichsten
Zeitgefühl, (...) diese Sehnsucht nach dem Stillstand der Zeit,
eine Sehnsucht, die ich nicht nur in diesem Satz aufleuchten sehe,
sondern auch in den Bildern meines geliebten Johannes Vermeer, in
jedem gelungenen Stilleben, in jedem erinnerten Augenblick von Sonnenlicht,
in ein stilles Zimmer fallend.
Es ist eine gefährliche Sehnsucht, das fühle ich genau.
(...) Ist es ein Todesverlangen? Vielleicht. Aber (...) es ist kein
Verlangen nach Dunkelheit, nach einem toten Stillstand. Es geht
ein Lichtverlangen darin um, ein Verlangen nach einem Stillstand
im intensivsten, lebendigsten Augenblick. Dort verbrennt sich (sic!)
der Phönix zu Asche. Und immer wieder anders ist dieser Stillstand,
je nach dem Stande der Stille.
Wieviel
verlorene Zeit sammelt sich (nicht) in diesem Stillstand, wie dicht
liegt der Stillstand, dieser Raum in der Zeit, (nicht) an dem Zeitraum,
wo uns die geliebten Gesichter, Stimmen, Bilder, Gebärden,
Düfte entschwanden? Ist es nicht, als ob gerade in diesem Stillstand
alles Verlorene wieder ganz nahe ist? Fast wird die Stille die flüsternde
Stimme der Mutter; sie erzählt von dem Rätsel; es tut
sich ein Lichtfenster auf; an der Kimme im Ohre gehen Antworten
um, die uns angehen. Fast kannst du sie hören. Aber dann machst
du, in deiner spannungsvollen Erwartung, unwillkürlich eine
leichte Bewegung. Und verscheucht bleibt nur die schweigende Stille
zurück.
Paul
Hermans
Brunssum bei Maastricht
Anmerkung: von
Paul Hermans sind fünf Gedichtbände erschienen, zuletzt
"Hartschelp", im Verlag De Geus BV, Postbus 1878, 4801
BV Breda, Nederland, (2007)
In
deutscher Übersetzung liegt bis jetzt nur ein kleines Bändchen
vor: "Ein Kern von Oberflächlichkeit", mueckenschweinverlag
Stralsund (2002)
An
der Übersetzung weiterer Gedichte wird gearbeitet. Also aufhorchen!,
wenn der Name Paul Hermans fällt. |
WO IMMER DU WILLST |

|
KLAPPENTEXT
Diese Geschichte spielt im ausklingenden Sommer, vielleicht schon
Herbst, einem Herbst der Jetztzeit. Wen erwartet der Mann, im
Morgengrauen, abseits der Straße, unter freiem Himmel? Was
trieb ihn, die Nacht im Auto ohne Halt durchzufahren, im stummen
Zwiegespräch das Gefühl über alle Grenzen verlierend?
Einen Tag zu früh ist er von zu Hause aufgebrochen, morgen
wird Hanna auf dem Flughafen von Venedig ankommen. Wo sie einander
wiedersehen wollen, hatte er sie über den Ozean hinweg gefragt.
"Wo immer du willst", war ihre Antwort gewesen. Mit
entschlossener Leichtigkeit beginnt die gemeinsame Reise durch
das Hinterland des adriatischen Küstenbogens, die "Terra
Ferma" der einstigen Republik Venedig bis an deren entlegen
Grenzen in den "Siben Pergen". Keine jugendliche Liebe
mehr, sondern eine im Wissen um ihre Grenzen, geleitet sie zu
Orten großer Liebender der Vergangenheit wie in die nächtliche
Zweisamkeit fernab unter Sternen. In immer neuen Facetten zeigt
sich die unerschöpfliche Spannung zwischen Mann und Frau,
nicht ohne wachsende Ahnung, in der nahenden Trennung verberge
sich der Abschied für immer. Peter Steiners Erzählung
ist eine Elegie auf die Liebe, die sich nur in der augenblicklichen
Gegenwart erfüllen kann. |
LESEPROBE
Hanna
hat meinen Blick verändert. Seit sie da ist, sehe ich alles
mit vier Augen. Dazu kommt mein Spiegelbild in ihrem Antlitz. Es
stellt mich ins Zentrum der Welt. Selbst an den Klippen über
dem Meer gibt es keinen Rand. Alles dreht sich um uns, wir sind
die Mitte mit vielen Namen; "wir, uns, du und ich, niemand
sonst, nichts außer, alles ..."
Später,
auf dem Kai, falte ich aus dem Katalogblatt ein Schiffchen und setze
es im Hafenbecken aus. Ist es Wind, zu schwach um ihn zu spüren,
der das Boot fortbewegt, oder ist es das Ziehen der Gezeiten, hat
die Ebbe eingesetzt? Wir gehen langsam neben dem winzigen Boot her,
in Richtung Osten, zum Canale di Porta Nuova, der schmalen Ausfahrt
ins Meer. Dort steht an jeder Seite ein hoher Wachturm. Zwischen
den Türmen hängt eine Sperrkette. Wo diese ins Wasser
eintaucht, um einige Meter weiter wieder daraus hervorzusteigen,
stößt unser Boot an, dreht sich auf der stelle und entfaltet
sich dabei, Bugkante um Bugkante, zuletzt nur noch ein im Wasser
treibendes Blatt Papier, das allmählich versinkt. |
STIMMEN ZUM TEXT
Das
Buch besticht durch seinen elegischen, wunderbar freimütigen
und dennoch keuschen erotischen Ton, der im Ohr bleibt, ein langes,
erdentreues Adagio, in dem Beschreibung von Landschaft und Leib
ein und dasselbe werden. Etwa in dem unvergeßlichen Bild von
der dunklen Haut um die Brustspitzen der Geliebten, die zugleich
eine zitternde Nachbildung der Lagunenstadt aus der Vogelschau wird,
ein Bild, das einem ein Schaudern und Flimmern durch das Rückenmark
jagt, ein Zeichen, so sagte Nabakov einst, von gelungener Literatur.
Und dann noch die vereinzelten Sätze, Bilder und Gedanken:
über die Unzulänglichkeit
der Photographie, über
die Trauer in jedem Geschenk, über die Bereitschaft die schon
Verständnis ist, über die Metaphysik der Lust (ich höre
Mahler Nietzsche vertonen: "Denn alle Lust will Ewigkeit.".
Hannahs Hand, vereinzelt schwebend in der Nacht; wie sie ihr Haar
in einen Roßschweif bindet; wie sie sich bewegt vor der Sonne,
in der Sonne. Alles Spiegelscherben meiner eigenen Seele, meines
eigenen Verlangens nach brennendem Stillstand, meiner eigenen Todesangst.
Paul Hermans
Maastricht
"In
die Agonie der Körper entwichen"
Peter Steiners "Abschiedsfest" eines Liebespaares
Es
geht in dieser elegisch-hintergründigen Erzählung um das
Einmalige dieser Liebe auf Entfernung, die von der Sehnsucht zueinander
lebt, beseelt vom "Wunsch nach dem Unmöglichen".
Beide wissen, wie gefährdet dies Glück wäre, wenn
sie zusammenleben würden: "Zögern wir zusammen -
wovon wir Tag und Nacht träumen-, dauerte es nicht lange, und
wir wären getrennt für immer."
Dem bedächtigen und genauen Erzähler Peter Steiner gelingt
in dieser leicht geformten Geschichte, jene unterschwelligen Sehnsuchtsschichten,
die dem Begehren zurunde liegen (wider allen Abdriftungs- und Wiederstandsmöglichkeiten,
etwa der ständigen Vergleiche aus der Vergangenheit et cetera),
sicht- und spürbar werden zu lassen.
Georg
Pichler
Die Presse
HINTER
DEM HORIZONT
zu den 35. Rauriser Literaturtagen, Pinzgauer Nachrichten
"Wo
immer du willst", antwortet Hanna auf die Frage ihres Geliebten,
an welchem Ort sich die beiden treffen sollten. Es wird Venedig
sein.
Ortswechsel
- das zentrale Motiv in der Literatur von Peter Steiner, der seine
Leser in die entlegendsten Ecken der Welt entführt. Im Roman
"GAP" (1998) war es Südamerika, wo der Protagonist
im Dschungel nach einem Schmetterling und einem Berg sucht, die
zuvor noch niemand gesehen hat. Natürlich handelt es sich in
Wirklichkeit um die Suche nach der eigenen Identität und der
Held kommt zur Erkenntnis: "Der Horizont ist ein Teufelskreis
... Je mehr man ihn erweitert, desto größer wird das
Unbekannte dahinter."
"Mitten im Nichts", irgendwo in der Neuen Welt, war der
Schauplatz von Steiners Buch "IM langen Schatten" (1996)
angesiedelt und die Handlung des Romans "Jenseits der Jägerzeichen"
(2001) spielte im afrikanischen Busch.
Der Schlüssel zu den unterschiedlichen Orten von Steiners Literatur
ist in der Biographie des Autors zu finden. Als Geologe war Peter
Steiner jahrelang im Auftrag der UNO in entlegendsten Gegenden unterwegs.
Die eigentliche Entwurzelung liegt jedoch in der Kindheit des 1937
in Baden bei Wien geborenen Schriftstellers. "Am Anfang stand
der Krieg, aber ich sah darin nur den äußeren helfenden
Umstand, der uns zur Flucht trieb. Mir hat es das Herz nicht schwer
gemacht, den Ort meiner Geburt zu verlassen, im Gegenteil, es kam
meiner Neugierde entgegen, in die Fremde zu gehen. Die lag im Gebirge,
in einem engen Hochtal jenseits der Tauern. Gäbe es einen Ort,
den ich als Heimat bezeichnen könnte, es wäre jener Fluchtort
im Hochgebirge", schreibt Peter Steiner im Text "Dichter
und ihre Orte".
In Rauris wird der "entwurzelte Bergbauer", wie sich Steiner
selbst einmal charakterisierte, aus seiner neuen, im Otto Müller
Verlag erschienenen Erzählung "Wo immer du willst"
lesen. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen einer amerikanischen
Dolmetscherin und dem Ich-Erzähler. Er, ein 60-jähriger
Weltenbummler, und sie, geschieden, Mutter von drei Kindern, kennen
und Lieben einander schon seit 20 Jahren. Sie sind es gewöhnt,
mit ihrer Beziehung behutsam umzugehen, um diese nicht aufs Spiel
zu setzen: "Zögen wir zusammen - wovon wir Tag und Nacht
träumen -, dauerte es nicht lange, und wir wären getrennt
für immer."
Vielmehr versuchen sie, ihre Liebe immer wieder aufs Neue zu beleben.
Dieses Mal treffen sich die beiden in Venedig, kehren jedoch der
Lagunenstadt bald den Rücken, um in einem klapprigen Wohnmobil
das Hinterland zu erkunden. Die Reise führt das Paar durch
den Karst, zur Lagune, ans Grab von Joseph Brodsky, nach Istrien,
Padua, Mantua, Verona sowie zu den Euganeischen Hügeln.
Steiner verpackt die Geschichte einer stillen Liebe in eine Art
Reisetagebuch, in das er die Beschreibung von Landstrichen, die
Begegnungen mit verschiedenen Menschen, historische Spuren und Gedanken
von Petrarca und Vergil einfließen lässt. Die Melancholie
der Landschaft des Veneto wird letztlich zum Symbol für die
Gefühlslage der beiden Protagonisten. |
JENSEITS DER JÄGERZEICHEN |

|
KLAPPENTEXT
Warum
er geblieben war, konnte Luc nicht erklären. Das Rückflugticket
hatte er bereits in der Tasche, und in den zwei Jahren als Lehrer
in Afrika hatte er die Tage bis zur Heimkehr nach Frankreich gezählt.
Doch als ein alter Kolonist ihm anbietet, in den Regenwald zu
kommen und eine Gruppe von Holzfällern zu beaufsichtigen,
sagt er ja. Bei einem Dorffest lernt er die Schwestern Claire
und Pauline aus dem Stamm der Tébé kennen. Eine
Liebe in vertrauensvoller Dreisamkeit entsteht. Luc kann sich
nicht satthören an den Mythen über die Entstehung der
Welt und das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Erst
allmählich erfährt er mehr über Claire und Pauline
selbst, was sie von allen anderen Frauen ihres Stammes unterscheidet,
über ihre Familie und Spannungen zwischen Vater und Sohn.
Doch wer ahnte deren dramatische Folgen in dem auf Freiheit schlecht
vorbereiteten Land? Während die Welt gespannt am Bildschirm
die erste Mondlandung beobachtet, ist eine andere Welt dabei,
die letzten vom Menschen unberührten Gebiete dieser Erde,
"jenseits der Jägerzeichen", zu betreten. Mit diesem
Buch ist Peter Steiner eine einfühlsame Schilderung dieser
"anderen" Welt und ihres kulturellen und politischen
Umbruches gelungen. |
LESEPROBE
"Das
gleiche Wort, einmal hier, einmal dort gesagt, hat zwei sehr verschiedene
Inhalte. Ist das nicht der Grund, warum wir verschiedene Sprachen
haben? Hier im Wald spricht jeder Stamm seine eigene Sprache, und
das ist richtig so, denn was sie aussagt, gilt nur für jene,
die sie verstehen, nicht für andere. Und dann kommt ihr mit
euren Weltsprachen! Die tragen doch das Unglück in sich." |
STIMMEN ZUM TEXT
.....
eine eigentümliche und vor allem nachvollziehbare Geschichte,
die ihre Geheimnisse nicht preisgibt,...
Peter
Handke
Je mehr mir die Sätze und Bilder eigen werden, je mehr ich
mir die Länder und Orte vorstelle, von denen ich noch nie gehört
habe, die geheimnisvoll anklingen wie einst die Länder und
Orte in Karl May's Büchern, desto mehr kommen mir die Wörter
von Ingeborg Bachmann in den Sinn:
Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,
und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt...
jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen,
jedes Licht hat mir ein Auge verbrannt.
in jedem Schatten zerriß mein Gewand.
Diese
letzten drei Sätze: ich habe sie immer wieder gehört,
am Ende der JÄGERZEICHEN, dieses schreckliche, abrupte Ende
eines Paradieses, worin ich mich langsam, die Düfte, die Stille,
die Hitze und die Nacht tastend, vorwärts (und immer wieder
rückwärts) bewegt habe. Ich konnte die warmen, dunklen
Stimmen der beiden Frauen, Claire und Pauline, hören, und die
wunderbar keusch-erotisierenden Sätze tropften in mein eigenes
Verlangen, meine mich fast zerreißende Sehnsucht, einfach
neben einer Schönheit im Bett zu liegen, nicht um sie zu besitzen,
doch um ihr unersättlich zuzusehen und sie mit dem Schatten
meiner Finger zu streicheln.
Das
Ende des Buches hatte auf mich einen unglaublichen Effekt. Wirklich,
als ob einer mit einem Hackmesser mit einem kurzen, schnellen Schlag,
mir das Verlangen entherzte. Was bleibt ist die Phantompein, der
leibliche Schmerz um eine Stelle, die für immer entschwand.
Paul
Hermans
Brunssum, am 4. Juni 2005 |
HANDSTÜCKE (Prosa,
Notizen und Skizzen) |

|
STIMMEN ZUM TEXT
Der
Verlag Literaturedition Niederösterreich brachte im Jahr 2000
eine Sammlung mit Kurzprosa heraus; "Handstücke - Prosa,
Notizen und Skizzen" aus den Jahren 1981 - 1994. Die Kurzgeschichten
und Reiseimpressionen entstanden in Baden, Peru, in den Zügen
"The Montrealer" und "The New Yorker", in Sibirien
(Irkutsk), Guyana, Kappadokien, Anatolien, Apulien, Worcester N.Y.,
Paris, Bolivien, Decatur N.Y. und Großgmain. Allen Texten
des Bandes gemeinsam ist der Charakter des Vorläufigen, die
Geschichten haben etwas Rohes, dessen Reiz nicht zuletzt in der
Ahnung von unbegrenzten Möglichkeiten besteht. Denn das "Handstück",
erklärt Steiner in der Vorrede des Buches, bezeichnet in der
Sprache des Geologen "die Stückprobe des Gesteins"....
es wird in der freien Hand geschlagen, darf keiner harten Unterlage
aufliegen, um nicht an ungewollter Stelle zu zerspringen. Das werdende
Handstück muß unter dem Hammerschlag federn. Die Hand
dient dabei als weicher Amboß und ist zugleich Maß ...
Das Handstück ist bleibende Erinnerung an vieles ... Die Metamorphose
schreitet fort, vom Lesestein zum Handstück, von Handschrift
zu Lesestück."
Andreas
Weber
LITERATUR UND KRITIK |
DOBERIG |

|
KLAPPENTEXT
Kalte, klare Luft, schwarze Berge, ein nachtblauer, sternenklarer
Himmel und eine ungewohnte, unbegreifliche Nähe des Weltraums
bestimmen den ersten Eindruck des siebenjährigen Kofler-Buben,
als er in einer Herbstnacht des Jahres 1944 vom Trittbrett des
Autobusses springt und sich umsieht in dem Dorf seiner Vorfahren,
wo nun auch er leben soll, zumindest bis die Zeiten wieder sicherer
sind: Doberig - ein Dorf im Gebirge, wo die Leute nicht kreuz
und quer laufen, wie Kofler es aus der Stadt kennt, sondern Wegen
folgen, die sternförmig auf ein Ziel zusteuern: die Kirche,
davor der Platz mit dem Kriegerdenkmal und das Hotel Post. In
dessen Garten wird noch bis ins Frühjahr die Fahne wehen:
rot, mit weißem Kreis und Hakenkreuz. Und der Bub wird dabei
sein, wenn man diese Fahne schließlich statt abzunehmen
auf Halbmast setzt, an der Seite seiner Mutter, unter Menschen,
für die das Ende des Dritten Reiches ein Trauertag ist.
Über fünf Jahrzehnte später durchstreift Kofler
mit einem Freund frühlingslichte Wälder. Unter dem Eindruck
der jüngst wiedergefundenen Aufzeichnungen der Mutter aus
dem Doberig seiner Kindheit erzählt Kofler davon. Der Freund
ermutigt ihn, dem wortlosen Ende jener "großen"
Zeit der Eltern sein Erleben entgegenzustellen, indem er es niederschreibt.
Koflers Vertiefung in jene weit zurückliegenden Tage rührt
an der Eltern und Großeltern Schuld, zwingt ihn aber auch
zur Rekonstruktion und Hinterfragung seiner selbst, vor allem
jedoch ersteht in eindringlichen, höchst genauen Bildern
der gebirgige und seelische Lebensraum eines als Fremdling in
der so rätselhaft schönen wie fragwürdigen Heimat
seiner Vorfahren aufwachsenden Kindes. |
LESEPROBE
Ich wußte selber, daß die kleinste Änderung der Sätze
diese bis zur Unkenntlichkeit zerstören würde, sie damit
ihren Sinn verlören, die Macht, etwas über die Zeit auszusagen,
in der sie geschrieben wurden, von einer in die Zeit eingebundenen,
ja eingeklemmten, nur scheinbar freien Person, meiner Mutter... Doch
jede Erklärung ist machtlos gegenüber Sätzen, die sich
im Augenblick der Niederschrift verschließen und nicht mehr
geöffnet werden, nur noch zerbrochen werden können. Nur
ganz - "wörtlich", sagte der Freund - beinhalten sie
etwas von dem Atem der Zeit, Glücksrausch oder Todeshauch, manchmal
beides in einem. |
STIMMEN ZUM TEXT
"Doberig"
(1999), der schlanke Roman über eine Kindheit im nationalsozialistischen
Österreich, beginnt in der Gegenwart mit zwei Männern,
die im indischen Restaurant eines Pariser Vorortes sitzen. - "Schreib
darüber, schreib für uns alle. Denn das fehlt noch",
sagt der eine zum anderen auf der zweiten Seite. Und der Autor erzählt
"dem Freund" von der Kindheit des "Kofler-Buben",
der mit seiner Mutter im Herbst 1944, während die Städte
in Schutt und Asche versinken, in das Gebirgsdorf Doberig zurückkehrt.
Die Mutter und die Älpler empfinden das Kriegsende als "Niederlage".
Steiner beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die
Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen
gleichermaßen unterläuft. Er zeigt die Welt ohne Bitterkeit
und Haß. Seine sprachliche Präzision verbindet sich mit
fundierter Sachkenntnis zu einer großen literarischen Dichte.
Der Text besticht durch seine Authentizität, das Erzählte
ist frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit", die
dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finessen.
Der Auto versteht es, von sich abzusehen, es gelingt ihm, das Persönliche
ins Verbindliche zu wenden.: Fern der großen weiten Welt und
ihrem Krieg, im Schutz einer Mauer aus hohen Bergen, verbringt der
Junge seine Kindheit, von der er seinem Freund viele Jahre später
erzählt, die kleine Geschichte eines Lebens, in dem mit einem
kleinen Satz die Weltgeschichte auftaucht: "Es kam der Tag,
an dem die Engländer das Tal wieder verließen."
Andreas Weber
Literatur und Kritik
...läßt erkennen, daß das große Beben, das
Europa in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erschütterte,
in den Menschen, die ihre Seelen nicht erstarren ließen, nachzittert.
Oberösterreichische
Nachrichten (1999)
Der
Autor beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die
Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen
gleichermaßen unterläuft. Der Text besticht durch seine
Authentizität,..., frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit",
die dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finesse.
Andreas
Weber
Die Presse |
GAP |

|
KLAPPENTEXT
"El Invisible", der Unsichtbare, so nennen die Einheimischen
den stets in Nebel gehüllten sagenumwobenen Berg inmitten
eines Gebietes, das auf der kolumbianischen Landkarte nur als
"gap", als noch zu erkundende "terra incognita"
aufscheint. Der amerikanische Schmetterlingsforscher DiRocca ist
angereist, um diese geographische "Lücke" zu schließen.
Doch die gefährliche Expedition ins "Gap-Land"
wird ihm zusehends zu einem beschwerlichen Weg des Nachdenkens
über sich selbst, über treue Freundschaft und leidenschaftliche
Liebe. Letztere verbindet ihn mit der Einheimischen Inés,
die als eine Art Barmädchen den Wünschen der Gäste
auch außerhalb des Lokals nachkommen muß, um den Unterhalt
für sich und ihre Tochter zu verdienen. Auch sie hat sich
auf eine gefährliche Suche begeben, auf die nach einem besseren
Leben. So streben beide - auf unsicheren Pfaden unbekannten Zielen
zu...Peter
Steiner hat einen fesselnden Roman geschrieben über den Aufbruch
ins Ungewisse, über die Liebe, Freundschaft und den verzweifelten
Versuch eines Volkes, gegen das eigene Elend anzukämpfen.
|
LESEPROBE
Sie hatte DiRocca gelegentlich "mi principe azul" genannt.
Er hörte es gern. Seit er nun weg war, in jenen Regenwäldern
jenseits des Felsgebirges, paßte der Name noch besser zu ihm.
Der Blaue Prinz auf dem Weg zum Blauen Berg, "el Cerro Azul",
den DiRocca hartnäckig den "Unsichtbaren" nannte, obwohl
er, wie man ihr gesagt hatte, an manchen Tagen deutlich zu sehen war,
eine blaue Spitze, welche die Wolken durchstach. Es gab in letzter
Zeit viel Gerede um den Berg. Nicht nur Wolken, auch Gerüchte
rankten sich um ihn. Und diese hatten weder mit Schmetterlingen noch
sonstigen Hirngespinsten, so sah Inés DiRoccas fantasiereiche
Geschichten, zu tun... |
STIMMEN ZUM TEXT
Der
1998 im Otto Müller Verlag erschienene Roman "GAP"
ist die Geschichte einer Liebe, an deren Ende Überleben und
Alleinsein stehen: der 45jäjrige Lepidopterologe (Schmetterlingsforscher)
DiRocca verliebt sich vor dem Aufbruch zu einer Expedition in den
Dschungel Kolumbiens in die 24jährige Inés, ein Mädchen
vom Land, das in der Stadt in die Prostitution geschlittert ist.
Sie weiß, daß der Amerikaner in einer "eigenen
Welt" lebt. "Seine Wirklichkeit entsprach nicht der ihren,
auch wenn die Umgebung dieselbe war... DiRocca war ein Träumer,
das tat ihr gut, wie es sie andere Male erzürnte." Er
entkommt auf seinem langen Weg durch den Dschungel zurück in
die Zivilisation dem Tod nur zufällig, doch dann ist der Zufall
gegen ihn, er verfehlt in den Wirren eines Militärputsches
die Geliebte.
Der Titel des Romans bezeichnet terra incognita, jenes Land, das
auf keiner Karte existiert und das der Geologe Steiner "oft
genug persönlich erlitten" hat - "wenn ich in ein
unwirtliches Gelände kam, für das es keine Karten gibt.
Natürlich ist der Titel auch eine Metapher für eine Wissenslücke,
die es zu schließen gilt." Doch "GAP" ist vor
allem die Geschichte eines ratlosen Mannes, der zwischen zwei Frauentypen
hin und her gerissen ist: Einerseits die leidenschaftliche, ganz
im Jetzt lebende Prostituierte Inés, daneben hat DiRocca
über eine große Entfernung hinweg eine tiefe Beziehung
zu Sophia, die seine Seelenverwandte ist. Steiner beschreibt keine
Tagespolitik, doch die politischen Katastrophen kommen vor - "dieses
pulverfaßhafte Aufbrechen von sozialen Gegensätzen und
Unruhen ist eine Folge der Geschichte. Denn die europäischen
Eroberer kamen wegen des Goldes nach Südamerika, das wirkt
sich bis heute aus."
Andreas Weber
Literatur und Kritik
...
große Passagen wunderbarer Beschreibung, plastisch, zugleich
fein, bilderaufschließend (Öffnen der Tiefenbilder beim
Leser), vor allem, was die Naturbeschreibungen und dem gewöhnlichen
freien Auge entgehenden kleinen Naturdramen betrifft. Auch ist die
Geschichte spannend, ja, packend, stellenweise, noch besser, bewegend
= freilassend, im Sinne von herz-befreiend (die Stellen vom versäumten
Leben, die nicht nur rhetorischen, sondern persönlich ausschwingenden
Momente der Selbstinfragesetzung)...
....das
Interessanteste an GAP: die jähen Schwankungen in der Bewußtseinslage
des Hauptmenschen, DiRocca, .... vielleicht bezeichnend für
unsere Heute-Welt...
...
ein neuer Don Quijote bist Du am ehesten....und der Don ist schon
sehr stark in diesem Buch.
Peter
Handke
in einem Brief an den Autor |
IM LANGEN SCHATTEN |
 |
KLAPPENTEXT
"Wer
einmal aus dem engen Tal draußen war, der konnte nicht mehr
zurück." Einer besucht, bevor er aufbricht, die "rituellen
Gesänge der Lakondonen an die Götter des Regenwaldes"
aufzunehmen, seinen Bruder in der Neuen Welt, fernab der großen
Täler und Städte. "War er ein Bauer, wenn nicht,
wer dann?" Im gemeinsamen Feldarbeiten, stummen wie wortkargen
Begegnungen, finden sich die Brüder im langen Schatten ihrer
Lebens-Aufbrüche. "Fanden wir uns, nach einem Leben,
in dem keiner vom anderen wußte, im gleichen Exil wieder?"
Sie kehren zurück in ihre Kindheit und Herkunft von der slowenischen
Bergwelt, aus der schon der Großvater aufgebrochen war,
um "Sprachbäume" zu erforschen, "eine Sprache
der Hoffnung". Berührendes Sinnbild einer Bruderschaft,
schließt dieses Buch den Kreis einer Trilogie von der Selbstfindung
quer durch alle Kontinente, der unentdeckten, der verlorenen wie
erfundenen in uns selbst - in einer Sprache, die, im genauen verweilenden
Blick, immer wieder aufgeht in die Dauer des Bildes.". |
LESEPROBE
"Ich
entfernte mich von dem lärmenden Ort, setzte den Vogel aus blaßblauem
Ton, der mir in den knetenden Händen entstanden war, in einen
Dornbusch und schlenderte durch die Niederung. Verband ich die Astellen,
an denen das Wasser am Fuße der Hänge austrat, durch eine
gedachte Linie, glich sie dem Ufer eines Sees. Weiter den Bach abwärts,
schon im Wald, gab es eine Stelle, wo sich das Wasser eine Schlucht
durch einen Rücken aus gewachsenem Gestein gegraben hatte. Seit
wann aber gab es den Durchlaß? Jetzt fielen mir die Findlinge
im Wald ein, der Opferstein, auf den wir das Kalb legten, der Steinkreis
um die Feuerstelle. Sie konnte nur das Gletschereis gebracht haben,
und bei Gletschern kannte wir uns aus. Auf ihnen und an ihren Rändern
...". |
STIMMEN ZUM TEXT
AN EINEM GESCHICHTSLOSEN ORT
Der österreichische Erzähler Peter Steiner legt ein Meisterwerk
vor
Der ältere Bruder besucht seinen jüngeren, nunmehr bereits fünfzigjährigen Bruder in der amerikanischen Einöde. Das Jahr läßt sich erraten, doch es ist unwichtig. Vom Beginn des Frühjahrs bis zum späten Herbst verbringen sie dort zusammen ein halbes Jahr. Sie machen ein Feld urbar, sie kaufen Vieh, ernten, mähen, reden ein wenig, schweigen viel. Es geschieht nichts wirklich Aufsehenerregendes in dieser Zeit – und doch so viel dank Der leisen Prosakunst Peter Steiners in seiner Erzählung „Im langen Schatten“.
Erzählt wird auch der Ich-Perspektive des Besucher, und schon die ersten Seiten zwingen den Leser in die Sichtweise eines an einem fremden Ort Ankommenden, der alles schärfer wahrnimmt, der sich während er langen Busfahrt vom Flughafen über die tristen Landstraßen auf das Treffen mit einem Menschen vorbereitet, den er im Wesentlichen nur mit Kindheitserinnerungen in Verbindung bringt. Eigentlich ist ihm dieser Bruder ein Unbekannter.
Der Platz, an dem er sich niedergelassen hat, ist ein „Ort, mitten im Nichts“. Die meisten Menschen, die dort noch leben, sind alt, leben mit ihren seelischen und körperlichen Versehrtheiten in Häusern wie in Grüften – lebende Tote, deren Schicksale berühren, ohne jeden Kitsch, ohne jede Rührselig-keit. De Gegend legt so weit nördlich, daß die Spanne zwischen den Wintern nur drei Monate lang andauert, also macht man sich gleich auf, das Feld zu bestellen, der wilden Natur ein Stückchen zur Kultivierung abzutrotzen. Wie mächtig die Natur ist, davon gibt es überall Zeichen, und nur der Besucher scheint sie zu erkennen. Selbst von den optimistischen versuchen aus den letzten hundert oder mehr Jahren blieben letztlich nicht mehr als leere Häuser und überwachsene Felder. Erst zu Beginn des Winters scheint auch dem jüngeren Bruder zu dämmern, daß er so enden könnte wie alle anderen. Es bleibt jedoch offen, ob er geht oder bleibt.
Ein großer Reiz von Steiners wunderbarer Erzählung besteht nicht zuletzt in den Naturbeob-achtungen. Selten findet man in erzählerischer Prosa unserer Tage solch genaue, sprachmächtige Darstellungen von Landschaften, Wäldern und Wiesen, wobei Steiner jede triviale Neoromantik zu umgehen weiß. Man fühlt sich in diesen Abschnitten an Handkes Buch "Noch einmal für Thykydides" erinnert, in dem ja scheinbar so bedeutenden Weltgeschichte die Schilderung von so bedeutungslosen Ereignissen wie das Fallen von Schnee oder das Schmelzen von Eis entgegengesetzt wird. (…) „Geschichte“ erscheint an einem derart geschichtslosen Ort, der nur vom Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt wird, geradezu absurd. Der Fall der Berliner Mauer im Fernsehen wirkt wie ein Bericht von einem fernen Planeten.
Steiner ist (…) aber auch ein begnadeter Erzähler. Es gelingt ihm, sich an Menschen heranzutasten und sie ihrer Geheimnisse doch nicht zu berauben. (…) So erfährt man nie so recht, warum sich er jüngere Bruder sich ein Haus kaufen mußte. Man kann es höchstens nachempfinden aus den Eindrücken, die man bekommt. Was für eine endlose Melancholie spricht aus der Stelle, an der der jüngere Bruder im Geiste sein erträumtes Haus auf einer freien Wiese baut, für Momente „wie am Ziel wirkt“, und schließlich erkennt: „Ich habe keinen Grund, es zu bauen.“ (…)
Eine zweite Zeitschicht erhält die Geschichte durch Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in einem österreichischen Bergdorf. Es ist diese zweite Ebene, die den „langen Schatten“ wirft auf das Hier und Jetzt der beiden Brüder, genauso wie die Nachbarn nur noch im Schatten ihrer Jugend leben. Gerade durch diesen gemeinsamen Bezugspunkt können sich die beiden Fremd-Vertrauten immer wieder einander nähern. Auch hier läßt sich oft nur erahnen, wie viel aus dieser Zeit noch unaufgearbeitet in ihnen rumort. Die ganze vergangene Welt in den südösterreichischen Alpen blitzt oft für Sekunden auf, so lebendig, daß den Erzähler im letzten Satz des Buches inmitten Neuenglands die Vorstellung erfaßt, sein Großvater käme jeden Moment aus dem Nebel.
Der fast sechzigjährige, weitgereiste Peter Steiner, der jetzt bei Wien und in New York lebt, ist ohne Zweifel ein fabelhafter Autor. Seine dritte Erzählung "im langen Schatten" ist ein ruhiges, vielschichtiges Meisterwerk, das seinen geduldigen Leser bereichert.
Stephan Landshuter
Landshuter-Zeitung (siehe auch "Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2)
Wege der Selbstfindung
Ein Bruderroman von Peter Steiner
Peter
Steiner vermittelt unaufdringlich und feinfühlig Bilder einer
Bruderschaft, die langsam zusammenwächst und dabei auf das
harte und rauhe Leben in der Wildnis eines riesigen Landes verweist,
wo auch der größte Einsatz keine Garantien bringt. (...)
Ein ruhiges Buch, das bei jedem Bild verweilen kann, bis es genügend
Wirkung gezeigt hat.
Rudolf
Kraus
Wiener Zeitung
Ich
war von der ersten Seite an gefesselt, und nach der dreißigsten
Seite fragte ich mich, woher dieser Text über die schlichten
Vorgänge der täglichen Arbeit, diese Beschreibungen von
Feld und Wiese, Weidezaun, Geräten und Maschinen, Gestein und
Wetterlagen ihre tiefe innere Spannung nehmen. Dazu der ruhige Ton,
sodaß man die Tage spürt und die Jahreszeiten, von denen
berichtet wird, und die so lange dauern wie sie eben dauern. Der
große Bogen der Erzählung, der sich erst gegen Ende konkretisiert,
ist von Anfang an spürbar. Mir erging es wie beim Hören
einer Bach-Fuge oder auch nur einer mehrstimmigen Invention: die
erste, einstimmige Tonfolge hat schon alle anderen, nach und nach
sich einflechtenden Stimmen in sich, kündigt sie nicht bloß
an, das macht ihre unwiderstehliche Sogwirkung aus. Hinter jedem
Bild Ihrer Erzählung liegen andere Bilder. Welche das sind,
erfährt man nach und nach, aber man spürt sie vom Anfang
an.
Elisabeth Schawerda
|
DIE LICHTUNG |

|
KLAPPENTEXT
"Wer
weiß, wo von er träumt?" Von einer Waldlichtung
aus, einem Ort der Kindschaft und der frühen Weltendeckung,
führen alle Wege in die eigene und der Vorfahren Herkunft:
vom Rand einer österreichischen Kleinstadt durch Wirren der
Jahrhundertmitte und Aufbrüche der Fünfzigerjahre bis
zu einem verlassenen Grabstein in den Bergen Amerikas. "Wenn
zwei aus derselben Quelle schöpfen, ist ihr Weg, wo auch
immer, nicht der gleiche?" Ein verzweigter Weg durch die
Lichtungen des Lebens in gelassener poetischer Sprache, die gleich
Licht um Kontur und Schatten, Brüche und Verschwiegenes weiß.
"Ich bin noch immer der Prinz der Lichtung ohne Grenzen."
- Ein dichter Brief zum lichten Abschied |
Weitere
Erscheinungen: "The
Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007 |
LESEPROBE
"Die Tischplatte ist von Algen geschwärzt. Hell glänzen
die darauf verstreut liegenden Föhrennadeln. Wie vertraut sind
mir die schlanken Zwillinge, der dunkle Knoten, der sie verbindet,
die feine Kerbe an den Innenseiten, welche verhindert, daß sie
sich einrollen, die feinen Spitzen, die, gebüschelt, dem Wind
einen unvergleichlichen Ton entlocken. Wärest du hier, du sähest
mich jetzt lächeln. Keinem vor dir habe ich es erzählt,
wie ich einst diese Nadeln mit Harz bestrich, um damit im Opferstock
nach Münzen zu fischen. Die waren freilich zu schwer und fielen
ab, bevor ich zugreifen konnte. Zudem versperrte der kreuzweise verzahnte
Schlund des eisernen Kästchens selbst Kinderfingern den Weg.". |
STIMMEN ZUM TEXT
Da
gibt's einen Österreicher, der heißt Peter Steiner, der
erst spät angefangen hat, zu schreiben, ....und das zweite
Buch heißt "Die Lichtung". Da gibt es wunderbare
Beschreibungen, wie sie vielleicht nur ein Geologe machen kann (...)
wie auch immer: Es gibt nur das Herz und das Auge zusammen, und
das macht die Gewissenhaftigkeit aus. Aber außer diesen wunderbaren
Ortsbeschreibungen wird erzählt, wie die Großeltern warten,
wenn eine Wallfahrt kommt, wenn von weitem aus der Ebene die Leute
kommen und wie sie dann das Essen herrichten, wie die Getränke
geordnet werden, beim Anblick der Wallfahrer aus der ferne; das
sind wunderbare Seiten, die nichts bedeuten und doch die Welt sind.
Da ist ein ganz großartige Szene in der "Lichtung",
wo der Vater nach der Kriegsgefangenschaft in Rußland heimkehrt
zum Gartentor, und er geht nicht gleich hinein zu seiner Familie,
er kniet am Gartentor nieder und hält die Klinke in der Hand
und kommt nicht ins Haus, hält nur die Klinke in der Hand.
Mir ist das im Gedächtnis geblieben - für immer.
Peter Handke
aus der Dankesrede anläßlich der Übergabe des Schiller-Gedächtnispreises
1995 in Stuttgart
Der
Ich-Erzähler kehrt zu Allerheiligen 1988 - das Datum läßt
sich erschließen - nach langer Zeit an einen Ort zurück,
der in seiner Kindheit und Jugend eine wesentliche Rolle gespielt
hat und ihm nun von dem unlängst verstorbenen Vater als Erbe
zufiel. Es handelt sich um das Haus seiner Großeltern und
die umliegende Lichtung - wiederum ein Grenzraum also mit dominanter
"Natur". Der Zustand einer Krise zeigt sich schon auf
der ersten Seite, da sich der Erzähler "in Beklommenheit"
befindet, weil ihm auffällt, daß keine Personen, die
mit dieser Lichtung und damit seiner Jugend zu tun hatten, mehr
am Leben ist. Das Moment der Krise erfährt im Verlauf der Geschichte
durch die auftauchenden Erinnerungen eine massive Ausweitung, am
stärksten in der extrem gestörten Vater-Beziehung.
Auf der Rahmenebene durchwandert der Erzähler das gesamte Grundstück.
Wesentlich wichtiger aber ist die eingelagerte innerpsychische Ebene,
die auch den Großteil des Textes in Anspruch nimmt, auf der
er die Räume qua Erinnerungen oder auch Phantasien mit der
Vergangenheit erfüllt, die er mit den jeweiligen Teilräumen
assoziiert. Die Erzählung erhält so eine zeitliche Tiefendimension,
die bis in die Zeit des Urgroßvaters hineinreicht. Diese Rückgriffebene
wird nicht chronologisch erzählt, der Erzähler springt
zwischen den zeitebenen. So setzt sich dem Leser das Bild der Vergangenheit
gleich einem Puzzle nur langsam zusammen. Die Vergangenheit wird
zudem oft so geschildert, als geschehe sie in der Erzählgegenwart,
was durch eine ausgiebige Verwendung des Präsens bewirkt wird.
Die Zeiten fließen so im Text ineinander.
Indem der Erzähler also den real vorhandenen gegenwärtigen
Raum Stück für Stück wiederentdeckt, entdeckt er
parallelisiert dazu seine eigene Vergangenheit und kann sich so
in sein Selbst reintegrieren. Daß es sich tatsächlich
um eine Art Selbstfindung handelt, zeigt sich an einer Stelle, die
auch Steiners poetische Qualität verdeutlicht: Er sieht sich
selbst in einem Fenster, Stirn an Stirn, sieht gleichzeitig durch
sein Spiegelbild hindurch in das Haus und sagt: "Ich schaue
in mich hinein". Der Text selbst setzt also den Raum äquivalent
mit dem Helden, was dann eben die Hypothese bestärkt, daß
der Erzähler mit der Rekonstruktion der mit dem Ort korrelierten
Vergangenheit auch einen hochrelevanten Teil seiner Person wiederherstellt.
Was Die Lichtung auf weiter Ebene interessant macht, ist der Umstand,
daß nicht nur die Privatgeschichte eines Individuums, sondern
auch die Geschichte des Landes Österreich aus der Perspektive
dieses Ortes erzählt wird. Mehrmals streift die Weltgeschichte
in Form von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit den Raum
der Lichtung. Zudem werden viele Lebensläufe von Verwandten
erzählt, anhand derer Lebensumstände exemplarische gezeigt
werden (der aus dem Krieg heimkehrende Vater, der ausgewanderte
Großonkel etc.). Die Lichtung kann und muß also auch
im Kontext der neuen österreichischen Heimatliteratur gesehen
werden, die nach Lebert, Jonke, Innerhofer und Winkler, um nur an
einige wichtige Autoren zu erinnern, in Peter Steiner nochmals eine
weitere Stimme hinzugewinnt, die ihren ganz eigenen Charakter hat.
Steiners entworfene Welt hat beispielsweise nichts gemein mit der
extremen Negativität der Heimatwelt Winklers, ganz im Gegenteil
ist sie verlorene Heimstatt. Die Erzählung Steiners teilt auf
jeden Fall mit den zentralen Werken dieser Richtung, daß Heimat
nicht mehr naiv idyllisiert werden kann. So sehr das Haus in der
Lichtung für den Erzähler einstmals ein Idyll war (als
Fluchtpunkt in der Phantasie während der Anstaltszeit), so
sehr ist sich der Erzähler bewußt, daß der Raum
in der Gegenwart kein hehrer locus amoenus mehr sein kann. Er weiß,
daß er nur mehr "Herr über ein Totenreich"
ist. Die Unmöglichkeit, die ehemalige Heimat idyllisieren zu
können, ist aber auch problematisch für das erzählende
Subjekt. Letztlich zeigt sich nämlich doch die Ambivalenz des
Erzählers, der wenige Zeilen später bemerkt: "In
mir lebt die Stille von einst, (...) erhellt von seinem einstigen
Licht". Der nicht aufhebbare Widerspruch zwischen Nicht-Idyllisierung
und (allerdings nicht-trivialer) Idyllisierung ist ein weiteres
wichtiges Hauptcharakteristikum der Erzählung, die ich für
ein überaus vielschichtiges, auch sprachlich gelungenes, spannungsreiches
Stück Literatur halte.
Stephan Landshuter
"Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2
Steiners
Texte zeichnen sich unter anderem aus durch die Fähigkeit zu
einer Kosmogonie im Kleinsten, die den flüchtigen Moment einer
zufälligen Begegnung, das scheinbar Nebensächliche, den
Fund eines Schneckenhauses oder das "löchrige Geröll"
auf dem Sockel eines jüdischen Grabsteins als Chiffren des
Ewigen erkennt und diesen überwältigenden Eindruck in
einer klaren, poetisch-gelassenen Sprache vermittelt.
Kurt A. Schantl
Festschrift zum Literaturpreis Niederösterreich
Aus
dem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe von "Die Lichtung"
"The Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007
The
alleged reason for the trip in The Clearing is the recent death
of the narrator's father; the narrator had been out of the country
and thus his father was buried before he could attend the
funeral services. Simultaneously, the narrator has inherited the
Clearing, a place of many youthful memories, some good, some bad.
On the way to the cemetery, his Polish cabdriver gets lost on the
highway and they wind up at the Clearing.
(...)
The narrator's youth may sound turbulent to a non-Austrian, but
it was fairly typical for his generation: father off fighting a
war, ultimately to die or be captures, since desertion was not a
viable option, as the few post-war biographies of deserters substantiate.
As a result of the fathers's protracted absence, his mother was
required to rely on relatives for sustenance and survival or provide
them herself; that both parents should later strike out on their
own is merely a normal continuation of this survival of the fittest.
And, in keeping with the reminiscences of his youth, the vast majority
of the people in his world are identified, not by name, but by relationship,
great-aunts, etc.
Too, the family's status as refugees was also common, as many fled
before the approaching Red Army, fearing robbery, rape, and other
reparations or retaliations too frightening to mention. But much
of this is experienced after the fact, through tales from relatives.
A more immediate and unrelenting burden is the narrator's obligatory
attendance at a distant boarding school: His dread of school as
an institution of subjugation and embarrassment was also common,
indeed almost a traditional rite of passage, as first documented
by the Austrian Robert Musil in his 1906 novella The Confusions
of Young Törless."
As a result, our young narrator's only security and stability throughout
these formative years are provides by his grandparents, his only
"home" the Clearing. Like his literary predecessor Stifter,
the narrator describes in minute and loving detail the flora and
fauna surrounding the Clearing. Thus it should not be surprising
that the physical surroundings of the Clearing - its rock formations,
vegetation, and topography - stimulate his childhood memories. By
walking around the Clearing and peering into the windows of the
inn, he is able to recreate the physical environment - and, ultimately,
the people who inhabited the periphery of his life. In addition,
the remnants of the inn spark his memory, recalling other visual
stimuli, such as pictures or home movies that illustrated his early
life. And what begins as an adolescent escape - his accidental visit
to the PANORAMA - becomes a life-altering experience. This stereopticon
introduced him to far-off lands, customs, and people. (In the author's
own life, his later study of geology and paleontology was a natural
culmination of his youthful stimulus.)
That the Clearing had no distinct boundaries meant that the boy
was free to roam, on foot or on his bicycle and more significantly,
in his mind. His sporadic encounters with Red Army soldiers were
at once frightening and stimulating - their physical presence and
their language inspired conflicting emotions; thus, it was not improbable
that he later set out to investigate Eastern Europe, and eventually
the world.
Todd
C. Hanlin
Arkansas State University |
DER BRUNNEN DES COLUMBUS |

|
KLAPPENTEXT
Auf einer Insel am Rande der Alten Welt befindet sich ein Brunnen,
aus dem Columbus Wasser für die Fahrt übers Meer schöpfte.
Ein Nachfahr bricht auf, fort von einem Ort, wo er gewahrt, Menschen
"ohne Träume, zu Tode beschäftigt" zu gleichen.
"Er war aus freien Stücken gekommen, aber auch hier
gestrandet. Das Feld war ein Ufer." Die poetische Erkundung
der Insel, Schritt für Schritt, Bild um Bild, kreist um dieses
Feld ("geheimes Siegel"), das ein Bauernpaar bearbeitet
und "geadert war wie ein Blatt, das in einem Brunnen wurzelt."
Was für ein Brunnen, der letzte? Ringsum verfallen die Schächte,
wird Erde ins trockene Flußbett geschüttet, wächst
die Hafenstadt mit "Stichstraßen" in verschachtelte
Vor-Orte. Dem "Einzelgänger, der lange Zeit jenseits
der Straßen gelebt hatte", eröffnen sich auf seinen
"Wegen des Schauens" Quellen des eigenen Schöpferischen,
im Sich-Verlieren, das Erlebnis der Dauer wird.
Dieses
Buch ist eine kleine poetische Kosmologie, das Zu-Sich und Zur-Welt
Kommen, zu einer Sprache, die trägt. Ein Erstling, ein seltener
Findling Literatur. |
LESEPROBE
Eingedenk seiner Wandergänge, sah Felsner, was ihm heute wegen
des Wüstenstaubes verborgen blieb: die Insel als die "große
Steinin" im Meer. Einen Mantel aus Erde hatte sie nie besessen.
Nackt erhob sie sich aus dem Wasser, in der spröden Schönheit
schwarzen Basalts. Alles, was Wind und Regen ihr ließen, war
bis zur Durchsichtigkeit zerschlissen.
Mehr als sie verbargen, weckten Schleier aus Schutt die Neugier des
Aufmerkamen. Mit welcher Lust hatte Felsner danach eine Senke betreten,
wo der Boden füllig und weich war. |
STIMMEN
ZUM TEXT
Was
macht den Erstling Peter Steiners überdurchschnittlich interessant?
Zum Beispiel, daß die Sprache, die der ausgebildete Geologe
Steiner bei der Beschreibung von Natur verwendet, höchst genau
ist. Nicht jeder Naturwissenschaftler hat die sprachlichen Mittel,
sich poetisch auszudrücken, daß man ihm die liebende
Kenntnis der Natur abnimmt, doch wenn sie ihm zur Verfügung
stehen, kann sein Suchen nach einer "Sprache der Erde"
interessanter sein als das anderer zivilisationsmüder Schriftsteller.
Sie verleiht allen Dingen, die sie berührt, eine gleichschwebende
Aufmerksamkeit. Überraschen andere Texte durch beabsichtigte
"Brüche", so ist es hier die "Geschlossenheit"
des Stils, die diesen Erstling auszeichnet.
Hans-Peter Kunisch
Neue Zürcher Zeitung
Peter Steiners Buch weist eine große Stärk auf, und das
ist dieser unerschütterliche Ton der Gelassenheit. Eine Prosa,
die Langsamkeit und Bedächtigkeit zum Prinzip erhebt. Man mag
an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren
jedenfalls, die ihrer Literatur auch Visionäres gestatten,
dieüber das Sichtbare hinausdenken, die eine andere Wirklichkeit
erfahrbar machen wollen.
Salzburger Nachrichten
Mit
einfachen, klaren Sätzen schreibt sich Steiner in die Seele
seiner Leser. Ein Buch voll tiefer Gedanken und für stille
Stunden.
ORF Steirisches Literaturmagazin |
|