Bücher von Peter Steiner


Bücher von Peter Steiner


DAS SCHWEIGEN DER MEERE

KLAPPENTEXT

Der Name einer Zufallsbekanntschaft aus früheren Tagen, DiRocca, amerikanischer Schmet-terlingsforscher griechischer Abstammung, läßt den fast achtzigjährigen Bergbaudirektor Veit Troyer, im Ruhestand in einem abgelegenen Haus in den österreichischen Bergen, Adressat eines ungewöhnlichen Briefes werden. Ein griechischer Reeder gleichen Namens, DiRocca, ersucht um Hilfe bei der Ausforschung seines Vaters, dessen Identität die jüngst verstorbene Mutter bis zuletzt verschwiegen hat. In Griechenland stellt sich mit Hilfe der jungen Sekre-tärin Zoé alsbald heraus, daß neben dem Schmetterlingsforscher eine Reihe anderer Männer als möglicher Vater in Frage kommen. Zweifelsfreie Beweise fehlen. Ein verschlüsseltes Notizbuch der Mutter lenkt den Verdacht auf einen Franzosen, der sich dem Widerstand gegen die griechische Militärjunta der 60er-Jahre angeschlossen und einige Zeit auf der Insel Kythera – wo die Mutter nach ihrem Studium in Paris lebte und arbeitete – abgetaucht war. In Paris stößt Troyer auf höchst verschlungenen Wegen tatsächlich auf Zeitzeugen, die Licht in die Vorgeschichte der mysteriösen Umstände bringen. Da stellt ein Anruf von Zoé sein eigenes Leben vor eine gänzlich neue Situation.

LESEPROBE

Sie verabschiedeten sich und ich blieb mit DiRocca allein zurück, der erstaunt auf das Rauschen des Meeres horchte, auf das donnernde Anprallen der Wellen an die Felsen, denen die allseits steil abfallende Geländerippe längs des Meeres, auf der mein Haus stand, seine Existenz verdankte. Hat man einige Zeit im Regenwald verbracht und kommt an diese Küste, dann, so habe auch ich es immer wieder empfunden, ist es mehr als bloß an die Küste zu kommen. Man kommt an den Rand der Welt, steht dem Ozean als einem anderen Universum gegenüber. So müsste es sein, dachte ich einmal, auf dem Mond zu stehen und auf die Erde zu blicken, das kann auch nicht viel anders sein als von der Falaise auf den Ozean zu schauen. Nur lauter ist es, unruhiger, gewaltsamer. Mit einer die Falaise zum Beben bringenden und bis in die Balken des auf Pflöcken stehenden Hauses spürbaren Kraft – ein rhythmisches Erzittern wie das des eigenen Blutes unter der Haut – schlägt das Meer ohne Gegenüber auf den Rand des Kontinents. An solch einem Ort lebt man immer mit einer Mischung von glückhafter Bewunderung und allzeit spürbarem Respekt.

STIMMEN ZUM TEXT

Das Erzählen und zwar im modernsten und damit ursprünglichsten Sinn ist Peter Steiners besondere Kraft.
Andrea Grill,
Literatur und Kritik


WENN MEIN VATER POLNISCH SPRICHT

KLAPPENTEXT

Eine beschauliche Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, das stellt sich der Geochemiker aus einer österreichischen Kleinstadt vor, als er im Herbst 1981 den Zug besteigt, um zu einem Kongress in Irkutsk am Baikalsee zu reisen. Doch die Fahrt in die sibirischen Weiten des Sowjetreiches wird schon am Grenzübergang in die Tschechoslowakei zu einer unerwarteten Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie. Saß nicht sein Vater vor vierzig Jahren in diesem Zug, um nach dem deutschen Überfall auf Polen in das neu geschaffene General-Gouvernement zu fahren? Vier Kriegsjahre verbrachte der Vater in Warschau, aber der Sohn weiß davon so gut wie nichts. Die Begegnungen mit Menschen auf der Fahrt durch den Sowjetstaat geben nur noch mehr Rätsel auf. Es ist die andere Gegenwart, die unberührten Wälder Sibiriens, Dörfer im tausendjährigen Schlaf, junge Männer und Frauen mit dem Licht der Zukunft in den Augen, oft naiv verträumt, gelegentlich auch rebellisch, der Glanz alter Städte Zentralasiens, die den Reisenden die eigene Vergangenheit vorübergehend vergessen lassen. Nach der Heimkehr will er seinen Vater befragen, über die von Schweigen versiegelte Zeit, und warum er, mit einer einzigen Ausnahme, nie Polnisch sprach.

 

LESEPROBE

Im Waggon kündigt sich das Ende der Fahrt an. Es ist der Kurswagen nach Irkutsk, in dem ich sitze. Er wird hier gereinigt und an den Gegenzug nach Moskau angehängt. Die Bettwäsche hat man bereits eingesammelt und in große Säcke gestopft. Die Verantwortlichen zählen die Teegläser und deren metallene Halterungen. Der dünne, waschbare Stoffläufer über dem Dauer-Teppichläufer im Korridor ist verschwunden. Das Personal im Speisewagen hat alle überschüssigen Lebensmittel in den letzten Stationen an die den Zug stürmenden Frauen verkauft. Alle Eierplateaus sind leer, die großen Einlegegläser mit krautgefüllten, grünen Paradeisern stehen nicht mehr hinter dem Kassenpult. Zug Nummer 10, Baikal, wird in zwanzig Minuten am Ziel seiner 5.190 Kilometer langen Fahrt angelangt sein. Acht Stunden wird er in Irkutsk stehen, um mit dem beladen zu werden, was er als Zug Nummer 9 nach Moskau brauchen wird. Mir wäre es im Augenblick lieber, die Fahrt ginge nicht zu Ende. Ich werde die problemlose Geborgenheit dieses kleinen, warmen Schlafwagenabteils vermissen. Viel lieber führe ich weiter, zumindest noch einige Tage lang. Vielleicht wäre mein Unbehagen dann verflogen. Warum findet der Kongress nicht in Wladiwostok statt, oder in Petropawlovsk Kamtschatski am Ochotskischen Meer?

Mein Wörterbuch ist gelb, aber es schluckt die Spontaneität genauso wie das baue Büchlein von Nadja. Vera macht es besser. Sie spricht ungehemmt auf mich ein und sieht mir dabei in die Augen. „Ponimaesch?“ Verstehst du? fragt sie zwischendurch, und ich sage „Da“, begleitet von einem Kopfnicken oder Lachen oder beidem. Manchmal verstehe ich tatsächlich, oft glaube ich etwas zu erraten, bis ich merke, dass es völlig falsch war. Aber was tut das zur Sache? Wichtig ist, dass Vera mir etwas sagen will, dass ich nicht stimmlos und sprachlos durch eine fremde Welt gehe, mich nicht ausgeschlossen fühle. Mir stehen zwei Mädchen aus dieser Stadt zur Seite, also ist es höchst sinnvoll, jetzt die Lenina zu überqueren, auf das Kindertheater zuzulaufen und weiter die Karl-Marx-Straße hinunter. Unvermittelt, als wäre sie meine Geliebte oder Frau, hängt sich Vera an meinen Arm. Ich weiß nicht, was in ihr vorgeht, will auch nicht raten, sehe lieber einfach das Licht in ihrem Gesicht, am hellsten auf der Stirn, das Licht der großen Weite. In Europa, denke ich, wird jede mögliche Weite durch eine schöne Landschaft verstellt, kann das Licht niemals ganz Weltlicht sein.

 

STIMMEN ZUM TEXT

Man mag an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren jedenfalls, die über das Sichtbare hinaus denken, die eine andere Wirklichkeit erfahrbar machen wollen.

SALZBURGER NACHRICHTEN


Zur besonderen Poetik des Buches gehört, dass wir immer jetzt da sind, zugleich aber in den Jugendjahren der Eltern, den eigenen Jugendjahren – die sich im Kopf des Lesers einstellen – und in der Zukunft sein können und geographisch überall sein können. Das Erzählen, und zwar im modernsten und damit ursprünglichsten Sinn ist Peter Steiners besondere Kraft. Der Tex schafft, was wirklich nur ein Text er-schaffen kann, was Texte so unverzichtbar macht. Die Existenz des reisenden Wissenschaftlers und der Menschen, die sein Denken bevölkern, kann vom Leser miterlebt werden und dabei erlebt er/sie auch sich selber genauer.
Peter Steiners Erzähler darf alles: die Struktur des Romans, in Kapitel gegliedert, über die hinweg datierte Ortsangaben den Text unabhängig davon wieder anders ordnen, ist origineller, als auf den ersten Blick offenbar wird. Folglich wirkt die Geschichte wie naturgemäß gewachsen, sie kann, was sonst eher ein Privileg der Lyrik bleibt. Der Roman hält, was er verspricht, „den Tag in seiner Zartheit nicht mit zu viel Wahrheit zu bedrohen.“

Andrea Grill
LITERATUR & KRITIK


DER SANDFALLENBAUER

KLAPPENTEXT

Was bringt einen Weltenwanderer und Sandfallensteller dazu, sich mit seiner Frau auf einem Stück Brachland irgendwo in Amerika als Bauer niederzulassen? War es der Großvater, der einst den väterlichen Hof im Gebirge verließ und den Enkel der Heimat beraubte? War es der Malerfreund aus der Großstadt, der sich im Grünen ansiedelte, der Makler, der genau zu wissen schien, was der Rastlose suchte, ein Buch, das dem Kind jenes Traumbild einpflanzte, das der Mann nun hier wiedergefunden zu haben glaubt? Vielleicht liegen die Antworten in dem, was der Sandfallenbauer in der Natur beobachtet, in den Ereignissen, den Erinnerungen, welche die Grenzen von Zeit und Raum sprengen und die stillen Felder zum Weltschauplatz machen.

Peter Steiner vereint in diesem Buch die Geschichte eines Suchenden mit einer Fülle von Naturphänomenen und Einzelschicksalen zu einem faszinierenden, vielschichtigen und berührenden Ganzen.

… Innen- und Außenwelt in einem, schöne Absurdität und zugleich Wahrhaftigkeit – wie es einen Menschen heutzutage herumtreibt, ein Tanz zum Geheul der Coyoten.
Peter Handke

 

LESEPROBE

„Es war April, der Schnee lag noch hoch in Wächten an den Hügelflanken und im Wald unter gewaltigen Tannen. Ich lief allein über den langgestreckten Bergrücken, den wir später Die Ridge tauften. Jost van Gelderen, der Makler, hatte es vorgezogen, im Auto sitzen zu bleiben und seine Pfeife zu rauchen. „Just follow the ridge until you reach the third tree line, and all you see to your left and right shall be yours.“ Jost van Gelderen – lange schon im Alten-Paradies von Arizona – der seiner Mutter beim Anblick der Freiheitsstatue gesagt hatte: “Jetzt sind wir in Amerika, warum sollen wir noch weiter Holländisch sprechen?” Das war 1946, ein Jahr nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Jost hatte überlebt. Und da sitze ich in meiner Totenstille. Unten am Teich schreien noch einige Gänse, die aus welchem Grund auch immer nicht weitergeflogen sind. Worauf warten sie? Vor der Tür steht mein Traktor. Den sollte ich anwerfen und weiter mähen. Eine Woche lang ziehe ich schon meine Schnittbahnen über die Felder, und das Dröhnen der Maschine und das Sirren der großen Messer gehen mir auch nach zwei Tagen Stillstand und Stillsitzen nicht aus den Ohren. Dazu täuscht mir mein inneres Auge Bilder vor, etwa das Bild von Mäusen, die vor den nahenden Messern davonlaufen. Aber es laufen keine Mäuse mehr davon. Auch fahre ich über keine Auswurfhügel von Murmeltieren, sehe keine Truthähne und –hennen, kein Reh am Waldrand. Nichts, bloß die Zugvögel, und jeden Abend das Geheul der Kojoten, ein Rudel hinter den Apfelteichen, ein Rudel jenseits des Bibersees, ein Rudel in der Senke, über welcher der Mond aufgeht.

 

STIMMEN ZUM TEXT

Welch wunderbares Bild hast du uns Lesern, hast du mir persönlich gegeben mit der Schattenpyramide. „Es geht nichts verloren, es sucht sich nur eine neue Form. Aus dem Traum von gestern erwächst die Erinnerung von morgen.“ Dieses Bild der Schattenpyramide aus der Kindheit, die sich in einen Lichtkegel verwandelt, von mildem Licht, dieses Bild schaue ich mir wieder und wieder an in dem Sandfallenbauer. Und will es mir zu einem neuen Leitbild, zu einem Lichtbild, zu einer neuen Illusion machen.

Paul Hermanns



Nur selten gelingt es einem Helden, das abgehangene Spätlebensalter als geerdetes Kind auf einem Traktor zu verbringen und dabei die Leser zu verzücken. Auf einem Stück unbebauten Landes mitten in Amerika verbringt er mit seiner Frau die Tage hautnah an den Poren der Erdkruste. Peter Steiners Roman vom „SANDFALLENBAUER“ ist beinahe ein Märchen vom geglückten Leben.

Helmuth Schönauer
Die Neue Südtiroler Tageszeitung


DER ANGEHÖRIGE

KLAPPENTEXT

Lena und Simon sind seit fast 50 Jahren ein Paar, als Lena mit dem Verdacht auf eine lebensbedrohliche Krankheit konfrontiert wird. Hinter beiden liegt ein außergewöhnliches Leben: Simon hat viele Jahre auf Großbaustellen dieser Welt verbracht, während Lena, Fotografin, ihn mit den Kindern so oft wie möglich begleitet hat. Lenas Fotos sind gleichsam der Gegenentwurf zu Simons Leben: Sie entdeckt die Größe im Kleinen, im Wald von Akosombo, an der aufgelassenen Bahnstrecke in den Smokeys in den USA und schließlich im eigenen Garten, als der tägliche Lebensrhythmus der alt gewordenen Eheleute immer mehr auseinanderklafft. Während Lena in der Klinik auf die Operation wartet, haben Lena und Simon Zeit für Gespräche, in denen gegenseitig zugefügte Verletzungen zur Sprache kommen, die scheinbar vergessen waren. Von der Angst getrieben, Lena könnte nach ihrer Operation nicht mehr erwachen, gibt Simon sich in Phantasien einem Fest der Bilder hin, Lenas zeitlebens nicht gezeigten Bilder. Als wären Versäumnisse damit aufzuheben.

Peter Steiners neuer Roman beschreibt in feinen Nuancen die Beziehung zweier älterer Menschen die Krisen durchlebt haben, aber einander dennoch für immer verbunden sind.

 

LESEPROBE

Nachdem der Primar gegangen war, beugte sich Lena noch einmal vor und senkte den Kopf. …Sie band sich ein Kopftuch um, was Simon an ferne Sommer am Meer erinnerte, an Reisen im Kabriolett, an Richtungen ohne Koordinatensystem in einer weit offenen Welt. Wie jung waren sie damals gewesen! Simon ergriff Lenas Hand und hielt sie in der seien, nicht lang, weil er wußte, daß Lena seine Hand immer weniger ertrug. An manchen Tagen konnte selbst die leiseste Berührung ihr den Atem nehmen. Schon seine Nähe beengte sie an solchen Tagen, daß er es vermied, den Raum zu betreten, in welchem sie sich gerade aufhielt. Je älter sie werde, umso mehr Raum benötige sie, sagte Lena, und ging ins Erdgeschoß, wenn er im zweiten Stock arbeitete oder auch nur las. Oder sie stieg hinauf zur Dachterrasse, wich in den Garten aus, machte weite Spaziergänge. Ein Kuß im Einschlafen erschreckte sie so heftig, daß sie dann die ganze Nacht wach lag, neben Simon, dem Schlafenden. Auch im Tageablauf klaffte ihr kaum noch gemeinsames Leben mehr und mehr auseinander. Als lebten sie in verschiedenen Zeitzonen, begann für Lena die Nacht noch bei Tageslicht, schlief sie schon, wenn die Wipfel der Fichten im Garten noch im Abendlicht glühten.  Erwachte sie, hatte Simon sich gerade erst zur Ruhe gelegt, hörte vielleicht im Halbschlaf, wie Lena mit der Hausarbeit begann, ein Klirren aus der Küche, leise, denn er sollte nicht gestört werden. Endete die Nacht für ihn, hatte Lena ihr Tagewerk so gut wie beendet. …

… rief man Lena noch einmal in die Röntgenabteilung. Simon setzte sich auf den Gang, auf die Besucherbank gegenüber dem Eingang zur Neurochirurgie. Über der Tür befand sich eine elektrische Uhr, rund, weiß, Zeiger und Ziffern schwarz. Links der Liftschacht, rechts die Besuchertoiletten und ein Spülraum. Die Tür dazu stand halb offen, und dahinter auf dem Boden lag ein flüchtig zusammengefaltetes Bündel Leintücher mit Blutflecken. Durch das ganze Gebäude ging ein Vibrieren und Summen wie auf einem Schiff, das nicht schwankt, weil es am Kai festliegt. Standby. Wo war Norden? Er blickte auf die Wanduhr. MEZ Mitteleuropäische Zeit. Sekundenzeiger, Minutenzeiger, Stundenzeiger, der erste war der längste, der letzte der kürzeste. Welch seltsame Hierarchie. Je kürzer, desto langsamer. Der eine dahinhastend, der andere kaum in Bewegung, jeder ein Gefangener seiner Ebene. Die drei Ebenen, nur Bruchteile von Millimetern voneinander getrennt, schnitten den Raum vertikal, bildeten einen unsichtbaren Vorhang, eine Membran dreier Zeitrhythmen vor der Tür zur Neurochirurgie. Der längste Zeiger, der seine Sekundensprünge vollführte, war zugleich der dünnste. Bei jedem Halt federte er nach, das konnte Simon sogar von der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen. Das Zittern erinnerte ihn an die Nadel eines Elektrokardiographs. … Simons Herzschlagfrequenz entsprach ziemlich genau dem Abstand von Sekunden. Den Daumen am Puls der Hand, zählte er sechzig Schläge in der Minute. Ein Leichtes also, auf dieser Besucherbank seine Lebenszeit in Sekunden anzugeben. Sechzig Sekunden mal sechzig Minuten mal 24 Stunden mal 365 Tage mal 70 Jahre, das ergab 2,207.520,000 Sekunden, also zwei Milliarden zweihundertsieben Millionen fünfhundertzwanzig Tausend Sekunden. Daß das sein Herz aushalten konnte, grenzte an ein Wunder. Bei Lena erschien ihm das Wunder noch größer. Sie war zwar einige Jahre jünger als er, aber ihr Herz schlug schneller. Also hatte sie ihn an Herzschlägen gemessen schon vor langer Zeit überholt, war ihm weit, vielleicht schon uneinholbar voraus. Wo ihr Herz jetzt schlug, war von seinem weit und breit keine Spur. Aber einmal in ihrer beider Leben, hatte es einen Herzschlag gegeben, er ihnen beiden galt, einen Moment des Gleichklanges, der völligen Übereinstimmung. Wann war das gewesen?

 

STIMMEN ZUM TEXT


Ein Roman, der sich nicht m die ach so großen Probleme der Welt (vorrangig) kümmert, sondern um jene kleine Welt in uns selbst, in unserem Kopf, in unserem Gefühl, in unserer Seele. Das ist ein zutiefst österreichisches Buch, denn hier hat sich immer wieder Literatur gerade um jene Bereiche gekümmert.

LITERARISCHES ÖSTERREICH


DER STURZ AUFS DACH DER WELT

KLAPPENTEXT

Der Sturz aufs Dach der Welt erzählt die Geschichte des Botanikers Lorenzo Unterberger, der Ende der 1970er Jahre in einem unzugänglichen, menschenleeren Urwald am Abhang der bolivianischen Anden nach einer Heilpflanze sucht. Zufällig war er Zeuge einer erstaunlichen Heilung durch einen indianischen Heiler geworden und will nun gegen alle Widerstände Herkunft und Wirkung der Pflanze wissenschaftlich beweisen. Es ist gleichzeitig die Geschichte einer obsessiven Leidenschaft für Marlis, die Freundin seiner Tochter, die mit seinem Assistenten Paul verheiratet ist. Nachdem er einen Hubschrauberabsturz im Regenwald überlebt hat, gesteht Unterberger ihr seine Liebe. Zwischen den beiden entwickelt sich eine dramatische Beziehung, die jedoch nach kurzer Zeit abrupt endet.

23 Jahre später durchlebt Unterberger in der Rückschau - gleich einer Spurensuche - die Geschehnisse von damals noch einmal und sieht sie in einem neuen Licht: Ein Brief von Marlis, die mittlerweile in der Bretagne lebt, lässt die damalige Leidenschaft in ungeahnter Heftigkeit neu auflodern. Eine Reise zu ihr soll endgültig Klarheit schaffen...

LESEPROBE

"Ohne daß ich den Kopf bewegte, ging mein Blick einmal vorwärts, einmal rückwärts. Auf meinen Schultern saß ein Januskopf, dessen zwei Gesichter einander niemals in die Augen blickten. Wozu noch Augen, schöpfte ich doch aus Nachbildern, Echo meiner Erinnerung, und Illusionen?

 

STIMMEN ZUM TEXT

Welche Überfülle bildstärkster "Erinnerung, die sich am Rande des Vergessens anhäufte"! Peter Steiners Prosa ist nach allen Regeln der Kunst secco, trocken, rauh, kräftig, zupackend, welthältig. Bewertende, einwertende, die Tatsachen nach irgendeiner Wertsicht urteilend spiegelnde Sätze unterbleiben. ... Tatsächlich: Die pralle pulsierend austreibende Welt in aller reizvollen Angriffigkeit und verführerischer Bitterkeit, atemnehmend treffsicher erinnert.

Mathias Mander
LITERARISCHES ÖSTERREICH 01/2011


... in seinen seit 1994 erschienenen Romanen und Prosabänden überzeugte immer wieder der erzählende Blick auf die unterschiedlichsten Landschaften ... auch in seinem elften Buch, "Der Sturz aufs Dach der Welt"... im Wortsinn zu verstehen. Bei einem Erkundungsflug am Ostrand der Anden geht der Hubschrauber bei der Landung zu Bruch. ...

... die Handlung ist es nicht, die Peter Steiners Buch lesenswert macht, es sind die feinen, schwebend-dichten Beschreibungen von Orten und Stimmungen: die Idylle des verwunschenen Hauses in La Paz, Armut, Deprivation und Goldgräberstimmung in den Anden-Dörfern, die wehrhaften Indios am Eingang der abgeschiedenen Region von Challana oder das Schlussbild des einsamen Mannes an der Atlantikküste, der die Spuren eines kleinen Vogels im Sand als "winzige, gegen die Laufrichtung gerichtete Pfeile" sieht.

Evelyne Polt-Heinzl
Die Press
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... im Hochland von Bolivien ... stürzt (Unterberger) zusammen mit seinem Piloten mitten im Urwald ab ... (beide) überstehen den Aufprall unverletzt ... werden gefunden und gerettet. Für Unterberger war die kurze Zeit im Regenwald dennoch eine Art Offenbarung: Er dachte weniger an das ihm und seinem Piloten drohende Schicksal als vielmehr an seine Tochter Ljuba und vor allem deren Freundin Marlis... Zurück..., beschließt Unterberger, ihr seine Liebe zu gestehen.
... nicht die Geschichte von Unterberger ist es, die den Roman auszeichnet, sondern wie Steiner sie erzählt: Selbst Naturwissenschaftler... vermag er es, jedem noch so unwirtlichen Landstrich etwas besonderes abzugewinnen und die Eigenheiten von Land und Bewohnern in gleichermaßen poetische wie prägnante Wort zu fassen: "Ach Guanay, Weltstadt der Garküchen, handfester Kellnerinnen und Animiermädchen, des Schlächters und seiner Gehilfen, des Händlers mit seinen Stoffballen, des Kinobesitzers, der Lastwagenfahrer, die nach glücklich überstandener Talfahrt aus dem Hochland sich eine schwüle Nacht lang betranken, bevor sie sich auf die Rückfahrt in die Kälte machten."
Faszinierend an "Der Sturz aufs Dach der Welt" ist auch, wovon es nicht spricht. So geraten durch bestimmte Andeutungen ... plötzlich Dinge für einen Sekundenbruchteil in den Vordergrund, die man dort eigentlich nicht erwartet hätte ... im Kontext des Romans aber dennoch eine starke Wirkung haben.

Simon Leitner
Literaturhaus Wien


AZIMUT

KLAPPENTEXT

"Azimut, vom Arabischen as-sumut, die Wege, erzählt nicht nur von der Suche des Landvermessers Conrad nach dem richtigen Weg für eine neue Straße durch den Regenwald. Es ist eine Geschichte von der Suche nach dem richtigen Weg durch das Leben, die Liebe, Freuden und Ängste, Hoffnung und Enttäuschung, und dies vor dem Hintergrund einer paradiesischen, vom Untergang bedrohten Welt, die zugleich eine Welt im Aufbruch ist."

1966, Conrad hat sein Studium beendet, eine Familie gegründet, baut an einem Haus für eine glückliche Zukunft in der Mitte Europas. Und doch bricht er mit Frau und Kindern ins Ungewisse auf, als ihm der Zufall die Gelegenheit dazu bietet. Als Landvermesser soll Conrad der STRASSE DER ZUKUNFT den Weg durch einen der letzten unberührten Landstriche Afrikas bahnen. Er beginnt seine neue Aufgabe in San Andres, einem Fischerdorf an der Küste einer erst vor kurzem unabhängig gewordenen französischen Kolonie. Das Leben im Regenwald, auf sich allein gestellt und in kaum überbrückbarer Distanz zu den Einheimischen, schweißt die kleine Familie eng zusammen. Als das junge Paar Luc und Jeanne in ihr Leben tritt, entwickelt sich, begleitet von erotischer Spannung, eine tiefe Seelenverbundenheit. Doch immer wieder zwingen äußere Umstände einen der Freunde, den Regenwald zu verlassen, und das harmonische Gleichgewicht steuert auf einen Konflikt zu.

LESEPROBE

„Die Hitze des Tages war geschwunden, doch der schwüle Dunst des Meeres lag weiter über dem nächtlichen Hafen. Conrad kippte seinen Stuhl nach hinten, daß die Vorderbeine schräg über dem Boden schwebten und die Lehne am glatten Stamm eines alten Lorbeerbaumes scheuerte. Das Sirren der Zikaden schmerzte ihn in den Ohren. Er hob sein Glas an den Mund, erblickte am Ast über sich eine Glühbirne mit Blechschirm, umschwirrt von Mücken und Nachtfaltern, die sich daran die Flügel versengten und ihm als sanfter Regen auf Haar und Schultern fielen.“


DER WEG NACH SSONG KÖL

KLAPPENTEXT

Ein Mann kehrt heim, vermutlich von einer längeren Reise. Zuhause ist inzwischen die Zeit stehen geblieben, erstarrt zu Säulen, und nur Bewegung kann sie zum Klingen bringen, das Leben wieder in Gang setzen. Daraus entsteht der Erzählfluß dieses Buches, der sie einzelnen, manchmal nur im Ansatz skizzierten Geschichten letztlich verbindet. Es klingt etwas an, das uns alle betrifft. Die über den Erdball verstreuten Orte sind nur der äußere Anstoß für das. was aus den Begegnungen mit Menschen und Landschaften in uns weiterwirkt, in Gedanken, Gefühlen, Wünschen oder Träumen. Die Erzählkunst Peter Steiners macht sie bildhaft, nimmt uns an der Hand und führt uns bis nach Ssong Köl.

LESEPROBE

HEIMKEHR

Du kommst zur hohen Tür herein, betrittst das von Kastanien und Fichten beschattete Haus. Es ist dein Haus, dessen Räume dich erwarten, dein Schritt über knarrende Parketten, dein jähes Verhalten, Schweigen, Horchen. Als könnte die Zeit reden, die du in diesen Räumen verbracht, oder verlebt hast (möchtest du das sagen?). Du siehst, wie der Wind Zweige vor dem Fenster bewegt, siehst grüne Fächer auf und nieder schwenken, aber du hörst nichts. Die Luft steht in den Räumen und du denkst, sie sei nicht zuerst und schon gar nicht allein zum Atmen da, sondern um dir ein Zeichen zu geben, ein Zeichen der Zeit, die nicht mehr fließt, sondern erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen und Fenstern. Säulen stellst du dir vor, Säulen aus reiner Zeit, gerade so weit gefestigt, daß, öffnetest du ein Fenster, der Luftzug sie zum Klingen brächte. Das Haus begänne in allen Räumen zu tönen, rissest du die Fenster auf, denkst du, und bleibst stehen, während deine Frau tatsächlich zum Fenster geht und es öffnet - und du stehst noch immer da und horchst, da sie schon die Tür zum Balkon aufmacht und der Wind durch die Diele fährt, samt dem Blätterrauschen aus dem Garten und dem Gesang einer Amsel.

Ist das Heimkehr?
Bist du heimgekehrt?
Bin ich zu Hause?

Auf dem Schreibtisch liegt ein Blatt Papier mit einer Liste von Dingen, die vor der Abreise zu erledigen gewesen sind, Zeile für Zeile durchgestrichen. Du hast alles erledigt, bist abgereist, ohne offene Fragen zu hinterlassen. Bist du nun nur zurückgekommen, um neue Fragen zu stellen? Welche Fragen? Und warum hier, in diesem Haus der erstarrten Zeit? Kannst du deine Fragen nicht anderswo stellen, überall? Ja, überall, also auch hier, hier in deinem Haus. Du besitzt ein Haus und es steht im Süden von Wien, am Rande einer Kleinstadt, umgeben von Weingärten. Dorthin bist du zurückgekehrt. Wahrscheinlich wünscht du dir ein Zuhause, und dieses Haus kommt deinem Wunsch entgegen. Aber erfüllt es ihn auch?

Du betrittst das Haus, hast es schon betreten, bist die Treppe hinaufgegangen und durch die hohe Tür geschritten, hinein in den zentralen Raum, aus dem du durch Glastüren in all die anderen Räume sehen kannst, wo überall die Luft steht, über Eichenparketten und unter Decken mit Stuck. Du siehst die Blätter des Kastanienbaumes auf und abschwenken und das Blatt Papier auf deinem Schreibtisch, reglos seit vielen Wochen, eine Liste von erledigten Aufgaben und beantworteten Fragen, ein Friedhof der Buchstabengräber, angeordnet in Zeilen, und deine Frau öffnet, nein, reißt Fenster und Türen auf, und schon wiederholst du die Erinnerung an den Frühlingswind und den Gesang einer Amsel, von welchem begleitet das Blatt Papier mit dem Verzeichnis deiner Tätigkeit vor Wochen zu Boden segelt und sich langsam auf den Eichenbrettchen fortdreht, bis es zum Stillstand kommt. Sollst du es aufheben und die erste neue Frage darauf schreiben: Bin ich heimgekehrt? Bin ich wirklich zu Hause?

Du läßt das Blatt liegen, steigst über das scharf beschnittene weiße Papier hinweg und horchst auf den Gesang der Amsel.
Kleine schwarze Schwester!
Ce matin - il y avait un merle qui chantait depuis l'aube de ce jour ensoleillé à Paris. Wir schliefen bei offenem Fenster. Es ging kein Wind und der Gesang füllte den Hof hinter der Rue du Sahel. Am Ende jeder Strophe, lang und melodiös, setzte der Vogel vier mal den gleiche Ton: tü - tü - tü -tü. Du hast ihn sofort als einmalig erkannt. Da sang nicht irgendeine Amsel, nein, es sang die Amsel aus dem Hof an der Rue du Sahel. Eine Solistin, die Amsel aus der Rue du Sahel.

In Paris blühen die Kastanienbäume. Hier fächeln nur die Blätter vor dem Fenster, die Kerzen sind noch knospenklein, wie Bonsaibäumchen. Die Zeit war wohl nicht nur im Haus sondern auch in dessen Umgebung stehen geblieben. Befindet sich dein Besitz am richtigen Ort? Aber wie sollst du darauf Antwort geben, der du seit Jahren nicht mehr im Sommer zu Hause warst?

 

STIMMEN ZUM TEXT

Peter Steiner zählt zu den bemerkenswerten Randgängern der österreichischen Gegenwartsliteratur. Unabhängig von literarischer Betriebsamkeit entwickelt er konsequent ein Erzählwerk, das Menschen in existentiell exemplarischen Situationen zeigt: Erkundungsfahrt, Reise, Kultivierung von Land, Einsamkeit, Liebesbegegnung, u.a.m. Die Auseinandersetzung mit der Natur bildet dabei ein zentrales Thema, die mit präzise registrierender Sprache beschriebenen Landschaften kontrastieren mit den Personen, die mitunter in zweifachem Licht erscheinen: als reale Menschen und als bedeutsame, beinahe mythische "Kulturhelden".

Kurt Neumann
Literarisches Quartier Wien, Alte Schmiede


 

Vor einigen Wochen traf "Der Weg nach Ssong Köl" bei mir ein. Ich habe zu Thomas Mann und Robert Walser sagen müssen, daß ich sie nicht sprechen kann, weil ein Freund zu Besuch da ist. Und auch Vincent van Gogh habe ich gebeten, seine Briefe für eine unbestimmte Zeit nicht mehr zu schicken.

Dann bin ich zuerst mit dir heimgekehrt, in diesem wunderbaren Kleinod (Heimkehr), das mich damals schon, als du es mir in einem deiner Briefe schicktest, getroffen und gerührt hatte. Ein herzliches Wiedersehen auch mit unserer gemeinsamen Amsel.

Danach habe ich die große Weltreise begonnen, sah Tampa mit meinen eigenen Augen: "das nur kurz erhaschte Lächeln hinter der Scheibe, der in träumerischer Hoffnung verlorene Blick .....verbunden mit einem leisen Schmerz, der in sich ruht, keine Gründe sucht, niemandem Schuld beimißt."

In Manhattan fühlte ich mich leer und einsam, sowie auch in anderen großen Städten (Havanna, Trinidad etc.). Und trotzdem, wie erkenne ich mich in dieser Sehnsucht nach der Stadt, die eine Sehnsucht nach Menschen ist (die die Natur in ihrer Einsamkeit so schrecklich vermißt), eine unersättliche Sehnsucht nach allen möglichen Beziehungen mit Frauen, ihren geheimnisvoll lockenden Düften und schlichten Gebärden und Blicken, in denen man sich für immer nackt und still niederlegen will.

Sehnsucht nach der Stadt. Flucht aus der Stadt: "Die still schreiende Angst" bliebt mir aus den Städten. Und im Grau der "helle Wischer einer Taube." Der Traum bleibt mir, in dem der Held die Lebensenergie (Kupdri) nicht mit den Händen fangen kann und ermüdet dasitzt. Oder das Ringen mit "Lichtschlangen", den kommenden Büchern. Ist es nicht darum, daß uns der Autor dieses "Zwischenbuch" gegeben hat? Ja, habe ich still genickt, als las: "Laß uns Märchen spinnen, über den Inhalt der Briefe in den Händen ukrainischer Frauen". Ja, habe ich still geschluchzt, bei dem Satz: "Nur so, auf diese Weise, die der Handlung das Handeln verwehrt, kommen wir einander nahe".

Aber wir mußten weiter, weil der Gott es uns dichtete: "Hier ist nicht unser Haus / Hier werden wir nicht leben / Du, auf die gleiche Weise, / Wirst von uns scheiden müssen".

Dann, kreuz und quer durch die Welt, von Italien nach Yucatan (ein einzigartiges Bild: wie der Held, fast vor Hitze vergehend, in die Erde absteigst, den Wurzeln des dunklen Lebens entlang, zum klaren Brunnen des Lebens, ins "Auge Gottes". Von dort in die Mongolei, zur Frage. "Und Komei? Wen küßt ihr kirschroter Mund?" Den Erzähler, dachte ich, als Dank für diese schlichte, schöne Erzählung.

Aus Phander habe ich mir das schöne Gedicht am Anfang der Erzählung mit nach Hause geschmuggelt Von "Rosebud" wandte ich mich zuerst ab. Bei zweiter Lesung trat mir das Schreckensbild erst recht vor Augen; wie eine erbarmungslose und von Gott verlassene Zivilisation (nicht einmal eine Kultur) des Autors liebsten, erdgebundenen Vorfahren zerstückelt und verstümmelt hat. Ein zutiefst blutendes Bild, bitterer vielleicht noch als das leibliche Massaker, das überall dort stattgefunden hat.

Und dann endlich, endlich kam ich in Barskoon an. Und ich spürte es schon in den ersten Zeilen. Bei der Beschreibung der Jurte wußte ich es sicher: dieses ist das eigentliche Haus von Peter Steiner, dieses uralte und aus lebendigem Material aufgerichtete "mobile home". Und dann sah ich ihn kommen, seinen Großvater, der sich hier Mahmud al Kashgari nennen ließ. Ich sah, wie er dem Enkel wieder alle Länder und all ihre Sprachbäume zeigte. Und ich war es, der ihm in sein schlafendes Ohr flüsterte: Hier bist du zuhause".

"Heimkehr" und "Der Weg nach Ssong Köl": diese beiden Erzählungen legen ihre warmen Arme um die anderen Geschichten und teilen ihre Wärme mit ihnen.

Paul Hermans
Brunssum bei Maastricht


Die Magie dieser Geschichten ergibt sich aus dem gleichwertigen, ideologiefreien Nebeneinandersetzen der Wahrnehmungen. Aus scheinbar absichtslos beschriebenen Details von über den Erdball verstreuten Orten entsteht ein leuchtendes Mosaik der Bilder, deren Vielfalt doch in einem gemeinsamen Grundton schwingt. Die Gattung der Short Story, die dieser Autor meisterhaft beherrscht, besticht durch eine rasche Bestandsaufnahme, deren erhellende Poesie sich aus ihrer Skizzenhaftigkeit ergibt.

Edith-Ulla Gasser
ORF Literatur


(Der Eröffnungstext) "Heimkehr" rührt an dem Mysterium, wie ich es fast jeden Tag empfinde:

"Die Luft steht in den Räumen und du denkst, sie sei da, um dir ein Zeichen der Zeit zu geben, die nicht mehr fließt, die erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen und Fenstern."

Ein wunderbarer Satz, ein Satz wie ein Gedicht. Ich habe ihn gelesen, und gehortet, und belauscht. Ich möchte ihn wiederholen wie einen Mantra. Dieser Satz hat etwas zu tun mit meinem innerlichsten Zeitgefühl, (...) diese Sehnsucht nach dem Stillstand der Zeit, eine Sehnsucht, die ich nicht nur in diesem Satz aufleuchten sehe, sondern auch in den Bildern meines geliebten Johannes Vermeer, in jedem gelungenen Stilleben, in jedem erinnerten Augenblick von Sonnenlicht, in ein stilles Zimmer fallend.

Es ist eine gefährliche Sehnsucht, das fühle ich genau. (...) Ist es ein Todesverlangen? Vielleicht. Aber (...) es ist kein Verlangen nach Dunkelheit, nach einem toten Stillstand. Es geht ein Lichtverlangen darin um, ein Verlangen nach einem Stillstand im intensivsten, lebendigsten Augenblick. Dort verbrennt sich (sic!) der Phönix zu Asche. Und immer wieder anders ist dieser Stillstand, je nach dem Stande der Stille.

Wieviel verlorene Zeit sammelt sich (nicht) in diesem Stillstand, wie dicht liegt der Stillstand, dieser Raum in der Zeit, (nicht) an dem Zeitraum, wo uns die geliebten Gesichter, Stimmen, Bilder, Gebärden, Düfte entschwanden? Ist es nicht, als ob gerade in diesem Stillstand alles Verlorene wieder ganz nahe ist? Fast wird die Stille die flüsternde Stimme der Mutter; sie erzählt von dem Rätsel; es tut sich ein Lichtfenster auf; an der Kimme im Ohre gehen Antworten um, die uns angehen. Fast kannst du sie hören. Aber dann machst du, in deiner spannungsvollen Erwartung, unwillkürlich eine leichte Bewegung. Und verscheucht bleibt nur die schweigende Stille zurück.

Paul Hermans
Brunssum bei Maastricht


Anmerkung:
von Paul Hermans sind fünf Gedichtbände erschienen, zuletzt "Hartschelp", im Verlag De Geus BV, Postbus 1878, 4801 BV Breda, Nederland, (2007)

In deutscher Übersetzung liegt bis jetzt nur ein kleines Bändchen vor: "Ein Kern von Oberflächlichkeit", mueckenschweinverlag Stralsund (2002)

An der Übersetzung weiterer Gedichte wird gearbeitet. Also aufhorchen!, wenn der Name Paul Hermans fällt.


WO IMMER DU WILLST

KLAPPENTEXT

Diese Geschichte spielt im ausklingenden Sommer, vielleicht schon Herbst, einem Herbst der Jetztzeit. Wen erwartet der Mann, im Morgengrauen, abseits der Straße, unter freiem Himmel? Was trieb ihn, die Nacht im Auto ohne Halt durchzufahren, im stummen Zwiegespräch das Gefühl über alle Grenzen verlierend? Einen Tag zu früh ist er von zu Hause aufgebrochen, morgen wird Hanna auf dem Flughafen von Venedig ankommen. Wo sie einander wiedersehen wollen, hatte er sie über den Ozean hinweg gefragt. "Wo immer du willst", war ihre Antwort gewesen. Mit entschlossener Leichtigkeit beginnt die gemeinsame Reise durch das Hinterland des adriatischen Küstenbogens, die "Terra Ferma" der einstigen Republik Venedig bis an deren entlegen Grenzen in den "Siben Pergen". Keine jugendliche Liebe mehr, sondern eine im Wissen um ihre Grenzen, geleitet sie zu Orten großer Liebender der Vergangenheit wie in die nächtliche Zweisamkeit fernab unter Sternen. In immer neuen Facetten zeigt sich die unerschöpfliche Spannung zwischen Mann und Frau, nicht ohne wachsende Ahnung, in der nahenden Trennung verberge sich der Abschied für immer. Peter Steiners Erzählung ist eine Elegie auf die Liebe, die sich nur in der augenblicklichen Gegenwart erfüllen kann.

LESEPROBE

Hanna hat meinen Blick verändert. Seit sie da ist, sehe ich alles mit vier Augen. Dazu kommt mein Spiegelbild in ihrem Antlitz. Es stellt mich ins Zentrum der Welt. Selbst an den Klippen über dem Meer gibt es keinen Rand. Alles dreht sich um uns, wir sind die Mitte mit vielen Namen; "wir, uns, du und ich, niemand sonst, nichts außer, alles ..."

Später, auf dem Kai, falte ich aus dem Katalogblatt ein Schiffchen und setze es im Hafenbecken aus. Ist es Wind, zu schwach um ihn zu spüren, der das Boot fortbewegt, oder ist es das Ziehen der Gezeiten, hat die Ebbe eingesetzt? Wir gehen langsam neben dem winzigen Boot her, in Richtung Osten, zum Canale di Porta Nuova, der schmalen Ausfahrt ins Meer. Dort steht an jeder Seite ein hoher Wachturm. Zwischen den Türmen hängt eine Sperrkette. Wo diese ins Wasser eintaucht, um einige Meter weiter wieder daraus hervorzusteigen, stößt unser Boot an, dreht sich auf der stelle und entfaltet sich dabei, Bugkante um Bugkante, zuletzt nur noch ein im Wasser treibendes Blatt Papier, das allmählich versinkt.

 

STIMMEN ZUM TEXT

Das Buch besticht durch seinen elegischen, wunderbar freimütigen und dennoch keuschen erotischen Ton, der im Ohr bleibt, ein langes, erdentreues Adagio, in dem Beschreibung von Landschaft und Leib ein und dasselbe werden. Etwa in dem unvergeßlichen Bild von der dunklen Haut um die Brustspitzen der Geliebten, die zugleich eine zitternde Nachbildung der Lagunenstadt aus der Vogelschau wird, ein Bild, das einem ein Schaudern und Flimmern durch das Rückenmark jagt, ein Zeichen, so sagte Nabakov einst, von gelungener Literatur.

Und dann noch die vereinzelten Sätze, Bilder und Gedanken: über die Unzulänglichkeit

der Photographie, über die Trauer in jedem Geschenk, über die Bereitschaft die schon Verständnis ist, über die Metaphysik der Lust (ich höre Mahler Nietzsche vertonen: "Denn alle Lust will Ewigkeit.". Hannahs Hand, vereinzelt schwebend in der Nacht; wie sie ihr Haar in einen Roßschweif bindet; wie sie sich bewegt vor der Sonne, in der Sonne. Alles Spiegelscherben meiner eigenen Seele, meines eigenen Verlangens nach brennendem Stillstand, meiner eigenen Todesangst.

Paul Hermans
Maastricht


"In die Agonie der Körper entwichen"
Peter Steiners "Abschiedsfest" eines Liebespaares

Es geht in dieser elegisch-hintergründigen Erzählung um das Einmalige dieser Liebe auf Entfernung, die von der Sehnsucht zueinander lebt, beseelt vom "Wunsch nach dem Unmöglichen". Beide wissen, wie gefährdet dies Glück wäre, wenn sie zusammenleben würden: "Zögern wir zusammen - wovon wir Tag und Nacht träumen-, dauerte es nicht lange, und wir wären getrennt für immer."
Dem bedächtigen und genauen Erzähler Peter Steiner gelingt in dieser leicht geformten Geschichte, jene unterschwelligen Sehnsuchtsschichten, die dem Begehren zurunde liegen (wider allen Abdriftungs- und Wiederstandsmöglichkeiten, etwa der ständigen Vergleiche aus der Vergangenheit et cetera), sicht- und spürbar werden zu lassen.

Georg Pichler
Die Presse


HINTER DEM HORIZONT
zu den 35. Rauriser Literaturtagen, Pinzgauer Nachrichten

"Wo immer du willst", antwortet Hanna auf die Frage ihres Geliebten, an welchem Ort sich die beiden treffen sollten. Es wird Venedig sein.

Ortswechsel - das zentrale Motiv in der Literatur von Peter Steiner, der seine Leser in die entlegendsten Ecken der Welt entführt. Im Roman "GAP" (1998) war es Südamerika, wo der Protagonist im Dschungel nach einem Schmetterling und einem Berg sucht, die zuvor noch niemand gesehen hat. Natürlich handelt es sich in Wirklichkeit um die Suche nach der eigenen Identität und der Held kommt zur Erkenntnis: "Der Horizont ist ein Teufelskreis ... Je mehr man ihn erweitert, desto größer wird das Unbekannte dahinter."
"Mitten im Nichts", irgendwo in der Neuen Welt, war der Schauplatz von Steiners Buch "IM langen Schatten" (1996) angesiedelt und die Handlung des Romans "Jenseits der Jägerzeichen" (2001) spielte im afrikanischen Busch.

Der Schlüssel zu den unterschiedlichen Orten von Steiners Literatur ist in der Biographie des Autors zu finden. Als Geologe war Peter Steiner jahrelang im Auftrag der UNO in entlegendsten Gegenden unterwegs. Die eigentliche Entwurzelung liegt jedoch in der Kindheit des 1937 in Baden bei Wien geborenen Schriftstellers. "Am Anfang stand der Krieg, aber ich sah darin nur den äußeren helfenden Umstand, der uns zur Flucht trieb. Mir hat es das Herz nicht schwer gemacht, den Ort meiner Geburt zu verlassen, im Gegenteil, es kam meiner Neugierde entgegen, in die Fremde zu gehen. Die lag im Gebirge, in einem engen Hochtal jenseits der Tauern. Gäbe es einen Ort, den ich als Heimat bezeichnen könnte, es wäre jener Fluchtort im Hochgebirge", schreibt Peter Steiner im Text "Dichter und ihre Orte".

In Rauris wird der "entwurzelte Bergbauer", wie sich Steiner selbst einmal charakterisierte, aus seiner neuen, im Otto Müller Verlag erschienenen Erzählung "Wo immer du willst" lesen. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen einer amerikanischen Dolmetscherin und dem Ich-Erzähler. Er, ein 60-jähriger Weltenbummler, und sie, geschieden, Mutter von drei Kindern, kennen und Lieben einander schon seit 20 Jahren. Sie sind es gewöhnt, mit ihrer Beziehung behutsam umzugehen, um diese nicht aufs Spiel zu setzen: "Zögen wir zusammen - wovon wir Tag und Nacht träumen -, dauerte es nicht lange, und wir wären getrennt für immer."
Vielmehr versuchen sie, ihre Liebe immer wieder aufs Neue zu beleben. Dieses Mal treffen sich die beiden in Venedig, kehren jedoch der Lagunenstadt bald den Rücken, um in einem klapprigen Wohnmobil das Hinterland zu erkunden. Die Reise führt das Paar durch den Karst, zur Lagune, ans Grab von Joseph Brodsky, nach Istrien, Padua, Mantua, Verona sowie zu den Euganeischen Hügeln.
Steiner verpackt die Geschichte einer stillen Liebe in eine Art Reisetagebuch, in das er die Beschreibung von Landstrichen, die Begegnungen mit verschiedenen Menschen, historische Spuren und Gedanken von Petrarca und Vergil einfließen lässt. Die Melancholie der Landschaft des Veneto wird letztlich zum Symbol für die Gefühlslage der beiden Protagonisten.


JENSEITS DER JÄGERZEICHEN

KLAPPENTEXT

Warum er geblieben war, konnte Luc nicht erklären. Das Rückflugticket hatte er bereits in der Tasche, und in den zwei Jahren als Lehrer in Afrika hatte er die Tage bis zur Heimkehr nach Frankreich gezählt. Doch als ein alter Kolonist ihm anbietet, in den Regenwald zu kommen und eine Gruppe von Holzfällern zu beaufsichtigen, sagt er ja. Bei einem Dorffest lernt er die Schwestern Claire und Pauline aus dem Stamm der Tébé kennen. Eine Liebe in vertrauensvoller Dreisamkeit entsteht. Luc kann sich nicht satthören an den Mythen über die Entstehung der Welt und das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Erst allmählich erfährt er mehr über Claire und Pauline selbst, was sie von allen anderen Frauen ihres Stammes unterscheidet, über ihre Familie und Spannungen zwischen Vater und Sohn. Doch wer ahnte deren dramatische Folgen in dem auf Freiheit schlecht vorbereiteten Land? Während die Welt gespannt am Bildschirm die erste Mondlandung beobachtet, ist eine andere Welt dabei, die letzten vom Menschen unberührten Gebiete dieser Erde, "jenseits der Jägerzeichen", zu betreten. Mit diesem Buch ist Peter Steiner eine einfühlsame Schilderung dieser "anderen" Welt und ihres kulturellen und politischen Umbruches gelungen.

LESEPROBE

"Das gleiche Wort, einmal hier, einmal dort gesagt, hat zwei sehr verschiedene Inhalte. Ist das nicht der Grund, warum wir verschiedene Sprachen haben? Hier im Wald spricht jeder Stamm seine eigene Sprache, und das ist richtig so, denn was sie aussagt, gilt nur für jene, die sie verstehen, nicht für andere. Und dann kommt ihr mit euren Weltsprachen! Die tragen doch das Unglück in sich."

 

STIMMEN ZUM TEXT

..... eine eigentümliche und vor allem nachvollziehbare Geschichte, die ihre Geheimnisse nicht preisgibt,...

Peter Handke


Je mehr mir die Sätze und Bilder eigen werden, je mehr ich mir die Länder und Orte vorstelle, von denen ich noch nie gehört habe, die geheimnisvoll anklingen wie einst die Länder und Orte in Karl May's Büchern, desto mehr kommen mir die Wörter von Ingeborg Bachmann in den Sinn:

Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,
und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt...

jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen,
jedes Licht hat mir ein Auge verbrannt.
in jedem Schatten zerriß mein Gewand.

Diese letzten drei Sätze: ich habe sie immer wieder gehört, am Ende der JÄGERZEICHEN, dieses schreckliche, abrupte Ende eines Paradieses, worin ich mich langsam, die Düfte, die Stille, die Hitze und die Nacht tastend, vorwärts (und immer wieder rückwärts) bewegt habe. Ich konnte die warmen, dunklen Stimmen der beiden Frauen, Claire und Pauline, hören, und die wunderbar keusch-erotisierenden Sätze tropften in mein eigenes Verlangen, meine mich fast zerreißende Sehnsucht, einfach neben einer Schönheit im Bett zu liegen, nicht um sie zu besitzen, doch um ihr unersättlich zuzusehen und sie mit dem Schatten meiner Finger zu streicheln.

Das Ende des Buches hatte auf mich einen unglaublichen Effekt. Wirklich, als ob einer mit einem Hackmesser mit einem kurzen, schnellen Schlag, mir das Verlangen entherzte. Was bleibt ist die Phantompein, der leibliche Schmerz um eine Stelle, die für immer entschwand.

Paul Hermans
Brunssum, am 4. Juni 2005


HANDSTÜCKE (Prosa, Notizen und Skizzen)

STIMMEN ZUM TEXT

Der Verlag Literaturedition Niederösterreich brachte im Jahr 2000 eine Sammlung mit Kurzprosa heraus; "Handstücke - Prosa, Notizen und Skizzen" aus den Jahren 1981 - 1994. Die Kurzgeschichten und Reiseimpressionen entstanden in Baden, Peru, in den Zügen "The Montrealer" und "The New Yorker", in Sibirien (Irkutsk), Guyana, Kappadokien, Anatolien, Apulien, Worcester N.Y., Paris, Bolivien, Decatur N.Y. und Großgmain. Allen Texten des Bandes gemeinsam ist der Charakter des Vorläufigen, die Geschichten haben etwas Rohes, dessen Reiz nicht zuletzt in der Ahnung von unbegrenzten Möglichkeiten besteht. Denn das "Handstück", erklärt Steiner in der Vorrede des Buches, bezeichnet in der Sprache des Geologen "die Stückprobe des Gesteins".... es wird in der freien Hand geschlagen, darf keiner harten Unterlage aufliegen, um nicht an ungewollter Stelle zu zerspringen. Das werdende Handstück muß unter dem Hammerschlag federn. Die Hand dient dabei als weicher Amboß und ist zugleich Maß ... Das Handstück ist bleibende Erinnerung an vieles ... Die Metamorphose schreitet fort, vom Lesestein zum Handstück, von Handschrift zu Lesestück."

Andreas Weber
LITERATUR UND KRITIK


DOBERIG

KLAPPENTEXT

Kalte, klare Luft, schwarze Berge, ein nachtblauer, sternenklarer Himmel und eine ungewohnte, unbegreifliche Nähe des Weltraums bestimmen den ersten Eindruck des siebenjährigen Kofler-Buben, als er in einer Herbstnacht des Jahres 1944 vom Trittbrett des Autobusses springt und sich umsieht in dem Dorf seiner Vorfahren, wo nun auch er leben soll, zumindest bis die Zeiten wieder sicherer sind: Doberig - ein Dorf im Gebirge, wo die Leute nicht kreuz und quer laufen, wie Kofler es aus der Stadt kennt, sondern Wegen folgen, die sternförmig auf ein Ziel zusteuern: die Kirche, davor der Platz mit dem Kriegerdenkmal und das Hotel Post. In dessen Garten wird noch bis ins Frühjahr die Fahne wehen: rot, mit weißem Kreis und Hakenkreuz. Und der Bub wird dabei sein, wenn man diese Fahne schließlich statt abzunehmen auf Halbmast setzt, an der Seite seiner Mutter, unter Menschen, für die das Ende des Dritten Reiches ein Trauertag ist.

Über fünf Jahrzehnte später durchstreift Kofler mit einem Freund frühlingslichte Wälder. Unter dem Eindruck der jüngst wiedergefundenen Aufzeichnungen der Mutter aus dem Doberig seiner Kindheit erzählt Kofler davon. Der Freund ermutigt ihn, dem wortlosen Ende jener "großen" Zeit der Eltern sein Erleben entgegenzustellen, indem er es niederschreibt. Koflers Vertiefung in jene weit zurückliegenden Tage rührt an der Eltern und Großeltern Schuld, zwingt ihn aber auch zur Rekonstruktion und Hinterfragung seiner selbst, vor allem jedoch ersteht in eindringlichen, höchst genauen Bildern der gebirgige und seelische Lebensraum eines als Fremdling in der so rätselhaft schönen wie fragwürdigen Heimat seiner Vorfahren aufwachsenden Kindes.

LESEPROBE

Ich wußte selber, daß die kleinste Änderung der Sätze diese bis zur Unkenntlichkeit zerstören würde, sie damit ihren Sinn verlören, die Macht, etwas über die Zeit auszusagen, in der sie geschrieben wurden, von einer in die Zeit eingebundenen, ja eingeklemmten, nur scheinbar freien Person, meiner Mutter... Doch jede Erklärung ist machtlos gegenüber Sätzen, die sich im Augenblick der Niederschrift verschließen und nicht mehr geöffnet werden, nur noch zerbrochen werden können. Nur ganz - "wörtlich", sagte der Freund - beinhalten sie etwas von dem Atem der Zeit, Glücksrausch oder Todeshauch, manchmal beides in einem.

 

STIMMEN ZUM TEXT

"Doberig" (1999), der schlanke Roman über eine Kindheit im nationalsozialistischen Österreich, beginnt in der Gegenwart mit zwei Männern, die im indischen Restaurant eines Pariser Vorortes sitzen. - "Schreib darüber, schreib für uns alle. Denn das fehlt noch", sagt der eine zum anderen auf der zweiten Seite. Und der Autor erzählt "dem Freund" von der Kindheit des "Kofler-Buben", der mit seiner Mutter im Herbst 1944, während die Städte in Schutt und Asche versinken, in das Gebirgsdorf Doberig zurückkehrt. Die Mutter und die Älpler empfinden das Kriegsende als "Niederlage". Steiner beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen gleichermaßen unterläuft. Er zeigt die Welt ohne Bitterkeit und Haß. Seine sprachliche Präzision verbindet sich mit fundierter Sachkenntnis zu einer großen literarischen Dichte. Der Text besticht durch seine Authentizität, das Erzählte ist frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit", die dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finessen. Der Auto versteht es, von sich abzusehen, es gelingt ihm, das Persönliche ins Verbindliche zu wenden.: Fern der großen weiten Welt und ihrem Krieg, im Schutz einer Mauer aus hohen Bergen, verbringt der Junge seine Kindheit, von der er seinem Freund viele Jahre später erzählt, die kleine Geschichte eines Lebens, in dem mit einem kleinen Satz die Weltgeschichte auftaucht: "Es kam der Tag, an dem die Engländer das Tal wieder verließen."

Andreas Weber
Literatur und Kritik


...läßt erkennen, daß das große Beben, das Europa in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erschütterte, in den Menschen, die ihre Seelen nicht erstarren ließen, nachzittert.

Oberösterreichische Nachrichten (1999)


Der Autor beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen gleichermaßen unterläuft. Der Text besticht durch seine Authentizität,..., frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit", die dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finesse.

Andreas Weber
Die Presse


GAP

KLAPPENTEXT

"El Invisible", der Unsichtbare, so nennen die Einheimischen den stets in Nebel gehüllten sagenumwobenen Berg inmitten eines Gebietes, das auf der kolumbianischen Landkarte nur als "gap", als noch zu erkundende "terra incognita" aufscheint. Der amerikanische Schmetterlingsforscher DiRocca ist angereist, um diese geographische "Lücke" zu schließen. Doch die gefährliche Expedition ins "Gap-Land" wird ihm zusehends zu einem beschwerlichen Weg des Nachdenkens über sich selbst, über treue Freundschaft und leidenschaftliche Liebe. Letztere verbindet ihn mit der Einheimischen Inés, die als eine Art Barmädchen den Wünschen der Gäste auch außerhalb des Lokals nachkommen muß, um den Unterhalt für sich und ihre Tochter zu verdienen. Auch sie hat sich auf eine gefährliche Suche begeben, auf die nach einem besseren Leben. So streben beide - auf unsicheren Pfaden unbekannten Zielen zu...Peter Steiner hat einen fesselnden Roman geschrieben über den Aufbruch ins Ungewisse, über die Liebe, Freundschaft und den verzweifelten Versuch eines Volkes, gegen das eigene Elend anzukämpfen.

 

LESEPROBE

Sie hatte DiRocca gelegentlich "mi principe azul" genannt. Er hörte es gern. Seit er nun weg war, in jenen Regenwäldern jenseits des Felsgebirges, paßte der Name noch besser zu ihm. Der Blaue Prinz auf dem Weg zum Blauen Berg, "el Cerro Azul", den DiRocca hartnäckig den "Unsichtbaren" nannte, obwohl er, wie man ihr gesagt hatte, an manchen Tagen deutlich zu sehen war, eine blaue Spitze, welche die Wolken durchstach. Es gab in letzter Zeit viel Gerede um den Berg. Nicht nur Wolken, auch Gerüchte rankten sich um ihn. Und diese hatten weder mit Schmetterlingen noch sonstigen Hirngespinsten, so sah Inés DiRoccas fantasiereiche Geschichten, zu tun...

 

STIMMEN ZUM TEXT

Der 1998 im Otto Müller Verlag erschienene Roman "GAP" ist die Geschichte einer Liebe, an deren Ende Überleben und Alleinsein stehen: der 45jäjrige Lepidopterologe (Schmetterlingsforscher) DiRocca verliebt sich vor dem Aufbruch zu einer Expedition in den Dschungel Kolumbiens in die 24jährige Inés, ein Mädchen vom Land, das in der Stadt in die Prostitution geschlittert ist. Sie weiß, daß der Amerikaner in einer "eigenen Welt" lebt. "Seine Wirklichkeit entsprach nicht der ihren, auch wenn die Umgebung dieselbe war... DiRocca war ein Träumer, das tat ihr gut, wie es sie andere Male erzürnte." Er entkommt auf seinem langen Weg durch den Dschungel zurück in die Zivilisation dem Tod nur zufällig, doch dann ist der Zufall gegen ihn, er verfehlt in den Wirren eines Militärputsches die Geliebte.

Der Titel des Romans bezeichnet terra incognita, jenes Land, das auf keiner Karte existiert und das der Geologe Steiner "oft genug persönlich erlitten" hat - "wenn ich in ein unwirtliches Gelände kam, für das es keine Karten gibt. Natürlich ist der Titel auch eine Metapher für eine Wissenslücke, die es zu schließen gilt." Doch "GAP" ist vor allem die Geschichte eines ratlosen Mannes, der zwischen zwei Frauentypen hin und her gerissen ist: Einerseits die leidenschaftliche, ganz im Jetzt lebende Prostituierte Inés, daneben hat DiRocca über eine große Entfernung hinweg eine tiefe Beziehung zu Sophia, die seine Seelenverwandte ist. Steiner beschreibt keine Tagespolitik, doch die politischen Katastrophen kommen vor - "dieses pulverfaßhafte Aufbrechen von sozialen Gegensätzen und Unruhen ist eine Folge der Geschichte. Denn die europäischen Eroberer kamen wegen des Goldes nach Südamerika, das wirkt sich bis heute aus."


Andreas Weber
Literatur und Kritik


... große Passagen wunderbarer Beschreibung, plastisch, zugleich fein, bilderaufschließend (Öffnen der Tiefenbilder beim Leser), vor allem, was die Naturbeschreibungen und dem gewöhnlichen freien Auge entgehenden kleinen Naturdramen betrifft. Auch ist die Geschichte spannend, ja, packend, stellenweise, noch besser, bewegend = freilassend, im Sinne von herz-befreiend (die Stellen vom versäumten Leben, die nicht nur rhetorischen, sondern persönlich ausschwingenden Momente der Selbstinfragesetzung)...

....das Interessanteste an GAP: die jähen Schwankungen in der Bewußtseinslage des Hauptmenschen, DiRocca, .... vielleicht bezeichnend für unsere Heute-Welt...
... ein neuer Don Quijote bist Du am ehesten....und der Don ist schon sehr stark in diesem Buch.

Peter Handke
in einem Brief an den Autor


IM LANGEN SCHATTEN

KLAPPENTEXT

"Wer einmal aus dem engen Tal draußen war, der konnte nicht mehr zurück." Einer besucht, bevor er aufbricht, die "rituellen Gesänge der Lakondonen an die Götter des Regenwaldes" aufzunehmen, seinen Bruder in der Neuen Welt, fernab der großen Täler und Städte. "War er ein Bauer, wenn nicht, wer dann?" Im gemeinsamen Feldarbeiten, stummen wie wortkargen Begegnungen, finden sich die Brüder im langen Schatten ihrer Lebens-Aufbrüche. "Fanden wir uns, nach einem Leben, in dem keiner vom anderen wußte, im gleichen Exil wieder?" Sie kehren zurück in ihre Kindheit und Herkunft von der slowenischen Bergwelt, aus der schon der Großvater aufgebrochen war, um "Sprachbäume" zu erforschen, "eine Sprache der Hoffnung". Berührendes Sinnbild einer Bruderschaft, schließt dieses Buch den Kreis einer Trilogie von der Selbstfindung quer durch alle Kontinente, der unentdeckten, der verlorenen wie erfundenen in uns selbst - in einer Sprache, die, im genauen verweilenden Blick, immer wieder aufgeht in die Dauer des Bildes.".

LESEPROBE

"Ich entfernte mich von dem lärmenden Ort, setzte den Vogel aus blaßblauem Ton, der mir in den knetenden Händen entstanden war, in einen Dornbusch und schlenderte durch die Niederung. Verband ich die Astellen, an denen das Wasser am Fuße der Hänge austrat, durch eine gedachte Linie, glich sie dem Ufer eines Sees. Weiter den Bach abwärts, schon im Wald, gab es eine Stelle, wo sich das Wasser eine Schlucht durch einen Rücken aus gewachsenem Gestein gegraben hatte. Seit wann aber gab es den Durchlaß? Jetzt fielen mir die Findlinge im Wald ein, der Opferstein, auf den wir das Kalb legten, der Steinkreis um die Feuerstelle. Sie konnte nur das Gletschereis gebracht haben, und bei Gletschern kannte wir uns aus. Auf ihnen und an ihren Rändern ...".

 

STIMMEN ZUM TEXT

 


AN EINEM GESCHICHTSLOSEN ORT
Der österreichische Erzähler Peter Steiner legt ein Meisterwerk vor

Der ältere Bruder besucht seinen jüngeren, nunmehr bereits fünfzigjährigen Bruder in der amerikanischen Einöde. Das Jahr läßt sich erraten, doch es ist unwichtig. Vom Beginn des Frühjahrs bis zum späten Herbst verbringen sie dort zusammen ein halbes Jahr. Sie machen ein Feld urbar, sie kaufen Vieh, ernten, mähen, reden ein wenig, schweigen viel. Es geschieht nichts wirklich Aufsehenerregendes in dieser Zeit – und doch so viel dank Der leisen Prosakunst Peter Steiners in seiner Erzählung „Im langen Schatten“.

Erzählt wird auch der Ich-Perspektive des Besucher, und schon die ersten Seiten zwingen den Leser in die Sichtweise eines an einem fremden Ort Ankommenden, der alles schärfer wahrnimmt, der sich während er langen Busfahrt  vom Flughafen über die tristen Landstraßen auf das Treffen mit einem Menschen vorbereitet, den er im Wesentlichen nur mit Kindheitserinnerungen in Verbindung bringt. Eigentlich ist ihm dieser Bruder ein Unbekannter.

Der Platz, an dem er sich niedergelassen hat, ist ein „Ort, mitten im Nichts“. Die meisten Menschen, die dort noch leben, sind alt, leben mit ihren seelischen und körperlichen Versehrtheiten in Häusern wie in Grüften – lebende Tote, deren Schicksale berühren, ohne jeden Kitsch, ohne jede Rührselig-keit. De Gegend legt so weit nördlich, daß die Spanne zwischen den Wintern nur drei Monate lang andauert, also macht man sich gleich auf, das Feld zu bestellen, der wilden Natur ein Stückchen zur Kultivierung abzutrotzen. Wie mächtig die Natur ist, davon gibt es überall Zeichen, und nur der Besucher scheint sie zu erkennen. Selbst von den optimistischen versuchen aus den letzten hundert oder mehr Jahren blieben letztlich nicht mehr als leere Häuser und überwachsene Felder. Erst zu Beginn des Winters scheint auch dem jüngeren Bruder zu dämmern, daß er so enden könnte wie alle anderen. Es bleibt jedoch offen, ob er geht oder bleibt.

Ein großer Reiz von Steiners wunderbarer Erzählung besteht nicht zuletzt in den Naturbeob-achtungen. Selten findet man in erzählerischer Prosa unserer Tage solch genaue, sprachmächtige Darstellungen von Landschaften, Wäldern und Wiesen, wobei Steiner jede triviale Neoromantik zu umgehen weiß. Man fühlt sich in diesen Abschnitten an Handkes Buch "Noch einmal für Thykydides" erinnert, in dem ja scheinbar so bedeutenden Weltgeschichte die Schilderung von so bedeutungslosen Ereignissen wie das Fallen von Schnee oder das Schmelzen von Eis entgegengesetzt wird. (…) „Geschichte“ erscheint an einem derart geschichtslosen Ort, der nur vom Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt wird, geradezu absurd. Der Fall der Berliner Mauer im Fernsehen wirkt wie ein Bericht von einem fernen Planeten.

Steiner ist (…) aber auch ein begnadeter Erzähler. Es gelingt ihm, sich an Menschen heranzutasten und sie ihrer Geheimnisse doch nicht zu berauben. (…) So erfährt man nie so recht, warum sich er jüngere Bruder sich ein Haus kaufen mußte. Man kann es höchstens nachempfinden aus den Eindrücken, die man bekommt. Was für eine endlose Melancholie spricht aus der Stelle, an der der jüngere Bruder im Geiste sein erträumtes Haus auf einer freien Wiese baut, für Momente „wie am Ziel wirkt“, und schließlich erkennt: „Ich habe keinen Grund, es zu bauen.“  (…)

Eine zweite Zeitschicht erhält die Geschichte durch Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in einem österreichischen Bergdorf. Es ist diese zweite Ebene, die den „langen Schatten“ wirft auf das Hier und Jetzt der beiden Brüder, genauso wie die Nachbarn nur noch im Schatten ihrer Jugend leben. Gerade durch diesen gemeinsamen Bezugspunkt können sich die beiden Fremd-Vertrauten immer wieder einander nähern. Auch hier läßt sich oft nur erahnen, wie viel aus dieser Zeit noch unaufgearbeitet in ihnen rumort. Die ganze vergangene Welt in den südösterreichischen Alpen blitzt oft für Sekunden auf, so lebendig, daß den Erzähler im letzten Satz des Buches inmitten Neuenglands die Vorstellung erfaßt, sein Großvater käme jeden Moment aus dem Nebel.

Der fast sechzigjährige, weitgereiste Peter Steiner, der jetzt bei Wien und in New York lebt, ist ohne Zweifel ein fabelhafter Autor. Seine dritte Erzählung "im langen Schatten" ist ein ruhiges, vielschichtiges Meisterwerk, das seinen geduldigen Leser bereichert.

Stephan Landshuter
Landshuter-Zeitung (siehe auch "Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2)

 



Wege der Selbstfindung
Ein Bruderroman von Peter Steiner

Peter Steiner vermittelt unaufdringlich und feinfühlig Bilder einer Bruderschaft, die langsam zusammenwächst und dabei auf das harte und rauhe Leben in der Wildnis eines riesigen Landes verweist, wo auch der größte Einsatz keine Garantien bringt. (...) Ein ruhiges Buch, das bei jedem Bild verweilen kann, bis es genügend Wirkung gezeigt hat.

Rudolf Kraus
Wiener Zeitung


Ich war von der ersten Seite an gefesselt, und nach der dreißigsten Seite fragte ich mich, woher dieser Text über die schlichten Vorgänge der täglichen Arbeit, diese Beschreibungen von Feld und Wiese, Weidezaun, Geräten und Maschinen, Gestein und Wetterlagen ihre tiefe innere Spannung nehmen. Dazu der ruhige Ton, sodaß man die Tage spürt und die Jahreszeiten, von denen berichtet wird, und die so lange dauern wie sie eben dauern. Der große Bogen der Erzählung, der sich erst gegen Ende konkretisiert, ist von Anfang an spürbar. Mir erging es wie beim Hören einer Bach-Fuge oder auch nur einer mehrstimmigen Invention: die erste, einstimmige Tonfolge hat schon alle anderen, nach und nach sich einflechtenden Stimmen in sich, kündigt sie nicht bloß an, das macht ihre unwiderstehliche Sogwirkung aus. Hinter jedem Bild Ihrer Erzählung liegen andere Bilder. Welche das sind, erfährt man nach und nach, aber man spürt sie vom Anfang an.

Elisabeth Schawerda


DIE LICHTUNG

KLAPPENTEXT

"Wer weiß, wo von er träumt?" Von einer Waldlichtung aus, einem Ort der Kindschaft und der frühen Weltendeckung, führen alle Wege in die eigene und der Vorfahren Herkunft: vom Rand einer österreichischen Kleinstadt durch Wirren der Jahrhundertmitte und Aufbrüche der Fünfzigerjahre bis zu einem verlassenen Grabstein in den Bergen Amerikas. "Wenn zwei aus derselben Quelle schöpfen, ist ihr Weg, wo auch immer, nicht der gleiche?" Ein verzweigter Weg durch die Lichtungen des Lebens in gelassener poetischer Sprache, die gleich Licht um Kontur und Schatten, Brüche und Verschwiegenes weiß. "Ich bin noch immer der Prinz der Lichtung ohne Grenzen." - Ein dichter Brief zum lichten Abschied

Weitere Erscheinungen: "The Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007

LESEPROBE

"Die Tischplatte ist von Algen geschwärzt. Hell glänzen die darauf verstreut liegenden Föhrennadeln. Wie vertraut sind mir die schlanken Zwillinge, der dunkle Knoten, der sie verbindet, die feine Kerbe an den Innenseiten, welche verhindert, daß sie sich einrollen, die feinen Spitzen, die, gebüschelt, dem Wind einen unvergleichlichen Ton entlocken. Wärest du hier, du sähest mich jetzt lächeln. Keinem vor dir habe ich es erzählt, wie ich einst diese Nadeln mit Harz bestrich, um damit im Opferstock nach Münzen zu fischen. Die waren freilich zu schwer und fielen ab, bevor ich zugreifen konnte. Zudem versperrte der kreuzweise verzahnte Schlund des eisernen Kästchens selbst Kinderfingern den Weg.".

 

STIMMEN ZUM TEXT

Da gibt's einen Österreicher, der heißt Peter Steiner, der erst spät angefangen hat, zu schreiben, ....und das zweite Buch heißt "Die Lichtung". Da gibt es wunderbare Beschreibungen, wie sie vielleicht nur ein Geologe machen kann (...) wie auch immer: Es gibt nur das Herz und das Auge zusammen, und das macht die Gewissenhaftigkeit aus. Aber außer diesen wunderbaren Ortsbeschreibungen wird erzählt, wie die Großeltern warten, wenn eine Wallfahrt kommt, wenn von weitem aus der Ebene die Leute kommen und wie sie dann das Essen herrichten, wie die Getränke geordnet werden, beim Anblick der Wallfahrer aus der ferne; das sind wunderbare Seiten, die nichts bedeuten und doch die Welt sind.

Da ist ein ganz großartige Szene in der "Lichtung", wo der Vater nach der Kriegsgefangenschaft in Rußland heimkehrt zum Gartentor, und er geht nicht gleich hinein zu seiner Familie, er kniet am Gartentor nieder und hält die Klinke in der Hand und kommt nicht ins Haus, hält nur die Klinke in der Hand. Mir ist das im Gedächtnis geblieben - für immer.

Peter Handke
aus der Dankesrede anläßlich der Übergabe des Schiller-Gedächtnispreises 1995 in Stuttgart


Der Ich-Erzähler kehrt zu Allerheiligen 1988 - das Datum läßt sich erschließen - nach langer Zeit an einen Ort zurück, der in seiner Kindheit und Jugend eine wesentliche Rolle gespielt hat und ihm nun von dem unlängst verstorbenen Vater als Erbe zufiel. Es handelt sich um das Haus seiner Großeltern und die umliegende Lichtung - wiederum ein Grenzraum also mit dominanter "Natur". Der Zustand einer Krise zeigt sich schon auf der ersten Seite, da sich der Erzähler "in Beklommenheit" befindet, weil ihm auffällt, daß keine Personen, die mit dieser Lichtung und damit seiner Jugend zu tun hatten, mehr am Leben ist. Das Moment der Krise erfährt im Verlauf der Geschichte durch die auftauchenden Erinnerungen eine massive Ausweitung, am stärksten in der extrem gestörten Vater-Beziehung.

Auf der Rahmenebene durchwandert der Erzähler das gesamte Grundstück. Wesentlich wichtiger aber ist die eingelagerte innerpsychische Ebene, die auch den Großteil des Textes in Anspruch nimmt, auf der er die Räume qua Erinnerungen oder auch Phantasien mit der Vergangenheit erfüllt, die er mit den jeweiligen Teilräumen assoziiert. Die Erzählung erhält so eine zeitliche Tiefendimension, die bis in die Zeit des Urgroßvaters hineinreicht. Diese Rückgriffebene wird nicht chronologisch erzählt, der Erzähler springt zwischen den zeitebenen. So setzt sich dem Leser das Bild der Vergangenheit gleich einem Puzzle nur langsam zusammen. Die Vergangenheit wird zudem oft so geschildert, als geschehe sie in der Erzählgegenwart, was durch eine ausgiebige Verwendung des Präsens bewirkt wird. Die Zeiten fließen so im Text ineinander.

Indem der Erzähler also den real vorhandenen gegenwärtigen Raum Stück für Stück wiederentdeckt, entdeckt er parallelisiert dazu seine eigene Vergangenheit und kann sich so in sein Selbst reintegrieren. Daß es sich tatsächlich um eine Art Selbstfindung handelt, zeigt sich an einer Stelle, die auch Steiners poetische Qualität verdeutlicht: Er sieht sich selbst in einem Fenster, Stirn an Stirn, sieht gleichzeitig durch sein Spiegelbild hindurch in das Haus und sagt: "Ich schaue in mich hinein". Der Text selbst setzt also den Raum äquivalent mit dem Helden, was dann eben die Hypothese bestärkt, daß der Erzähler mit der Rekonstruktion der mit dem Ort korrelierten Vergangenheit auch einen hochrelevanten Teil seiner Person wiederherstellt.

Was Die Lichtung auf weiter Ebene interessant macht, ist der Umstand, daß nicht nur die Privatgeschichte eines Individuums, sondern auch die Geschichte des Landes Österreich aus der Perspektive dieses Ortes erzählt wird. Mehrmals streift die Weltgeschichte in Form von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit den Raum der Lichtung. Zudem werden viele Lebensläufe von Verwandten erzählt, anhand derer Lebensumstände exemplarische gezeigt werden (der aus dem Krieg heimkehrende Vater, der ausgewanderte Großonkel etc.). Die Lichtung kann und muß also auch im Kontext der neuen österreichischen Heimatliteratur gesehen werden, die nach Lebert, Jonke, Innerhofer und Winkler, um nur an einige wichtige Autoren zu erinnern, in Peter Steiner nochmals eine weitere Stimme hinzugewinnt, die ihren ganz eigenen Charakter hat. Steiners entworfene Welt hat beispielsweise nichts gemein mit der extremen Negativität der Heimatwelt Winklers, ganz im Gegenteil ist sie verlorene Heimstatt. Die Erzählung Steiners teilt auf jeden Fall mit den zentralen Werken dieser Richtung, daß Heimat nicht mehr naiv idyllisiert werden kann. So sehr das Haus in der Lichtung für den Erzähler einstmals ein Idyll war (als Fluchtpunkt in der Phantasie während der Anstaltszeit), so sehr ist sich der Erzähler bewußt, daß der Raum in der Gegenwart kein hehrer locus amoenus mehr sein kann. Er weiß, daß er nur mehr "Herr über ein Totenreich" ist. Die Unmöglichkeit, die ehemalige Heimat idyllisieren zu können, ist aber auch problematisch für das erzählende Subjekt. Letztlich zeigt sich nämlich doch die Ambivalenz des Erzählers, der wenige Zeilen später bemerkt: "In mir lebt die Stille von einst, (...) erhellt von seinem einstigen Licht". Der nicht aufhebbare Widerspruch zwischen Nicht-Idyllisierung und (allerdings nicht-trivialer) Idyllisierung ist ein weiteres wichtiges Hauptcharakteristikum der Erzählung, die ich für ein überaus vielschichtiges, auch sprachlich gelungenes, spannungsreiches Stück Literatur halte.

Stephan Landshuter
"Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2


Steiners Texte zeichnen sich unter anderem aus durch die Fähigkeit zu einer Kosmogonie im Kleinsten, die den flüchtigen Moment einer zufälligen Begegnung, das scheinbar Nebensächliche, den Fund eines Schneckenhauses oder das "löchrige Geröll" auf dem Sockel eines jüdischen Grabsteins als Chiffren des Ewigen erkennt und diesen überwältigenden Eindruck in einer klaren, poetisch-gelassenen Sprache vermittelt.

Kurt A. Schantl
Festschrift zum Literaturpreis Niederösterreich


Aus dem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe von "Die Lichtung"
"The Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007

The alleged reason for the trip in The Clearing is the recent death of the narrator's father; the narrator had been out of the country and thus his father was buried before he could attend the funeral services. Simultaneously, the narrator has inherited the Clearing, a place of many youthful memories, some good, some bad. On the way to the cemetery, his Polish cabdriver gets lost on the highway and they wind up at the Clearing.
(...)

The narrator's youth may sound turbulent to a non-Austrian, but it was fairly typical for his generation: father off fighting a war, ultimately to die or be captures, since desertion was not a viable option, as the few post-war biographies of deserters substantiate. As a result of the fathers's protracted absence, his mother was required to rely on relatives for sustenance and survival or provide them herself; that both parents should later strike out on their own is merely a normal continuation of this survival of the fittest. And, in keeping with the reminiscences of his youth, the vast majority of the people in his world are identified, not by name, but by relationship, great-aunts, etc.

Too, the family's status as refugees was also common, as many fled before the approaching Red Army, fearing robbery, rape, and other reparations or retaliations too frightening to mention. But much of this is experienced after the fact, through tales from relatives. A more immediate and unrelenting burden is the narrator's obligatory attendance at a distant boarding school: His dread of school as an institution of subjugation and embarrassment was also common, indeed almost a traditional rite of passage, as first documented by the Austrian Robert Musil in his 1906 novella The Confusions of Young Törless."

As a result, our young narrator's only security and stability throughout these formative years are provides by his grandparents, his only "home" the Clearing. Like his literary predecessor Stifter, the narrator describes in minute and loving detail the flora and fauna surrounding the Clearing. Thus it should not be surprising that the physical surroundings of the Clearing - its rock formations, vegetation, and topography - stimulate his childhood memories. By walking around the Clearing and peering into the windows of the inn, he is able to recreate the physical environment - and, ultimately, the people who inhabited the periphery of his life. In addition, the remnants of the inn spark his memory, recalling other visual stimuli, such as pictures or home movies that illustrated his early life. And what begins as an adolescent escape - his accidental visit to the PANORAMA - becomes a life-altering experience. This stereopticon introduced him to far-off lands, customs, and people. (In the author's own life, his later study of geology and paleontology was a natural culmination of his youthful stimulus.)

That the Clearing had no distinct boundaries meant that the boy was free to roam, on foot or on his bicycle and more significantly, in his mind. His sporadic encounters with Red Army soldiers were at once frightening and stimulating - their physical presence and their language inspired conflicting emotions; thus, it was not improbable that he later set out to investigate Eastern Europe, and eventually the world.

Todd C. Hanlin
Arkansas State University


DER BRUNNEN DES COLUMBUS

KLAPPENTEXT

Auf einer Insel am Rande der Alten Welt befindet sich ein Brunnen, aus dem Columbus Wasser für die Fahrt übers Meer schöpfte. Ein Nachfahr bricht auf, fort von einem Ort, wo er gewahrt, Menschen "ohne Träume, zu Tode beschäftigt" zu gleichen. "Er war aus freien Stücken gekommen, aber auch hier gestrandet. Das Feld war ein Ufer." Die poetische Erkundung der Insel, Schritt für Schritt, Bild um Bild, kreist um dieses Feld ("geheimes Siegel"), das ein Bauernpaar bearbeitet und "geadert war wie ein Blatt, das in einem Brunnen wurzelt." Was für ein Brunnen, der letzte? Ringsum verfallen die Schächte, wird Erde ins trockene Flußbett geschüttet, wächst die Hafenstadt mit "Stichstraßen" in verschachtelte Vor-Orte. Dem "Einzelgänger, der lange Zeit jenseits der Straßen gelebt hatte", eröffnen sich auf seinen "Wegen des Schauens" Quellen des eigenen Schöpferischen, im Sich-Verlieren, das Erlebnis der Dauer wird.

Dieses Buch ist eine kleine poetische Kosmologie, das Zu-Sich und Zur-Welt Kommen, zu einer Sprache, die trägt. Ein Erstling, ein seltener Findling Literatur.

 

LESEPROBE

Eingedenk seiner Wandergänge, sah Felsner, was ihm heute wegen des Wüstenstaubes verborgen blieb: die Insel als die "große Steinin" im Meer. Einen Mantel aus Erde hatte sie nie besessen. Nackt erhob sie sich aus dem Wasser, in der spröden Schönheit schwarzen Basalts. Alles, was Wind und Regen ihr ließen, war bis zur Durchsichtigkeit zerschlissen.
Mehr als sie verbargen, weckten Schleier aus Schutt die Neugier des Aufmerkamen. Mit welcher Lust hatte Felsner danach eine Senke betreten, wo der Boden füllig und weich war.

STIMMEN ZUM TEXT

Was macht den Erstling Peter Steiners überdurchschnittlich interessant? Zum Beispiel, daß die Sprache, die der ausgebildete Geologe Steiner bei der Beschreibung von Natur verwendet, höchst genau ist. Nicht jeder Naturwissenschaftler hat die sprachlichen Mittel, sich poetisch auszudrücken, daß man ihm die liebende Kenntnis der Natur abnimmt, doch wenn sie ihm zur Verfügung stehen, kann sein Suchen nach einer "Sprache der Erde" interessanter sein als das anderer zivilisationsmüder Schriftsteller. Sie verleiht allen Dingen, die sie berührt, eine gleichschwebende Aufmerksamkeit. Überraschen andere Texte durch beabsichtigte "Brüche", so ist es hier die "Geschlossenheit" des Stils, die diesen Erstling auszeichnet.

Hans-Peter Kunisch
Neue Zürcher Zeitung


Peter Steiners Buch weist eine große Stärk auf, und das ist dieser unerschütterliche Ton der Gelassenheit. Eine Prosa, die Langsamkeit und Bedächtigkeit zum Prinzip erhebt. Man mag an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren jedenfalls, die ihrer Literatur auch Visionäres gestatten, dieüber das Sichtbare hinausdenken, die eine andere Wirklichkeit erfahrbar machen wollen.

Salzburger Nachrichten


Mit einfachen, klaren Sätzen schreibt sich Steiner in die Seele seiner Leser. Ein Buch voll tiefer Gedanken und für stille Stunden.

ORF Steirisches Literaturmagazin

WENN MEIN VATER POLNISCH SPRICHT

KLAPPENTEXT

Eine beschauliche Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, das stellt sich der Geochemiker aus einer österreichischen Kleinstadt vor, als er im Herbst 1981 den Zug besteigt, um zu einem Kongress in Irkutsk am Baikalsee zu reisen. Doch die Fahrt in die sibirischen Weiten des Sowjetreiches wird schon am Grenzübergang in die Tschechoslowakei zu einer unerwarteten Reise in die Vergangenheit der eigenen Familie. Saß nicht sein Vater vor vierzig Jahren in diesem Zug, um nach dem deutschen Überfall auf Polen in das neu geschaffene General-Gouvernement zu fahren? Vier Kriegsjahre verbrachte der Vater in Warschau, aber der Sohn weiß davon so gut wie nichts. Die Begegnungen mit Menschen auf der Fahrt durch den Sowjetstaat geben nur noch mehr Rätsel auf. Es ist die andere Gegenwart, die unberührten Wälder Sibiriens, Dörfer im tausendjährigen Schlaf, junge Männer und Frauen mit dem Licht der Zukunft in den Augen, oft naiv verträumt, gelegentlich auch rebellisch, der Glanz alter Städte Zentralasiens, die den Reisenden die eigene Vergangenheit vorübergehend vergessen lassen. Nach der Heimkehr will er seinen Vater befragen, über die von Schweigen versiegelte Zeit, und warum er, mit einer einzigen Ausnahme, nie Polnisch sprach.

 

LESEPROBE

Im Waggon kündigt sich das Ende der Fahrt an. Es ist der Kurswagen nach Irkutsk, in dem ich sitze. Er wird hier gereinigt und an den Gegenzug nach Moskau angehängt. Die Bettwäsche hat man bereits eingesammelt und in große Säcke gestopft. Die Verantwortlichen zählen die Teegläser und deren metallene Halterungen. Der dünne, waschbare Stoffläufer über dem Dauer-Teppichläufer im Korridor ist verschwunden. Das Personal im Speisewagen hat alle überschüssigen Lebensmittel in den letzten Stationen an die den Zug stürmenden Frauen verkauft. Alle Eierplateaus sind leer, die großen Einlegegläser mit krautgefüllten, grünen Paradeisern stehen nicht mehr hinter dem Kassenpult. Zug Nummer 10, Baikal, wird in zwanzig Minuten am Ziel seiner 5.190 Kilometer langen Fahrt angelangt sein. Acht Stunden wird er in Irkutsk stehen, um mit dem beladen zu werden, was er als Zug Nummer 9 nach Moskau brauchen wird. Mir wäre es im Augenblick lieber, die Fahrt ginge nicht zu Ende. Ich werde die problemlose Geborgenheit dieses kleinen, warmen Schlafwagenabteils vermissen. Viel lieber führe ich weiter, zumindest noch einige Tage lang. Vielleicht wäre mein Unbehagen dann verflogen. Warum findet der Kongress nicht in Wladiwostok statt, oder in Petropawlovsk Kamtschatski am Ochotskischen Meer?

Mein Wörterbuch ist gelb, aber es schluckt die Spontaneität genauso wie das baue Büchlein von Nadja. Vera macht es besser. Sie spricht ungehemmt auf mich ein und sieht mir dabei in die Augen. „Ponimaesch?“ Verstehst du? fragt sie zwischendurch, und ich sage „Da“, begleitet von einem Kopfnicken oder Lachen oder beidem. Manchmal verstehe ich tatsächlich, oft glaube ich etwas zu erraten, bis ich merke, dass es völlig falsch war. Aber was tut das zur Sache? Wichtig ist, dass Vera mir etwas sagen will, dass ich nicht stimmlos und sprachlos durch eine fremde Welt gehe, mich nicht ausgeschlossen fühle. Mir stehen zwei Mädchen aus dieser Stadt zur Seite, also ist es höchst sinnvoll, jetzt die Lenina zu überqueren, auf das Kindertheater zuzulaufen und weiter die Karl-Marx-Straße hinunter. Unvermittelt, als wäre sie meine Geliebte oder Frau, hängt sich Vera an meinen Arm. Ich weiß nicht, was in ihr vorgeht, will auch nicht raten, sehe lieber einfach das Licht in ihrem Gesicht, am hellsten auf der Stirn, das Licht der großen Weite. In Europa, denke ich, wird jede mögliche Weite durch eine schöne Landschaft verstellt, kann das Licht niemals ganz Weltlicht sein.

 

STIMMEN ZUM TEXT

Man mag an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren jedenfalls, die über das Sichtbare hinaus denken, die eine andere Wirklichkeit erfahrbar machen wollen.

SALZBURGER NACHRICHTEN


Zur besonderen Poetik des Buches gehört, dass wir immer jetzt da sind, zugleich aber in den Jugendjahren der Eltern, den eigenen Jugendjahren – die sich im Kopf des Lesers einstellen – und in der Zukunft sein können und geographisch überall sein können. Das Erzählen, und zwar im modernsten und damit ursprünglichsten Sinn ist Peter Steiners besondere Kraft. Der Tex schafft, was wirklich nur ein Text er-schaffen kann, was Texte so unverzichtbar macht. Die Existenz des reisenden Wissenschaftlers und der Menschen, die sein Denken bevölkern, kann vom Leser miterlebt werden und dabei erlebt er/sie auch sich selber genauer.
Peter Steiners Erzähler darf alles: die Struktur des Romans, in Kapitel gegliedert, über die hinweg datierte Ortsangaben den Text unabhängig davon wieder anders ordnen, ist origineller, als auf den ersten Blick offenbar wird. Folglich wirkt die Geschichte wie naturgemäß gewachsen, sie kann, was sonst eher ein Privileg der Lyrik bleibt. Der Roman hält, was er verspricht, „den Tag in seiner Zartheit nicht mit zu viel Wahrheit zu bedrohen.“

Andrea Grill
LITERATUR & KRITIK


DER SANDFALLENBAUER

KLAPPENTEXT

Was bringt einen Weltenwanderer und Sandfallensteller dazu, sich mit seiner Frau auf einem Stück Brachland irgendwo in Amerika als Bauer niederzulassen? War es der Großvater, der einst den väterlichen Hof im Gebirge verließ und den Enkel der Heimat beraubte? War es der Malerfreund aus der Großstadt, der sich im Grünen ansiedelte, der Makler, der genau zu wissen schien, was der Rastlose suchte, ein Buch, das dem Kind jenes Traumbild einpflanzte, das der Mann nun hier wiedergefunden zu haben glaubt? Vielleicht liegen die Antworten in dem, was der Sandfallenbauer in der Natur beobachtet, in den Ereignissen, den Erinnerungen, welche die Grenzen von Zeit und Raum sprengen und die stillen Felder zum Weltschauplatz machen.

Peter Steiner vereint in diesem Buch die Geschichte eines Suchenden mit einer Fülle von Naturphänomenen und Einzelschicksalen zu einem faszinierenden, vielschichtigen und berührenden Ganzen.

… Innen- und Außenwelt in einem, schöne Absurdität und zugleich Wahrhaftigkeit – wie es einen Menschen heutzutage herumtreibt, ein Tanz zum Geheul der Coyoten.
Peter Handke

 

LESEPROBE

„Es war April, der Schnee lag noch hoch in Wächten an den Hügelflanken und im Wald unter gewaltigen Tannen. Ich lief allein über den langgestreckten Bergrücken, den wir später Die Ridge tauften. Jost van Gelderen, der Makler, hatte es vorgezogen, im Auto sitzen zu bleiben und seine Pfeife zu rauchen. „Just follow the ridge until you reach the third tree line, and all you see to your left and right shall be yours.“ Jost van Gelderen – lange schon im Alten-Paradies von Arizona – der seiner Mutter beim Anblick der Freiheitsstatue gesagt hatte: “Jetzt sind wir in Amerika, warum sollen wir noch weiter Holländisch sprechen?” Das war 1946, ein Jahr nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Jost hatte überlebt. Und da sitze ich in meiner Totenstille. Unten am Teich schreien noch einige Gänse, die aus welchem Grund auch immer nicht weitergeflogen sind. Worauf warten sie? Vor der Tür steht mein Traktor. Den sollte ich anwerfen und weiter mähen. Eine Woche lang ziehe ich schon meine Schnittbahnen über die Felder, und das Dröhnen der Maschine und das Sirren der großen Messer gehen mir auch nach zwei Tagen Stillstand und Stillsitzen nicht aus den Ohren. Dazu täuscht mir mein inneres Auge Bilder vor, etwa das Bild von Mäusen, die vor den nahenden Messern davonlaufen. Aber es laufen keine Mäuse mehr davon. Auch fahre ich über keine Auswurfhügel von Murmeltieren, sehe keine Truthähne und –hennen, kein Reh am Waldrand. Nichts, bloß die Zugvögel, und jeden Abend das Geheul der Kojoten, ein Rudel hinter den Apfelteichen, ein Rudel jenseits des Bibersees, ein Rudel in der Senke, über welcher der Mond aufgeht.

 

STIMMEN ZUM TEXT

Welch wunderbares Bild hast du uns Lesern, hast du mir persönlich gegeben mit der Schattenpyramide. „Es geht nichts verloren, es sucht sich nur eine neue Form. Aus dem Traum von gestern erwächst die Erinnerung von morgen.“ Dieses Bild der Schattenpyramide aus der Kindheit, die sich in einen Lichtkegel verwandelt, von mildem Licht, dieses Bild schaue ich mir wieder und wieder an in dem Sandfallenbauer. Und will es mir zu einem neuen Leitbild, zu einem Lichtbild, zu einer neuen Illusion machen.

Paul Hermanns



Nur selten gelingt es einem Helden, das abgehangene Spätlebensalter als geerdetes Kind auf einem Traktor zu verbringen und dabei die Leser zu verzücken. Auf einem Stück unbebauten Landes mitten in Amerika verbringt er mit seiner Frau die Tage hautnah an den Poren der Erdkruste. Peter Steiners Roman vom „SANDFALLENBAUER“ ist beinahe ein Märchen vom geglückten Leben.

Helmuth Schönauer
Die Neue Südtiroler Tageszeitung


DER ANGEHÖRIGE

KLAPPENTEXT

Lena und Simon sind seit fast 50 Jahren ein Paar, als Lena mit dem Verdacht auf eine lebensbedrohliche Krankheit konfrontiert wird. Hinter beiden liegt ein außergewöhnliches Leben: Simon hat viele Jahre auf Großbaustellen dieser Welt verbracht, während Lena, Fotografin, ihn mit den Kindern so oft wie möglich begleitet hat. Lenas Fotos sind gleichsam der Gegenentwurf zu Simons Leben: Sie entdeckt die Größe im Kleinen, im Wald von Akosombo, an der aufgelassenen Bahnstrecke in den Smokeys in den USA und schließlich im eigenen Garten, als der tägliche Lebensrhythmus der alt gewordenen Eheleute immer mehr auseinanderklafft. Während Lena in der Klinik auf die Operation wartet, haben Lena und Simon Zeit für Gespräche, in denen gegenseitig zugefügte Verletzungen zur Sprache kommen, die scheinbar vergessen waren. Von der Angst getrieben, Lena könnte nach ihrer Operation nicht mehr erwachen, gibt Simon sich in Phantasien einem Fest der Bilder hin, Lenas zeitlebens nicht gezeigten Bilder. Als wären Versäumnisse damit aufzuheben.

Peter Steiners neuer Roman beschreibt in feinen Nuancen die Beziehung zweier älterer Menschen die Krisen durchlebt haben, aber einander dennoch für immer verbunden sind.

 

LESEPROBE

Nachdem der Primar gegangen war, beugte sich Lena noch einmal vor und senkte den Kopf. …Sie band sich ein Kopftuch um, was Simon an ferne Sommer am Meer erinnerte, an Reisen im Kabriolett, an Richtungen ohne Koordinatensystem in einer weit offenen Welt. Wie jung waren sie damals gewesen! Simon ergriff Lenas Hand und hielt sie in der seien, nicht lang, weil er wußte, daß Lena seine Hand immer weniger ertrug. An manchen Tagen konnte selbst die leiseste Berührung ihr den Atem nehmen. Schon seine Nähe beengte sie an solchen Tagen, daß er es vermied, den Raum zu betreten, in welchem sie sich gerade aufhielt. Je älter sie werde, umso mehr Raum benötige sie, sagte Lena, und ging ins Erdgeschoß, wenn er im zweiten Stock arbeitete oder auch nur las. Oder sie stieg hinauf zur Dachterrasse, wich in den Garten aus, machte weite Spaziergänge. Ein Kuß im Einschlafen erschreckte sie so heftig, daß sie dann die ganze Nacht wach lag, neben Simon, dem Schlafenden. Auch im Tageablauf klaffte ihr kaum noch gemeinsames Leben mehr und mehr auseinander. Als lebten sie in verschiedenen Zeitzonen, begann für Lena die Nacht noch bei Tageslicht, schlief sie schon, wenn die Wipfel der Fichten im Garten noch im Abendlicht glühten.  Erwachte sie, hatte Simon sich gerade erst zur Ruhe gelegt, hörte vielleicht im Halbschlaf, wie Lena mit der Hausarbeit begann, ein Klirren aus der Küche, leise, denn er sollte nicht gestört werden. Endete die Nacht für ihn, hatte Lena ihr Tagewerk so gut wie beendet. …

… rief man Lena noch einmal in die Röntgenabteilung. Simon setzte sich auf den Gang, auf die Besucherbank gegenüber dem Eingang zur Neurochirurgie. Über der Tür befand sich eine elektrische Uhr, rund, weiß, Zeiger und Ziffern schwarz. Links der Liftschacht, rechts die Besuchertoiletten und ein Spülraum. Die Tür dazu stand halb offen, und dahinter auf dem Boden lag ein flüchtig zusammengefaltetes Bündel Leintücher mit Blutflecken. Durch das ganze Gebäude ging ein Vibrieren und Summen wie auf einem Schiff, das nicht schwankt, weil es am Kai festliegt. Standby. Wo war Norden? Er blickte auf die Wanduhr. MEZ Mitteleuropäische Zeit. Sekundenzeiger, Minutenzeiger, Stundenzeiger, der erste war der längste, der letzte der kürzeste. Welch seltsame Hierarchie. Je kürzer, desto langsamer. Der eine dahinhastend, der andere kaum in Bewegung, jeder ein Gefangener seiner Ebene. Die drei Ebenen, nur Bruchteile von Millimetern voneinander getrennt, schnitten den Raum vertikal, bildeten einen unsichtbaren Vorhang, eine Membran dreier Zeitrhythmen vor der Tür zur Neurochirurgie. Der längste Zeiger, der seine Sekundensprünge vollführte, war zugleich der dünnste. Bei jedem Halt federte er nach, das konnte Simon sogar von der gegenüberliegenden Wand deutlich sehen. Das Zittern erinnerte ihn an die Nadel eines Elektrokardiographs. … Simons Herzschlagfrequenz entsprach ziemlich genau dem Abstand von Sekunden. Den Daumen am Puls der Hand, zählte er sechzig Schläge in der Minute. Ein Leichtes also, auf dieser Besucherbank seine Lebenszeit in Sekunden anzugeben. Sechzig Sekunden mal sechzig Minuten mal 24 Stunden mal 365 Tage mal 70 Jahre, das ergab 2,207.520,000 Sekunden, also zwei Milliarden zweihundertsieben Millionen fünfhundertzwanzig Tausend Sekunden. Daß das sein Herz aushalten konnte, grenzte an ein Wunder. Bei Lena erschien ihm das Wunder noch größer. Sie war zwar einige Jahre jünger als er, aber ihr Herz schlug schneller. Also hatte sie ihn an Herzschlägen gemessen schon vor langer Zeit überholt, war ihm weit, vielleicht schon uneinholbar voraus. Wo ihr Herz jetzt schlug, war von seinem weit und breit keine Spur. Aber einmal in ihrer beider Leben, hatte es einen Herzschlag gegeben, er ihnen beiden galt, einen Moment des Gleichklanges, der völligen Übereinstimmung. Wann war das gewesen?

 

STIMMEN ZUM TEXT


Ein Roman, der sich nicht m die ach so großen Probleme der Welt (vorrangig) kümmert, sondern um jene kleine Welt in uns selbst, in unserem Kopf, in unserem Gefühl, in unserer Seele. Das ist ein zutiefst österreichisches Buch, denn hier hat sich immer wieder Literatur gerade um jene Bereiche gekümmert.

LITERARISCHES ÖSTERREICH


DER STURZ AUFS DACH DER WELT

KLAPPENTEXT

Der Sturz aufs Dach der Welt erzählt die Geschichte des Botanikers Lorenzo Unterberger, der Ende der 1970er Jahre in einem unzugänglichen, menschenleeren Urwald am Abhang der bolivianischen Anden nach einer Heilpflanze sucht. Zufällig war er Zeuge einer erstaunlichen Heilung durch einen indianischen Heiler geworden und will nun gegen alle Widerstände Herkunft und Wirkung der Pflanze wissenschaftlich beweisen. Es ist gleichzeitig die Geschichte einer obsessiven Leidenschaft für Marlis, die Freundin seiner Tochter, die mit seinem Assistenten Paul verheiratet ist. Nachdem er einen Hubschrauberabsturz im Regenwald überlebt hat, gesteht Unterberger ihr seine Liebe. Zwischen den beiden entwickelt sich eine dramatische Beziehung, die jedoch nach kurzer Zeit abrupt endet.

23 Jahre später durchlebt Unterberger in der Rückschau - gleich einer Spurensuche - die Geschehnisse von damals noch einmal und sieht sie in einem neuen Licht: Ein Brief von Marlis, die mittlerweile in der Bretagne lebt, lässt die damalige Leidenschaft in ungeahnter Heftigkeit neu auflodern. Eine Reise zu ihr soll endgültig Klarheit schaffen...

LESEPROBE

"Ohne daß ich den Kopf bewegte, ging mein Blick einmal vorwärts, einmal rückwärts. Auf meinen Schultern saß ein Januskopf, dessen zwei Gesichter einander niemals in die Augen blickten. Wozu noch Augen, schöpfte ich doch aus Nachbildern, Echo meiner Erinnerung, und Illusionen?

 

STIMMEN ZUM TEXT

Welche Überfülle bildstärkster "Erinnerung, die sich am Rande des Vergessens anhäufte"! Peter Steiners Prosa ist nach allen Regeln der Kunst secco, trocken, rauh, kräftig, zupackend, welthältig. Bewertende, einwertende, die Tatsachen nach irgendeiner Wertsicht urteilend spiegelnde Sätze unterbleiben. ... Tatsächlich: Die pralle pulsierend austreibende Welt in aller reizvollen Angriffigkeit und verführerischer Bitterkeit, atemnehmend treffsicher erinnert.

Mathias Mander
LITERARISCHES ÖSTERREICH 01/2011


... in seinen seit 1994 erschienenen Romanen und Prosabänden überzeugte immer wieder der erzählende Blick auf die unterschiedlichsten Landschaften ... auch in seinem elften Buch, "Der Sturz aufs Dach der Welt"... im Wortsinn zu verstehen. Bei einem Erkundungsflug am Ostrand der Anden geht der Hubschrauber bei der Landung zu Bruch. ...

... die Handlung ist es nicht, die Peter Steiners Buch lesenswert macht, es sind die feinen, schwebend-dichten Beschreibungen von Orten und Stimmungen: die Idylle des verwunschenen Hauses in La Paz, Armut, Deprivation und Goldgräberstimmung in den Anden-Dörfern, die wehrhaften Indios am Eingang der abgeschiedenen Region von Challana oder das Schlussbild des einsamen Mannes an der Atlantikküste, der die Spuren eines kleinen Vogels im Sand als "winzige, gegen die Laufrichtung gerichtete Pfeile" sieht.

Evelyne Polt-Heinzl
Die Press
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... im Hochland von Bolivien ... stürzt (Unterberger) zusammen mit seinem Piloten mitten im Urwald ab ... (beide) überstehen den Aufprall unverletzt ... werden gefunden und gerettet. Für Unterberger war die kurze Zeit im Regenwald dennoch eine Art Offenbarung: Er dachte weniger an das ihm und seinem Piloten drohende Schicksal als vielmehr an seine Tochter Ljuba und vor allem deren Freundin Marlis... Zurück..., beschließt Unterberger, ihr seine Liebe zu gestehen.
... nicht die Geschichte von Unterberger ist es, die den Roman auszeichnet, sondern wie Steiner sie erzählt: Selbst Naturwissenschaftler... vermag er es, jedem noch so unwirtlichen Landstrich etwas besonderes abzugewinnen und die Eigenheiten von Land und Bewohnern in gleichermaßen poetische wie prägnante Wort zu fassen: "Ach Guanay, Weltstadt der Garküchen, handfester Kellnerinnen und Animiermädchen, des Schlächters und seiner Gehilfen, des Händlers mit seinen Stoffballen, des Kinobesitzers, der Lastwagenfahrer, die nach glücklich überstandener Talfahrt aus dem Hochland sich eine schwüle Nacht lang betranken, bevor sie sich auf die Rückfahrt in die Kälte machten."
Faszinierend an "Der Sturz aufs Dach der Welt" ist auch, wovon es nicht spricht. So geraten durch bestimmte Andeutungen ... plötzlich Dinge für einen Sekundenbruchteil in den Vordergrund, die man dort eigentlich nicht erwartet hätte ... im Kontext des Romans aber dennoch eine starke Wirkung haben.

Simon Leitner
Literaturhaus Wien


AZIMUT

KLAPPENTEXT

"Azimut, vom Arabischen as-sumut, die Wege, erzählt nicht nur von der Suche des Landvermessers Conrad nach dem richtigen Weg für eine neue Straße durch den Regenwald. Es ist eine Geschichte von der Suche nach dem richtigen Weg durch das Leben, die Liebe, Freuden und Ängste, Hoffnung und Enttäuschung, und dies vor dem Hintergrund einer paradiesischen, vom Untergang bedrohten Welt, die zugleich eine Welt im Aufbruch ist."

1966, Conrad hat sein Studium beendet, eine Familie gegründet, baut an einem Haus für eine glückliche Zukunft in der Mitte Europas. Und doch bricht er mit Frau und Kindern ins Ungewisse auf, als ihm der Zufall die Gelegenheit dazu bietet. Als Landvermesser soll Conrad der STRASSE DER ZUKUNFT den Weg durch einen der letzten unberührten Landstriche Afrikas bahnen. Er beginnt seine neue Aufgabe in San Andres, einem Fischerdorf an der Küste einer erst vor kurzem unabhängig gewordenen französischen Kolonie. Das Leben im Regenwald, auf sich allein gestellt und in kaum überbrückbarer Distanz zu den Einheimischen, schweißt die kleine Familie eng zusammen. Als das junge Paar Luc und Jeanne in ihr Leben tritt, entwickelt sich, begleitet von erotischer Spannung, eine tiefe Seelenverbundenheit. Doch immer wieder zwingen äußere Umstände einen der Freunde, den Regenwald zu verlassen, und das harmonische Gleichgewicht steuert auf einen Konflikt zu.

LESEPROBE

„Die Hitze des Tages war geschwunden, doch der schwüle Dunst des Meeres lag weiter über dem nächtlichen Hafen. Conrad kippte seinen Stuhl nach hinten, daß die Vorderbeine schräg über dem Boden schwebten und die Lehne am glatten Stamm eines alten Lorbeerbaumes scheuerte. Das Sirren der Zikaden schmerzte ihn in den Ohren. Er hob sein Glas an den Mund, erblickte am Ast über sich eine Glühbirne mit Blechschirm, umschwirrt von Mücken und Nachtfaltern, die sich daran die Flügel versengten und ihm als sanfter Regen auf Haar und Schultern fielen.“


DER WEG NACH SSONG KÖL

KLAPPENTEXT

Ein Mann kehrt heim, vermutlich von einer längeren Reise. Zuhause ist inzwischen die Zeit stehen geblieben, erstarrt zu Säulen, und nur Bewegung kann sie zum Klingen bringen, das Leben wieder in Gang setzen. Daraus entsteht der Erzählfluß dieses Buches, der sie einzelnen, manchmal nur im Ansatz skizzierten Geschichten letztlich verbindet. Es klingt etwas an, das uns alle betrifft. Die über den Erdball verstreuten Orte sind nur der äußere Anstoß für das. was aus den Begegnungen mit Menschen und Landschaften in uns weiterwirkt, in Gedanken, Gefühlen, Wünschen oder Träumen. Die Erzählkunst Peter Steiners macht sie bildhaft, nimmt uns an der Hand und führt uns bis nach Ssong Köl.

LESEPROBE

HEIMKEHR

Du kommst zur hohen Tür herein, betrittst das von Kastanien und Fichten beschattete Haus. Es ist dein Haus, dessen Räume dich erwarten, dein Schritt über knarrende Parketten, dein jähes Verhalten, Schweigen, Horchen. Als könnte die Zeit reden, die du in diesen Räumen verbracht, oder verlebt hast (möchtest du das sagen?). Du siehst, wie der Wind Zweige vor dem Fenster bewegt, siehst grüne Fächer auf und nieder schwenken, aber du hörst nichts. Die Luft steht in den Räumen und du denkst, sie sei nicht zuerst und schon gar nicht allein zum Atmen da, sondern um dir ein Zeichen zu geben, ein Zeichen der Zeit, die nicht mehr fließt, sondern erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen und Fenstern. Säulen stellst du dir vor, Säulen aus reiner Zeit, gerade so weit gefestigt, daß, öffnetest du ein Fenster, der Luftzug sie zum Klingen brächte. Das Haus begänne in allen Räumen zu tönen, rissest du die Fenster auf, denkst du, und bleibst stehen, während deine Frau tatsächlich zum Fenster geht und es öffnet - und du stehst noch immer da und horchst, da sie schon die Tür zum Balkon aufmacht und der Wind durch die Diele fährt, samt dem Blätterrauschen aus dem Garten und dem Gesang einer Amsel.

Ist das Heimkehr?
Bist du heimgekehrt?
Bin ich zu Hause?

Auf dem Schreibtisch liegt ein Blatt Papier mit einer Liste von Dingen, die vor der Abreise zu erledigen gewesen sind, Zeile für Zeile durchgestrichen. Du hast alles erledigt, bist abgereist, ohne offene Fragen zu hinterlassen. Bist du nun nur zurückgekommen, um neue Fragen zu stellen? Welche Fragen? Und warum hier, in diesem Haus der erstarrten Zeit? Kannst du deine Fragen nicht anderswo stellen, überall? Ja, überall, also auch hier, hier in deinem Haus. Du besitzt ein Haus und es steht im Süden von Wien, am Rande einer Kleinstadt, umgeben von Weingärten. Dorthin bist du zurückgekehrt. Wahrscheinlich wünscht du dir ein Zuhause, und dieses Haus kommt deinem Wunsch entgegen. Aber erfüllt es ihn auch?

Du betrittst das Haus, hast es schon betreten, bist die Treppe hinaufgegangen und durch die hohe Tür geschritten, hinein in den zentralen Raum, aus dem du durch Glastüren in all die anderen Räume sehen kannst, wo überall die Luft steht, über Eichenparketten und unter Decken mit Stuck. Du siehst die Blätter des Kastanienbaumes auf und abschwenken und das Blatt Papier auf deinem Schreibtisch, reglos seit vielen Wochen, eine Liste von erledigten Aufgaben und beantworteten Fragen, ein Friedhof der Buchstabengräber, angeordnet in Zeilen, und deine Frau öffnet, nein, reißt Fenster und Türen auf, und schon wiederholst du die Erinnerung an den Frühlingswind und den Gesang einer Amsel, von welchem begleitet das Blatt Papier mit dem Verzeichnis deiner Tätigkeit vor Wochen zu Boden segelt und sich langsam auf den Eichenbrettchen fortdreht, bis es zum Stillstand kommt. Sollst du es aufheben und die erste neue Frage darauf schreiben: Bin ich heimgekehrt? Bin ich wirklich zu Hause?

Du läßt das Blatt liegen, steigst über das scharf beschnittene weiße Papier hinweg und horchst auf den Gesang der Amsel.
Kleine schwarze Schwester!
Ce matin - il y avait un merle qui chantait depuis l'aube de ce jour ensoleillé à Paris. Wir schliefen bei offenem Fenster. Es ging kein Wind und der Gesang füllte den Hof hinter der Rue du Sahel. Am Ende jeder Strophe, lang und melodiös, setzte der Vogel vier mal den gleiche Ton: tü - tü - tü -tü. Du hast ihn sofort als einmalig erkannt. Da sang nicht irgendeine Amsel, nein, es sang die Amsel aus dem Hof an der Rue du Sahel. Eine Solistin, die Amsel aus der Rue du Sahel.

In Paris blühen die Kastanienbäume. Hier fächeln nur die Blätter vor dem Fenster, die Kerzen sind noch knospenklein, wie Bonsaibäumchen. Die Zeit war wohl nicht nur im Haus sondern auch in dessen Umgebung stehen geblieben. Befindet sich dein Besitz am richtigen Ort? Aber wie sollst du darauf Antwort geben, der du seit Jahren nicht mehr im Sommer zu Hause warst?

 

STIMMEN ZUM TEXT

Peter Steiner zählt zu den bemerkenswerten Randgängern der österreichischen Gegenwartsliteratur. Unabhängig von literarischer Betriebsamkeit entwickelt er konsequent ein Erzählwerk, das Menschen in existentiell exemplarischen Situationen zeigt: Erkundungsfahrt, Reise, Kultivierung von Land, Einsamkeit, Liebesbegegnung, u.a.m. Die Auseinandersetzung mit der Natur bildet dabei ein zentrales Thema, die mit präzise registrierender Sprache beschriebenen Landschaften kontrastieren mit den Personen, die mitunter in zweifachem Licht erscheinen: als reale Menschen und als bedeutsame, beinahe mythische "Kulturhelden".

Kurt Neumann
Literarisches Quartier Wien, Alte Schmiede


 

Vor einigen Wochen traf "Der Weg nach Ssong Köl" bei mir ein. Ich habe zu Thomas Mann und Robert Walser sagen müssen, daß ich sie nicht sprechen kann, weil ein Freund zu Besuch da ist. Und auch Vincent van Gogh habe ich gebeten, seine Briefe für eine unbestimmte Zeit nicht mehr zu schicken.

Dann bin ich zuerst mit dir heimgekehrt, in diesem wunderbaren Kleinod (Heimkehr), das mich damals schon, als du es mir in einem deiner Briefe schicktest, getroffen und gerührt hatte. Ein herzliches Wiedersehen auch mit unserer gemeinsamen Amsel.

Danach habe ich die große Weltreise begonnen, sah Tampa mit meinen eigenen Augen: "das nur kurz erhaschte Lächeln hinter der Scheibe, der in träumerischer Hoffnung verlorene Blick .....verbunden mit einem leisen Schmerz, der in sich ruht, keine Gründe sucht, niemandem Schuld beimißt."

In Manhattan fühlte ich mich leer und einsam, sowie auch in anderen großen Städten (Havanna, Trinidad etc.). Und trotzdem, wie erkenne ich mich in dieser Sehnsucht nach der Stadt, die eine Sehnsucht nach Menschen ist (die die Natur in ihrer Einsamkeit so schrecklich vermißt), eine unersättliche Sehnsucht nach allen möglichen Beziehungen mit Frauen, ihren geheimnisvoll lockenden Düften und schlichten Gebärden und Blicken, in denen man sich für immer nackt und still niederlegen will.

Sehnsucht nach der Stadt. Flucht aus der Stadt: "Die still schreiende Angst" bliebt mir aus den Städten. Und im Grau der "helle Wischer einer Taube." Der Traum bleibt mir, in dem der Held die Lebensenergie (Kupdri) nicht mit den Händen fangen kann und ermüdet dasitzt. Oder das Ringen mit "Lichtschlangen", den kommenden Büchern. Ist es nicht darum, daß uns der Autor dieses "Zwischenbuch" gegeben hat? Ja, habe ich still genickt, als las: "Laß uns Märchen spinnen, über den Inhalt der Briefe in den Händen ukrainischer Frauen". Ja, habe ich still geschluchzt, bei dem Satz: "Nur so, auf diese Weise, die der Handlung das Handeln verwehrt, kommen wir einander nahe".

Aber wir mußten weiter, weil der Gott es uns dichtete: "Hier ist nicht unser Haus / Hier werden wir nicht leben / Du, auf die gleiche Weise, / Wirst von uns scheiden müssen".

Dann, kreuz und quer durch die Welt, von Italien nach Yucatan (ein einzigartiges Bild: wie der Held, fast vor Hitze vergehend, in die Erde absteigst, den Wurzeln des dunklen Lebens entlang, zum klaren Brunnen des Lebens, ins "Auge Gottes". Von dort in die Mongolei, zur Frage. "Und Komei? Wen küßt ihr kirschroter Mund?" Den Erzähler, dachte ich, als Dank für diese schlichte, schöne Erzählung.

Aus Phander habe ich mir das schöne Gedicht am Anfang der Erzählung mit nach Hause geschmuggelt Von "Rosebud" wandte ich mich zuerst ab. Bei zweiter Lesung trat mir das Schreckensbild erst recht vor Augen; wie eine erbarmungslose und von Gott verlassene Zivilisation (nicht einmal eine Kultur) des Autors liebsten, erdgebundenen Vorfahren zerstückelt und verstümmelt hat. Ein zutiefst blutendes Bild, bitterer vielleicht noch als das leibliche Massaker, das überall dort stattgefunden hat.

Und dann endlich, endlich kam ich in Barskoon an. Und ich spürte es schon in den ersten Zeilen. Bei der Beschreibung der Jurte wußte ich es sicher: dieses ist das eigentliche Haus von Peter Steiner, dieses uralte und aus lebendigem Material aufgerichtete "mobile home". Und dann sah ich ihn kommen, seinen Großvater, der sich hier Mahmud al Kashgari nennen ließ. Ich sah, wie er dem Enkel wieder alle Länder und all ihre Sprachbäume zeigte. Und ich war es, der ihm in sein schlafendes Ohr flüsterte: Hier bist du zuhause".

"Heimkehr" und "Der Weg nach Ssong Köl": diese beiden Erzählungen legen ihre warmen Arme um die anderen Geschichten und teilen ihre Wärme mit ihnen.

Paul Hermans
Brunssum bei Maastricht


Die Magie dieser Geschichten ergibt sich aus dem gleichwertigen, ideologiefreien Nebeneinandersetzen der Wahrnehmungen. Aus scheinbar absichtslos beschriebenen Details von über den Erdball verstreuten Orten entsteht ein leuchtendes Mosaik der Bilder, deren Vielfalt doch in einem gemeinsamen Grundton schwingt. Die Gattung der Short Story, die dieser Autor meisterhaft beherrscht, besticht durch eine rasche Bestandsaufnahme, deren erhellende Poesie sich aus ihrer Skizzenhaftigkeit ergibt.

Edith-Ulla Gasser
ORF Literatur


(Der Eröffnungstext) "Heimkehr" rührt an dem Mysterium, wie ich es fast jeden Tag empfinde:

"Die Luft steht in den Räumen und du denkst, sie sei da, um dir ein Zeichen der Zeit zu geben, die nicht mehr fließt, die erstarrt ist, hinter geschlossenen Türen und Fenstern."

Ein wunderbarer Satz, ein Satz wie ein Gedicht. Ich habe ihn gelesen, und gehortet, und belauscht. Ich möchte ihn wiederholen wie einen Mantra. Dieser Satz hat etwas zu tun mit meinem innerlichsten Zeitgefühl, (...) diese Sehnsucht nach dem Stillstand der Zeit, eine Sehnsucht, die ich nicht nur in diesem Satz aufleuchten sehe, sondern auch in den Bildern meines geliebten Johannes Vermeer, in jedem gelungenen Stilleben, in jedem erinnerten Augenblick von Sonnenlicht, in ein stilles Zimmer fallend.

Es ist eine gefährliche Sehnsucht, das fühle ich genau. (...) Ist es ein Todesverlangen? Vielleicht. Aber (...) es ist kein Verlangen nach Dunkelheit, nach einem toten Stillstand. Es geht ein Lichtverlangen darin um, ein Verlangen nach einem Stillstand im intensivsten, lebendigsten Augenblick. Dort verbrennt sich (sic!) der Phönix zu Asche. Und immer wieder anders ist dieser Stillstand, je nach dem Stande der Stille.

Wieviel verlorene Zeit sammelt sich (nicht) in diesem Stillstand, wie dicht liegt der Stillstand, dieser Raum in der Zeit, (nicht) an dem Zeitraum, wo uns die geliebten Gesichter, Stimmen, Bilder, Gebärden, Düfte entschwanden? Ist es nicht, als ob gerade in diesem Stillstand alles Verlorene wieder ganz nahe ist? Fast wird die Stille die flüsternde Stimme der Mutter; sie erzählt von dem Rätsel; es tut sich ein Lichtfenster auf; an der Kimme im Ohre gehen Antworten um, die uns angehen. Fast kannst du sie hören. Aber dann machst du, in deiner spannungsvollen Erwartung, unwillkürlich eine leichte Bewegung. Und verscheucht bleibt nur die schweigende Stille zurück.

Paul Hermans
Brunssum bei Maastricht


Anmerkung:
von Paul Hermans sind fünf Gedichtbände erschienen, zuletzt "Hartschelp", im Verlag De Geus BV, Postbus 1878, 4801 BV Breda, Nederland, (2007)

In deutscher Übersetzung liegt bis jetzt nur ein kleines Bändchen vor: "Ein Kern von Oberflächlichkeit", mueckenschweinverlag Stralsund (2002)

An der Übersetzung weiterer Gedichte wird gearbeitet. Also aufhorchen!, wenn der Name Paul Hermans fällt.


WO IMMER DU WILLST

KLAPPENTEXT

Diese Geschichte spielt im ausklingenden Sommer, vielleicht schon Herbst, einem Herbst der Jetztzeit. Wen erwartet der Mann, im Morgengrauen, abseits der Straße, unter freiem Himmel? Was trieb ihn, die Nacht im Auto ohne Halt durchzufahren, im stummen Zwiegespräch das Gefühl über alle Grenzen verlierend? Einen Tag zu früh ist er von zu Hause aufgebrochen, morgen wird Hanna auf dem Flughafen von Venedig ankommen. Wo sie einander wiedersehen wollen, hatte er sie über den Ozean hinweg gefragt. "Wo immer du willst", war ihre Antwort gewesen. Mit entschlossener Leichtigkeit beginnt die gemeinsame Reise durch das Hinterland des adriatischen Küstenbogens, die "Terra Ferma" der einstigen Republik Venedig bis an deren entlegen Grenzen in den "Siben Pergen". Keine jugendliche Liebe mehr, sondern eine im Wissen um ihre Grenzen, geleitet sie zu Orten großer Liebender der Vergangenheit wie in die nächtliche Zweisamkeit fernab unter Sternen. In immer neuen Facetten zeigt sich die unerschöpfliche Spannung zwischen Mann und Frau, nicht ohne wachsende Ahnung, in der nahenden Trennung verberge sich der Abschied für immer. Peter Steiners Erzählung ist eine Elegie auf die Liebe, die sich nur in der augenblicklichen Gegenwart erfüllen kann.

LESEPROBE

Hanna hat meinen Blick verändert. Seit sie da ist, sehe ich alles mit vier Augen. Dazu kommt mein Spiegelbild in ihrem Antlitz. Es stellt mich ins Zentrum der Welt. Selbst an den Klippen über dem Meer gibt es keinen Rand. Alles dreht sich um uns, wir sind die Mitte mit vielen Namen; "wir, uns, du und ich, niemand sonst, nichts außer, alles ..."

Später, auf dem Kai, falte ich aus dem Katalogblatt ein Schiffchen und setze es im Hafenbecken aus. Ist es Wind, zu schwach um ihn zu spüren, der das Boot fortbewegt, oder ist es das Ziehen der Gezeiten, hat die Ebbe eingesetzt? Wir gehen langsam neben dem winzigen Boot her, in Richtung Osten, zum Canale di Porta Nuova, der schmalen Ausfahrt ins Meer. Dort steht an jeder Seite ein hoher Wachturm. Zwischen den Türmen hängt eine Sperrkette. Wo diese ins Wasser eintaucht, um einige Meter weiter wieder daraus hervorzusteigen, stößt unser Boot an, dreht sich auf der stelle und entfaltet sich dabei, Bugkante um Bugkante, zuletzt nur noch ein im Wasser treibendes Blatt Papier, das allmählich versinkt.

 

STIMMEN ZUM TEXT

Das Buch besticht durch seinen elegischen, wunderbar freimütigen und dennoch keuschen erotischen Ton, der im Ohr bleibt, ein langes, erdentreues Adagio, in dem Beschreibung von Landschaft und Leib ein und dasselbe werden. Etwa in dem unvergeßlichen Bild von der dunklen Haut um die Brustspitzen der Geliebten, die zugleich eine zitternde Nachbildung der Lagunenstadt aus der Vogelschau wird, ein Bild, das einem ein Schaudern und Flimmern durch das Rückenmark jagt, ein Zeichen, so sagte Nabakov einst, von gelungener Literatur.

Und dann noch die vereinzelten Sätze, Bilder und Gedanken: über die Unzulänglichkeit

der Photographie, über die Trauer in jedem Geschenk, über die Bereitschaft die schon Verständnis ist, über die Metaphysik der Lust (ich höre Mahler Nietzsche vertonen: "Denn alle Lust will Ewigkeit.". Hannahs Hand, vereinzelt schwebend in der Nacht; wie sie ihr Haar in einen Roßschweif bindet; wie sie sich bewegt vor der Sonne, in der Sonne. Alles Spiegelscherben meiner eigenen Seele, meines eigenen Verlangens nach brennendem Stillstand, meiner eigenen Todesangst.

Paul Hermans
Maastricht


"In die Agonie der Körper entwichen"
Peter Steiners "Abschiedsfest" eines Liebespaares

Es geht in dieser elegisch-hintergründigen Erzählung um das Einmalige dieser Liebe auf Entfernung, die von der Sehnsucht zueinander lebt, beseelt vom "Wunsch nach dem Unmöglichen". Beide wissen, wie gefährdet dies Glück wäre, wenn sie zusammenleben würden: "Zögern wir zusammen - wovon wir Tag und Nacht träumen-, dauerte es nicht lange, und wir wären getrennt für immer."
Dem bedächtigen und genauen Erzähler Peter Steiner gelingt in dieser leicht geformten Geschichte, jene unterschwelligen Sehnsuchtsschichten, die dem Begehren zurunde liegen (wider allen Abdriftungs- und Wiederstandsmöglichkeiten, etwa der ständigen Vergleiche aus der Vergangenheit et cetera), sicht- und spürbar werden zu lassen.

Georg Pichler
Die Presse


HINTER DEM HORIZONT
zu den 35. Rauriser Literaturtagen, Pinzgauer Nachrichten

"Wo immer du willst", antwortet Hanna auf die Frage ihres Geliebten, an welchem Ort sich die beiden treffen sollten. Es wird Venedig sein.

Ortswechsel - das zentrale Motiv in der Literatur von Peter Steiner, der seine Leser in die entlegendsten Ecken der Welt entführt. Im Roman "GAP" (1998) war es Südamerika, wo der Protagonist im Dschungel nach einem Schmetterling und einem Berg sucht, die zuvor noch niemand gesehen hat. Natürlich handelt es sich in Wirklichkeit um die Suche nach der eigenen Identität und der Held kommt zur Erkenntnis: "Der Horizont ist ein Teufelskreis ... Je mehr man ihn erweitert, desto größer wird das Unbekannte dahinter."
"Mitten im Nichts", irgendwo in der Neuen Welt, war der Schauplatz von Steiners Buch "IM langen Schatten" (1996) angesiedelt und die Handlung des Romans "Jenseits der Jägerzeichen" (2001) spielte im afrikanischen Busch.

Der Schlüssel zu den unterschiedlichen Orten von Steiners Literatur ist in der Biographie des Autors zu finden. Als Geologe war Peter Steiner jahrelang im Auftrag der UNO in entlegendsten Gegenden unterwegs. Die eigentliche Entwurzelung liegt jedoch in der Kindheit des 1937 in Baden bei Wien geborenen Schriftstellers. "Am Anfang stand der Krieg, aber ich sah darin nur den äußeren helfenden Umstand, der uns zur Flucht trieb. Mir hat es das Herz nicht schwer gemacht, den Ort meiner Geburt zu verlassen, im Gegenteil, es kam meiner Neugierde entgegen, in die Fremde zu gehen. Die lag im Gebirge, in einem engen Hochtal jenseits der Tauern. Gäbe es einen Ort, den ich als Heimat bezeichnen könnte, es wäre jener Fluchtort im Hochgebirge", schreibt Peter Steiner im Text "Dichter und ihre Orte".

In Rauris wird der "entwurzelte Bergbauer", wie sich Steiner selbst einmal charakterisierte, aus seiner neuen, im Otto Müller Verlag erschienenen Erzählung "Wo immer du willst" lesen. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen einer amerikanischen Dolmetscherin und dem Ich-Erzähler. Er, ein 60-jähriger Weltenbummler, und sie, geschieden, Mutter von drei Kindern, kennen und Lieben einander schon seit 20 Jahren. Sie sind es gewöhnt, mit ihrer Beziehung behutsam umzugehen, um diese nicht aufs Spiel zu setzen: "Zögen wir zusammen - wovon wir Tag und Nacht träumen -, dauerte es nicht lange, und wir wären getrennt für immer."
Vielmehr versuchen sie, ihre Liebe immer wieder aufs Neue zu beleben. Dieses Mal treffen sich die beiden in Venedig, kehren jedoch der Lagunenstadt bald den Rücken, um in einem klapprigen Wohnmobil das Hinterland zu erkunden. Die Reise führt das Paar durch den Karst, zur Lagune, ans Grab von Joseph Brodsky, nach Istrien, Padua, Mantua, Verona sowie zu den Euganeischen Hügeln.
Steiner verpackt die Geschichte einer stillen Liebe in eine Art Reisetagebuch, in das er die Beschreibung von Landstrichen, die Begegnungen mit verschiedenen Menschen, historische Spuren und Gedanken von Petrarca und Vergil einfließen lässt. Die Melancholie der Landschaft des Veneto wird letztlich zum Symbol für die Gefühlslage der beiden Protagonisten.


JENSEITS DER JÄGERZEICHEN

KLAPPENTEXT

Warum er geblieben war, konnte Luc nicht erklären. Das Rückflugticket hatte er bereits in der Tasche, und in den zwei Jahren als Lehrer in Afrika hatte er die Tage bis zur Heimkehr nach Frankreich gezählt. Doch als ein alter Kolonist ihm anbietet, in den Regenwald zu kommen und eine Gruppe von Holzfällern zu beaufsichtigen, sagt er ja. Bei einem Dorffest lernt er die Schwestern Claire und Pauline aus dem Stamm der Tébé kennen. Eine Liebe in vertrauensvoller Dreisamkeit entsteht. Luc kann sich nicht satthören an den Mythen über die Entstehung der Welt und das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Erst allmählich erfährt er mehr über Claire und Pauline selbst, was sie von allen anderen Frauen ihres Stammes unterscheidet, über ihre Familie und Spannungen zwischen Vater und Sohn. Doch wer ahnte deren dramatische Folgen in dem auf Freiheit schlecht vorbereiteten Land? Während die Welt gespannt am Bildschirm die erste Mondlandung beobachtet, ist eine andere Welt dabei, die letzten vom Menschen unberührten Gebiete dieser Erde, "jenseits der Jägerzeichen", zu betreten. Mit diesem Buch ist Peter Steiner eine einfühlsame Schilderung dieser "anderen" Welt und ihres kulturellen und politischen Umbruches gelungen.

LESEPROBE

"Das gleiche Wort, einmal hier, einmal dort gesagt, hat zwei sehr verschiedene Inhalte. Ist das nicht der Grund, warum wir verschiedene Sprachen haben? Hier im Wald spricht jeder Stamm seine eigene Sprache, und das ist richtig so, denn was sie aussagt, gilt nur für jene, die sie verstehen, nicht für andere. Und dann kommt ihr mit euren Weltsprachen! Die tragen doch das Unglück in sich."

 

STIMMEN ZUM TEXT

..... eine eigentümliche und vor allem nachvollziehbare Geschichte, die ihre Geheimnisse nicht preisgibt,...

Peter Handke


Je mehr mir die Sätze und Bilder eigen werden, je mehr ich mir die Länder und Orte vorstelle, von denen ich noch nie gehört habe, die geheimnisvoll anklingen wie einst die Länder und Orte in Karl May's Büchern, desto mehr kommen mir die Wörter von Ingeborg Bachmann in den Sinn:

Die Welt ist weit und die Wege von Land zu Land,
und der Orte sind viele, ich habe alle gekannt...

jeder Ort hat ein Stück von meinem Lieben genommen,
jedes Licht hat mir ein Auge verbrannt.
in jedem Schatten zerriß mein Gewand.

Diese letzten drei Sätze: ich habe sie immer wieder gehört, am Ende der JÄGERZEICHEN, dieses schreckliche, abrupte Ende eines Paradieses, worin ich mich langsam, die Düfte, die Stille, die Hitze und die Nacht tastend, vorwärts (und immer wieder rückwärts) bewegt habe. Ich konnte die warmen, dunklen Stimmen der beiden Frauen, Claire und Pauline, hören, und die wunderbar keusch-erotisierenden Sätze tropften in mein eigenes Verlangen, meine mich fast zerreißende Sehnsucht, einfach neben einer Schönheit im Bett zu liegen, nicht um sie zu besitzen, doch um ihr unersättlich zuzusehen und sie mit dem Schatten meiner Finger zu streicheln.

Das Ende des Buches hatte auf mich einen unglaublichen Effekt. Wirklich, als ob einer mit einem Hackmesser mit einem kurzen, schnellen Schlag, mir das Verlangen entherzte. Was bleibt ist die Phantompein, der leibliche Schmerz um eine Stelle, die für immer entschwand.

Paul Hermans
Brunssum, am 4. Juni 2005


HANDSTÜCKE (Prosa, Notizen und Skizzen)

STIMMEN ZUM TEXT

Der Verlag Literaturedition Niederösterreich brachte im Jahr 2000 eine Sammlung mit Kurzprosa heraus; "Handstücke - Prosa, Notizen und Skizzen" aus den Jahren 1981 - 1994. Die Kurzgeschichten und Reiseimpressionen entstanden in Baden, Peru, in den Zügen "The Montrealer" und "The New Yorker", in Sibirien (Irkutsk), Guyana, Kappadokien, Anatolien, Apulien, Worcester N.Y., Paris, Bolivien, Decatur N.Y. und Großgmain. Allen Texten des Bandes gemeinsam ist der Charakter des Vorläufigen, die Geschichten haben etwas Rohes, dessen Reiz nicht zuletzt in der Ahnung von unbegrenzten Möglichkeiten besteht. Denn das "Handstück", erklärt Steiner in der Vorrede des Buches, bezeichnet in der Sprache des Geologen "die Stückprobe des Gesteins".... es wird in der freien Hand geschlagen, darf keiner harten Unterlage aufliegen, um nicht an ungewollter Stelle zu zerspringen. Das werdende Handstück muß unter dem Hammerschlag federn. Die Hand dient dabei als weicher Amboß und ist zugleich Maß ... Das Handstück ist bleibende Erinnerung an vieles ... Die Metamorphose schreitet fort, vom Lesestein zum Handstück, von Handschrift zu Lesestück."

Andreas Weber
LITERATUR UND KRITIK


DOBERIG

KLAPPENTEXT

Kalte, klare Luft, schwarze Berge, ein nachtblauer, sternenklarer Himmel und eine ungewohnte, unbegreifliche Nähe des Weltraums bestimmen den ersten Eindruck des siebenjährigen Kofler-Buben, als er in einer Herbstnacht des Jahres 1944 vom Trittbrett des Autobusses springt und sich umsieht in dem Dorf seiner Vorfahren, wo nun auch er leben soll, zumindest bis die Zeiten wieder sicherer sind: Doberig - ein Dorf im Gebirge, wo die Leute nicht kreuz und quer laufen, wie Kofler es aus der Stadt kennt, sondern Wegen folgen, die sternförmig auf ein Ziel zusteuern: die Kirche, davor der Platz mit dem Kriegerdenkmal und das Hotel Post. In dessen Garten wird noch bis ins Frühjahr die Fahne wehen: rot, mit weißem Kreis und Hakenkreuz. Und der Bub wird dabei sein, wenn man diese Fahne schließlich statt abzunehmen auf Halbmast setzt, an der Seite seiner Mutter, unter Menschen, für die das Ende des Dritten Reiches ein Trauertag ist.

Über fünf Jahrzehnte später durchstreift Kofler mit einem Freund frühlingslichte Wälder. Unter dem Eindruck der jüngst wiedergefundenen Aufzeichnungen der Mutter aus dem Doberig seiner Kindheit erzählt Kofler davon. Der Freund ermutigt ihn, dem wortlosen Ende jener "großen" Zeit der Eltern sein Erleben entgegenzustellen, indem er es niederschreibt. Koflers Vertiefung in jene weit zurückliegenden Tage rührt an der Eltern und Großeltern Schuld, zwingt ihn aber auch zur Rekonstruktion und Hinterfragung seiner selbst, vor allem jedoch ersteht in eindringlichen, höchst genauen Bildern der gebirgige und seelische Lebensraum eines als Fremdling in der so rätselhaft schönen wie fragwürdigen Heimat seiner Vorfahren aufwachsenden Kindes.

LESEPROBE

Ich wußte selber, daß die kleinste Änderung der Sätze diese bis zur Unkenntlichkeit zerstören würde, sie damit ihren Sinn verlören, die Macht, etwas über die Zeit auszusagen, in der sie geschrieben wurden, von einer in die Zeit eingebundenen, ja eingeklemmten, nur scheinbar freien Person, meiner Mutter... Doch jede Erklärung ist machtlos gegenüber Sätzen, die sich im Augenblick der Niederschrift verschließen und nicht mehr geöffnet werden, nur noch zerbrochen werden können. Nur ganz - "wörtlich", sagte der Freund - beinhalten sie etwas von dem Atem der Zeit, Glücksrausch oder Todeshauch, manchmal beides in einem.

 

STIMMEN ZUM TEXT

"Doberig" (1999), der schlanke Roman über eine Kindheit im nationalsozialistischen Österreich, beginnt in der Gegenwart mit zwei Männern, die im indischen Restaurant eines Pariser Vorortes sitzen. - "Schreib darüber, schreib für uns alle. Denn das fehlt noch", sagt der eine zum anderen auf der zweiten Seite. Und der Autor erzählt "dem Freund" von der Kindheit des "Kofler-Buben", der mit seiner Mutter im Herbst 1944, während die Städte in Schutt und Asche versinken, in das Gebirgsdorf Doberig zurückkehrt. Die Mutter und die Älpler empfinden das Kriegsende als "Niederlage". Steiner beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen gleichermaßen unterläuft. Er zeigt die Welt ohne Bitterkeit und Haß. Seine sprachliche Präzision verbindet sich mit fundierter Sachkenntnis zu einer großen literarischen Dichte. Der Text besticht durch seine Authentizität, das Erzählte ist frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit", die dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finessen. Der Auto versteht es, von sich abzusehen, es gelingt ihm, das Persönliche ins Verbindliche zu wenden.: Fern der großen weiten Welt und ihrem Krieg, im Schutz einer Mauer aus hohen Bergen, verbringt der Junge seine Kindheit, von der er seinem Freund viele Jahre später erzählt, die kleine Geschichte eines Lebens, in dem mit einem kleinen Satz die Weltgeschichte auftaucht: "Es kam der Tag, an dem die Engländer das Tal wieder verließen."

Andreas Weber
Literatur und Kritik


...läßt erkennen, daß das große Beben, das Europa in der ersten Hälfte des Jahrhunderts erschütterte, in den Menschen, die ihre Seelen nicht erstarren ließen, nachzittert.

Oberösterreichische Nachrichten (1999)


Der Autor beschreibt das ländliche Idyll mit einer Lakonie, die Heimatkitsch-Klischees und auch alle zum Klischee erstarrten Negativ-Idyllen gleichermaßen unterläuft. Der Text besticht durch seine Authentizität,..., frei von Larmoyanz und jener "Betroffenheit", die dem Überdruß näher ist als sprachlicher Finesse.

Andreas Weber
Die Presse


GAP

KLAPPENTEXT

"El Invisible", der Unsichtbare, so nennen die Einheimischen den stets in Nebel gehüllten sagenumwobenen Berg inmitten eines Gebietes, das auf der kolumbianischen Landkarte nur als "gap", als noch zu erkundende "terra incognita" aufscheint. Der amerikanische Schmetterlingsforscher DiRocca ist angereist, um diese geographische "Lücke" zu schließen. Doch die gefährliche Expedition ins "Gap-Land" wird ihm zusehends zu einem beschwerlichen Weg des Nachdenkens über sich selbst, über treue Freundschaft und leidenschaftliche Liebe. Letztere verbindet ihn mit der Einheimischen Inés, die als eine Art Barmädchen den Wünschen der Gäste auch außerhalb des Lokals nachkommen muß, um den Unterhalt für sich und ihre Tochter zu verdienen. Auch sie hat sich auf eine gefährliche Suche begeben, auf die nach einem besseren Leben. So streben beide - auf unsicheren Pfaden unbekannten Zielen zu...Peter Steiner hat einen fesselnden Roman geschrieben über den Aufbruch ins Ungewisse, über die Liebe, Freundschaft und den verzweifelten Versuch eines Volkes, gegen das eigene Elend anzukämpfen.

 

LESEPROBE

Sie hatte DiRocca gelegentlich "mi principe azul" genannt. Er hörte es gern. Seit er nun weg war, in jenen Regenwäldern jenseits des Felsgebirges, paßte der Name noch besser zu ihm. Der Blaue Prinz auf dem Weg zum Blauen Berg, "el Cerro Azul", den DiRocca hartnäckig den "Unsichtbaren" nannte, obwohl er, wie man ihr gesagt hatte, an manchen Tagen deutlich zu sehen war, eine blaue Spitze, welche die Wolken durchstach. Es gab in letzter Zeit viel Gerede um den Berg. Nicht nur Wolken, auch Gerüchte rankten sich um ihn. Und diese hatten weder mit Schmetterlingen noch sonstigen Hirngespinsten, so sah Inés DiRoccas fantasiereiche Geschichten, zu tun...

 

STIMMEN ZUM TEXT

Der 1998 im Otto Müller Verlag erschienene Roman "GAP" ist die Geschichte einer Liebe, an deren Ende Überleben und Alleinsein stehen: der 45jäjrige Lepidopterologe (Schmetterlingsforscher) DiRocca verliebt sich vor dem Aufbruch zu einer Expedition in den Dschungel Kolumbiens in die 24jährige Inés, ein Mädchen vom Land, das in der Stadt in die Prostitution geschlittert ist. Sie weiß, daß der Amerikaner in einer "eigenen Welt" lebt. "Seine Wirklichkeit entsprach nicht der ihren, auch wenn die Umgebung dieselbe war... DiRocca war ein Träumer, das tat ihr gut, wie es sie andere Male erzürnte." Er entkommt auf seinem langen Weg durch den Dschungel zurück in die Zivilisation dem Tod nur zufällig, doch dann ist der Zufall gegen ihn, er verfehlt in den Wirren eines Militärputsches die Geliebte.

Der Titel des Romans bezeichnet terra incognita, jenes Land, das auf keiner Karte existiert und das der Geologe Steiner "oft genug persönlich erlitten" hat - "wenn ich in ein unwirtliches Gelände kam, für das es keine Karten gibt. Natürlich ist der Titel auch eine Metapher für eine Wissenslücke, die es zu schließen gilt." Doch "GAP" ist vor allem die Geschichte eines ratlosen Mannes, der zwischen zwei Frauentypen hin und her gerissen ist: Einerseits die leidenschaftliche, ganz im Jetzt lebende Prostituierte Inés, daneben hat DiRocca über eine große Entfernung hinweg eine tiefe Beziehung zu Sophia, die seine Seelenverwandte ist. Steiner beschreibt keine Tagespolitik, doch die politischen Katastrophen kommen vor - "dieses pulverfaßhafte Aufbrechen von sozialen Gegensätzen und Unruhen ist eine Folge der Geschichte. Denn die europäischen Eroberer kamen wegen des Goldes nach Südamerika, das wirkt sich bis heute aus."


Andreas Weber
Literatur und Kritik


... große Passagen wunderbarer Beschreibung, plastisch, zugleich fein, bilderaufschließend (Öffnen der Tiefenbilder beim Leser), vor allem, was die Naturbeschreibungen und dem gewöhnlichen freien Auge entgehenden kleinen Naturdramen betrifft. Auch ist die Geschichte spannend, ja, packend, stellenweise, noch besser, bewegend = freilassend, im Sinne von herz-befreiend (die Stellen vom versäumten Leben, die nicht nur rhetorischen, sondern persönlich ausschwingenden Momente der Selbstinfragesetzung)...

....das Interessanteste an GAP: die jähen Schwankungen in der Bewußtseinslage des Hauptmenschen, DiRocca, .... vielleicht bezeichnend für unsere Heute-Welt...
... ein neuer Don Quijote bist Du am ehesten....und der Don ist schon sehr stark in diesem Buch.

Peter Handke
in einem Brief an den Autor


IM LANGEN SCHATTEN

KLAPPENTEXT

"Wer einmal aus dem engen Tal draußen war, der konnte nicht mehr zurück." Einer besucht, bevor er aufbricht, die "rituellen Gesänge der Lakondonen an die Götter des Regenwaldes" aufzunehmen, seinen Bruder in der Neuen Welt, fernab der großen Täler und Städte. "War er ein Bauer, wenn nicht, wer dann?" Im gemeinsamen Feldarbeiten, stummen wie wortkargen Begegnungen, finden sich die Brüder im langen Schatten ihrer Lebens-Aufbrüche. "Fanden wir uns, nach einem Leben, in dem keiner vom anderen wußte, im gleichen Exil wieder?" Sie kehren zurück in ihre Kindheit und Herkunft von der slowenischen Bergwelt, aus der schon der Großvater aufgebrochen war, um "Sprachbäume" zu erforschen, "eine Sprache der Hoffnung". Berührendes Sinnbild einer Bruderschaft, schließt dieses Buch den Kreis einer Trilogie von der Selbstfindung quer durch alle Kontinente, der unentdeckten, der verlorenen wie erfundenen in uns selbst - in einer Sprache, die, im genauen verweilenden Blick, immer wieder aufgeht in die Dauer des Bildes.".

LESEPROBE

"Ich entfernte mich von dem lärmenden Ort, setzte den Vogel aus blaßblauem Ton, der mir in den knetenden Händen entstanden war, in einen Dornbusch und schlenderte durch die Niederung. Verband ich die Astellen, an denen das Wasser am Fuße der Hänge austrat, durch eine gedachte Linie, glich sie dem Ufer eines Sees. Weiter den Bach abwärts, schon im Wald, gab es eine Stelle, wo sich das Wasser eine Schlucht durch einen Rücken aus gewachsenem Gestein gegraben hatte. Seit wann aber gab es den Durchlaß? Jetzt fielen mir die Findlinge im Wald ein, der Opferstein, auf den wir das Kalb legten, der Steinkreis um die Feuerstelle. Sie konnte nur das Gletschereis gebracht haben, und bei Gletschern kannte wir uns aus. Auf ihnen und an ihren Rändern ...".

 

STIMMEN ZUM TEXT

 


AN EINEM GESCHICHTSLOSEN ORT
Der österreichische Erzähler Peter Steiner legt ein Meisterwerk vor

Der ältere Bruder besucht seinen jüngeren, nunmehr bereits fünfzigjährigen Bruder in der amerikanischen Einöde. Das Jahr läßt sich erraten, doch es ist unwichtig. Vom Beginn des Frühjahrs bis zum späten Herbst verbringen sie dort zusammen ein halbes Jahr. Sie machen ein Feld urbar, sie kaufen Vieh, ernten, mähen, reden ein wenig, schweigen viel. Es geschieht nichts wirklich Aufsehenerregendes in dieser Zeit – und doch so viel dank Der leisen Prosakunst Peter Steiners in seiner Erzählung „Im langen Schatten“.

Erzählt wird auch der Ich-Perspektive des Besucher, und schon die ersten Seiten zwingen den Leser in die Sichtweise eines an einem fremden Ort Ankommenden, der alles schärfer wahrnimmt, der sich während er langen Busfahrt  vom Flughafen über die tristen Landstraßen auf das Treffen mit einem Menschen vorbereitet, den er im Wesentlichen nur mit Kindheitserinnerungen in Verbindung bringt. Eigentlich ist ihm dieser Bruder ein Unbekannter.

Der Platz, an dem er sich niedergelassen hat, ist ein „Ort, mitten im Nichts“. Die meisten Menschen, die dort noch leben, sind alt, leben mit ihren seelischen und körperlichen Versehrtheiten in Häusern wie in Grüften – lebende Tote, deren Schicksale berühren, ohne jeden Kitsch, ohne jede Rührselig-keit. De Gegend legt so weit nördlich, daß die Spanne zwischen den Wintern nur drei Monate lang andauert, also macht man sich gleich auf, das Feld zu bestellen, der wilden Natur ein Stückchen zur Kultivierung abzutrotzen. Wie mächtig die Natur ist, davon gibt es überall Zeichen, und nur der Besucher scheint sie zu erkennen. Selbst von den optimistischen versuchen aus den letzten hundert oder mehr Jahren blieben letztlich nicht mehr als leere Häuser und überwachsene Felder. Erst zu Beginn des Winters scheint auch dem jüngeren Bruder zu dämmern, daß er so enden könnte wie alle anderen. Es bleibt jedoch offen, ob er geht oder bleibt.

Ein großer Reiz von Steiners wunderbarer Erzählung besteht nicht zuletzt in den Naturbeob-achtungen. Selten findet man in erzählerischer Prosa unserer Tage solch genaue, sprachmächtige Darstellungen von Landschaften, Wäldern und Wiesen, wobei Steiner jede triviale Neoromantik zu umgehen weiß. Man fühlt sich in diesen Abschnitten an Handkes Buch "Noch einmal für Thykydides" erinnert, in dem ja scheinbar so bedeutenden Weltgeschichte die Schilderung von so bedeutungslosen Ereignissen wie das Fallen von Schnee oder das Schmelzen von Eis entgegengesetzt wird. (…) „Geschichte“ erscheint an einem derart geschichtslosen Ort, der nur vom Rhythmus der Jahreszeiten bestimmt wird, geradezu absurd. Der Fall der Berliner Mauer im Fernsehen wirkt wie ein Bericht von einem fernen Planeten.

Steiner ist (…) aber auch ein begnadeter Erzähler. Es gelingt ihm, sich an Menschen heranzutasten und sie ihrer Geheimnisse doch nicht zu berauben. (…) So erfährt man nie so recht, warum sich er jüngere Bruder sich ein Haus kaufen mußte. Man kann es höchstens nachempfinden aus den Eindrücken, die man bekommt. Was für eine endlose Melancholie spricht aus der Stelle, an der der jüngere Bruder im Geiste sein erträumtes Haus auf einer freien Wiese baut, für Momente „wie am Ziel wirkt“, und schließlich erkennt: „Ich habe keinen Grund, es zu bauen.“  (…)

Eine zweite Zeitschicht erhält die Geschichte durch Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in einem österreichischen Bergdorf. Es ist diese zweite Ebene, die den „langen Schatten“ wirft auf das Hier und Jetzt der beiden Brüder, genauso wie die Nachbarn nur noch im Schatten ihrer Jugend leben. Gerade durch diesen gemeinsamen Bezugspunkt können sich die beiden Fremd-Vertrauten immer wieder einander nähern. Auch hier läßt sich oft nur erahnen, wie viel aus dieser Zeit noch unaufgearbeitet in ihnen rumort. Die ganze vergangene Welt in den südösterreichischen Alpen blitzt oft für Sekunden auf, so lebendig, daß den Erzähler im letzten Satz des Buches inmitten Neuenglands die Vorstellung erfaßt, sein Großvater käme jeden Moment aus dem Nebel.

Der fast sechzigjährige, weitgereiste Peter Steiner, der jetzt bei Wien und in New York lebt, ist ohne Zweifel ein fabelhafter Autor. Seine dritte Erzählung "im langen Schatten" ist ein ruhiges, vielschichtiges Meisterwerk, das seinen geduldigen Leser bereichert.

Stephan Landshuter
Landshuter-Zeitung (siehe auch "Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2)

 



Wege der Selbstfindung
Ein Bruderroman von Peter Steiner

Peter Steiner vermittelt unaufdringlich und feinfühlig Bilder einer Bruderschaft, die langsam zusammenwächst und dabei auf das harte und rauhe Leben in der Wildnis eines riesigen Landes verweist, wo auch der größte Einsatz keine Garantien bringt. (...) Ein ruhiges Buch, das bei jedem Bild verweilen kann, bis es genügend Wirkung gezeigt hat.

Rudolf Kraus
Wiener Zeitung


Ich war von der ersten Seite an gefesselt, und nach der dreißigsten Seite fragte ich mich, woher dieser Text über die schlichten Vorgänge der täglichen Arbeit, diese Beschreibungen von Feld und Wiese, Weidezaun, Geräten und Maschinen, Gestein und Wetterlagen ihre tiefe innere Spannung nehmen. Dazu der ruhige Ton, sodaß man die Tage spürt und die Jahreszeiten, von denen berichtet wird, und die so lange dauern wie sie eben dauern. Der große Bogen der Erzählung, der sich erst gegen Ende konkretisiert, ist von Anfang an spürbar. Mir erging es wie beim Hören einer Bach-Fuge oder auch nur einer mehrstimmigen Invention: die erste, einstimmige Tonfolge hat schon alle anderen, nach und nach sich einflechtenden Stimmen in sich, kündigt sie nicht bloß an, das macht ihre unwiderstehliche Sogwirkung aus. Hinter jedem Bild Ihrer Erzählung liegen andere Bilder. Welche das sind, erfährt man nach und nach, aber man spürt sie vom Anfang an.

Elisabeth Schawerda


DIE LICHTUNG

KLAPPENTEXT

"Wer weiß, wo von er träumt?" Von einer Waldlichtung aus, einem Ort der Kindschaft und der frühen Weltendeckung, führen alle Wege in die eigene und der Vorfahren Herkunft: vom Rand einer österreichischen Kleinstadt durch Wirren der Jahrhundertmitte und Aufbrüche der Fünfzigerjahre bis zu einem verlassenen Grabstein in den Bergen Amerikas. "Wenn zwei aus derselben Quelle schöpfen, ist ihr Weg, wo auch immer, nicht der gleiche?" Ein verzweigter Weg durch die Lichtungen des Lebens in gelassener poetischer Sprache, die gleich Licht um Kontur und Schatten, Brüche und Verschwiegenes weiß. "Ich bin noch immer der Prinz der Lichtung ohne Grenzen." - Ein dichter Brief zum lichten Abschied

Weitere Erscheinungen: "The Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007

LESEPROBE

"Die Tischplatte ist von Algen geschwärzt. Hell glänzen die darauf verstreut liegenden Föhrennadeln. Wie vertraut sind mir die schlanken Zwillinge, der dunkle Knoten, der sie verbindet, die feine Kerbe an den Innenseiten, welche verhindert, daß sie sich einrollen, die feinen Spitzen, die, gebüschelt, dem Wind einen unvergleichlichen Ton entlocken. Wärest du hier, du sähest mich jetzt lächeln. Keinem vor dir habe ich es erzählt, wie ich einst diese Nadeln mit Harz bestrich, um damit im Opferstock nach Münzen zu fischen. Die waren freilich zu schwer und fielen ab, bevor ich zugreifen konnte. Zudem versperrte der kreuzweise verzahnte Schlund des eisernen Kästchens selbst Kinderfingern den Weg.".

 

STIMMEN ZUM TEXT

Da gibt's einen Österreicher, der heißt Peter Steiner, der erst spät angefangen hat, zu schreiben, ....und das zweite Buch heißt "Die Lichtung". Da gibt es wunderbare Beschreibungen, wie sie vielleicht nur ein Geologe machen kann (...) wie auch immer: Es gibt nur das Herz und das Auge zusammen, und das macht die Gewissenhaftigkeit aus. Aber außer diesen wunderbaren Ortsbeschreibungen wird erzählt, wie die Großeltern warten, wenn eine Wallfahrt kommt, wenn von weitem aus der Ebene die Leute kommen und wie sie dann das Essen herrichten, wie die Getränke geordnet werden, beim Anblick der Wallfahrer aus der ferne; das sind wunderbare Seiten, die nichts bedeuten und doch die Welt sind.

Da ist ein ganz großartige Szene in der "Lichtung", wo der Vater nach der Kriegsgefangenschaft in Rußland heimkehrt zum Gartentor, und er geht nicht gleich hinein zu seiner Familie, er kniet am Gartentor nieder und hält die Klinke in der Hand und kommt nicht ins Haus, hält nur die Klinke in der Hand. Mir ist das im Gedächtnis geblieben - für immer.

Peter Handke
aus der Dankesrede anläßlich der Übergabe des Schiller-Gedächtnispreises 1995 in Stuttgart


Der Ich-Erzähler kehrt zu Allerheiligen 1988 - das Datum läßt sich erschließen - nach langer Zeit an einen Ort zurück, der in seiner Kindheit und Jugend eine wesentliche Rolle gespielt hat und ihm nun von dem unlängst verstorbenen Vater als Erbe zufiel. Es handelt sich um das Haus seiner Großeltern und die umliegende Lichtung - wiederum ein Grenzraum also mit dominanter "Natur". Der Zustand einer Krise zeigt sich schon auf der ersten Seite, da sich der Erzähler "in Beklommenheit" befindet, weil ihm auffällt, daß keine Personen, die mit dieser Lichtung und damit seiner Jugend zu tun hatten, mehr am Leben ist. Das Moment der Krise erfährt im Verlauf der Geschichte durch die auftauchenden Erinnerungen eine massive Ausweitung, am stärksten in der extrem gestörten Vater-Beziehung.

Auf der Rahmenebene durchwandert der Erzähler das gesamte Grundstück. Wesentlich wichtiger aber ist die eingelagerte innerpsychische Ebene, die auch den Großteil des Textes in Anspruch nimmt, auf der er die Räume qua Erinnerungen oder auch Phantasien mit der Vergangenheit erfüllt, die er mit den jeweiligen Teilräumen assoziiert. Die Erzählung erhält so eine zeitliche Tiefendimension, die bis in die Zeit des Urgroßvaters hineinreicht. Diese Rückgriffebene wird nicht chronologisch erzählt, der Erzähler springt zwischen den zeitebenen. So setzt sich dem Leser das Bild der Vergangenheit gleich einem Puzzle nur langsam zusammen. Die Vergangenheit wird zudem oft so geschildert, als geschehe sie in der Erzählgegenwart, was durch eine ausgiebige Verwendung des Präsens bewirkt wird. Die Zeiten fließen so im Text ineinander.

Indem der Erzähler also den real vorhandenen gegenwärtigen Raum Stück für Stück wiederentdeckt, entdeckt er parallelisiert dazu seine eigene Vergangenheit und kann sich so in sein Selbst reintegrieren. Daß es sich tatsächlich um eine Art Selbstfindung handelt, zeigt sich an einer Stelle, die auch Steiners poetische Qualität verdeutlicht: Er sieht sich selbst in einem Fenster, Stirn an Stirn, sieht gleichzeitig durch sein Spiegelbild hindurch in das Haus und sagt: "Ich schaue in mich hinein". Der Text selbst setzt also den Raum äquivalent mit dem Helden, was dann eben die Hypothese bestärkt, daß der Erzähler mit der Rekonstruktion der mit dem Ort korrelierten Vergangenheit auch einen hochrelevanten Teil seiner Person wiederherstellt.

Was Die Lichtung auf weiter Ebene interessant macht, ist der Umstand, daß nicht nur die Privatgeschichte eines Individuums, sondern auch die Geschichte des Landes Österreich aus der Perspektive dieses Ortes erzählt wird. Mehrmals streift die Weltgeschichte in Form von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegszeit den Raum der Lichtung. Zudem werden viele Lebensläufe von Verwandten erzählt, anhand derer Lebensumstände exemplarische gezeigt werden (der aus dem Krieg heimkehrende Vater, der ausgewanderte Großonkel etc.). Die Lichtung kann und muß also auch im Kontext der neuen österreichischen Heimatliteratur gesehen werden, die nach Lebert, Jonke, Innerhofer und Winkler, um nur an einige wichtige Autoren zu erinnern, in Peter Steiner nochmals eine weitere Stimme hinzugewinnt, die ihren ganz eigenen Charakter hat. Steiners entworfene Welt hat beispielsweise nichts gemein mit der extremen Negativität der Heimatwelt Winklers, ganz im Gegenteil ist sie verlorene Heimstatt. Die Erzählung Steiners teilt auf jeden Fall mit den zentralen Werken dieser Richtung, daß Heimat nicht mehr naiv idyllisiert werden kann. So sehr das Haus in der Lichtung für den Erzähler einstmals ein Idyll war (als Fluchtpunkt in der Phantasie während der Anstaltszeit), so sehr ist sich der Erzähler bewußt, daß der Raum in der Gegenwart kein hehrer locus amoenus mehr sein kann. Er weiß, daß er nur mehr "Herr über ein Totenreich" ist. Die Unmöglichkeit, die ehemalige Heimat idyllisieren zu können, ist aber auch problematisch für das erzählende Subjekt. Letztlich zeigt sich nämlich doch die Ambivalenz des Erzählers, der wenige Zeilen später bemerkt: "In mir lebt die Stille von einst, (...) erhellt von seinem einstigen Licht". Der nicht aufhebbare Widerspruch zwischen Nicht-Idyllisierung und (allerdings nicht-trivialer) Idyllisierung ist ein weiteres wichtiges Hauptcharakteristikum der Erzählung, die ich für ein überaus vielschichtiges, auch sprachlich gelungenes, spannungsreiches Stück Literatur halte.

Stephan Landshuter
"Deutsche Bücher", Beck-Verlag, 1997/2


Steiners Texte zeichnen sich unter anderem aus durch die Fähigkeit zu einer Kosmogonie im Kleinsten, die den flüchtigen Moment einer zufälligen Begegnung, das scheinbar Nebensächliche, den Fund eines Schneckenhauses oder das "löchrige Geröll" auf dem Sockel eines jüdischen Grabsteins als Chiffren des Ewigen erkennt und diesen überwältigenden Eindruck in einer klaren, poetisch-gelassenen Sprache vermittelt.

Kurt A. Schantl
Festschrift zum Literaturpreis Niederösterreich


Aus dem Nachwort zur amerikanischen Ausgabe von "Die Lichtung"
"The Clearing", Ariadne Press, Riverside CA, 2007

The alleged reason for the trip in The Clearing is the recent death of the narrator's father; the narrator had been out of the country and thus his father was buried before he could attend the funeral services. Simultaneously, the narrator has inherited the Clearing, a place of many youthful memories, some good, some bad. On the way to the cemetery, his Polish cabdriver gets lost on the highway and they wind up at the Clearing.
(...)

The narrator's youth may sound turbulent to a non-Austrian, but it was fairly typical for his generation: father off fighting a war, ultimately to die or be captures, since desertion was not a viable option, as the few post-war biographies of deserters substantiate. As a result of the fathers's protracted absence, his mother was required to rely on relatives for sustenance and survival or provide them herself; that both parents should later strike out on their own is merely a normal continuation of this survival of the fittest. And, in keeping with the reminiscences of his youth, the vast majority of the people in his world are identified, not by name, but by relationship, great-aunts, etc.

Too, the family's status as refugees was also common, as many fled before the approaching Red Army, fearing robbery, rape, and other reparations or retaliations too frightening to mention. But much of this is experienced after the fact, through tales from relatives. A more immediate and unrelenting burden is the narrator's obligatory attendance at a distant boarding school: His dread of school as an institution of subjugation and embarrassment was also common, indeed almost a traditional rite of passage, as first documented by the Austrian Robert Musil in his 1906 novella The Confusions of Young Törless."

As a result, our young narrator's only security and stability throughout these formative years are provides by his grandparents, his only "home" the Clearing. Like his literary predecessor Stifter, the narrator describes in minute and loving detail the flora and fauna surrounding the Clearing. Thus it should not be surprising that the physical surroundings of the Clearing - its rock formations, vegetation, and topography - stimulate his childhood memories. By walking around the Clearing and peering into the windows of the inn, he is able to recreate the physical environment - and, ultimately, the people who inhabited the periphery of his life. In addition, the remnants of the inn spark his memory, recalling other visual stimuli, such as pictures or home movies that illustrated his early life. And what begins as an adolescent escape - his accidental visit to the PANORAMA - becomes a life-altering experience. This stereopticon introduced him to far-off lands, customs, and people. (In the author's own life, his later study of geology and paleontology was a natural culmination of his youthful stimulus.)

That the Clearing had no distinct boundaries meant that the boy was free to roam, on foot or on his bicycle and more significantly, in his mind. His sporadic encounters with Red Army soldiers were at once frightening and stimulating - their physical presence and their language inspired conflicting emotions; thus, it was not improbable that he later set out to investigate Eastern Europe, and eventually the world.

Todd C. Hanlin
Arkansas State University


DER BRUNNEN DES COLUMBUS

KLAPPENTEXT

Auf einer Insel am Rande der Alten Welt befindet sich ein Brunnen, aus dem Columbus Wasser für die Fahrt übers Meer schöpfte. Ein Nachfahr bricht auf, fort von einem Ort, wo er gewahrt, Menschen "ohne Träume, zu Tode beschäftigt" zu gleichen. "Er war aus freien Stücken gekommen, aber auch hier gestrandet. Das Feld war ein Ufer." Die poetische Erkundung der Insel, Schritt für Schritt, Bild um Bild, kreist um dieses Feld ("geheimes Siegel"), das ein Bauernpaar bearbeitet und "geadert war wie ein Blatt, das in einem Brunnen wurzelt." Was für ein Brunnen, der letzte? Ringsum verfallen die Schächte, wird Erde ins trockene Flußbett geschüttet, wächst die Hafenstadt mit "Stichstraßen" in verschachtelte Vor-Orte. Dem "Einzelgänger, der lange Zeit jenseits der Straßen gelebt hatte", eröffnen sich auf seinen "Wegen des Schauens" Quellen des eigenen Schöpferischen, im Sich-Verlieren, das Erlebnis der Dauer wird.

Dieses Buch ist eine kleine poetische Kosmologie, das Zu-Sich und Zur-Welt Kommen, zu einer Sprache, die trägt. Ein Erstling, ein seltener Findling Literatur.

 

LESEPROBE

Eingedenk seiner Wandergänge, sah Felsner, was ihm heute wegen des Wüstenstaubes verborgen blieb: die Insel als die "große Steinin" im Meer. Einen Mantel aus Erde hatte sie nie besessen. Nackt erhob sie sich aus dem Wasser, in der spröden Schönheit schwarzen Basalts. Alles, was Wind und Regen ihr ließen, war bis zur Durchsichtigkeit zerschlissen.
Mehr als sie verbargen, weckten Schleier aus Schutt die Neugier des Aufmerkamen. Mit welcher Lust hatte Felsner danach eine Senke betreten, wo der Boden füllig und weich war.

STIMMEN ZUM TEXT

Was macht den Erstling Peter Steiners überdurchschnittlich interessant? Zum Beispiel, daß die Sprache, die der ausgebildete Geologe Steiner bei der Beschreibung von Natur verwendet, höchst genau ist. Nicht jeder Naturwissenschaftler hat die sprachlichen Mittel, sich poetisch auszudrücken, daß man ihm die liebende Kenntnis der Natur abnimmt, doch wenn sie ihm zur Verfügung stehen, kann sein Suchen nach einer "Sprache der Erde" interessanter sein als das anderer zivilisationsmüder Schriftsteller. Sie verleiht allen Dingen, die sie berührt, eine gleichschwebende Aufmerksamkeit. Überraschen andere Texte durch beabsichtigte "Brüche", so ist es hier die "Geschlossenheit" des Stils, die diesen Erstling auszeichnet.

Hans-Peter Kunisch
Neue Zürcher Zeitung


Peter Steiners Buch weist eine große Stärk auf, und das ist dieser unerschütterliche Ton der Gelassenheit. Eine Prosa, die Langsamkeit und Bedächtigkeit zum Prinzip erhebt. Man mag an Handke denken, an den Franzosen Clézio auch, an Autoren jedenfalls, die ihrer Literatur auch Visionäres gestatten, dieüber das Sichtbare hinausdenken, die eine andere Wirklichkeit erfahrbar machen wollen.

Salzburger Nachrichten


Mit einfachen, klaren Sätzen schreibt sich Steiner in die Seele seiner Leser. Ein Buch voll tiefer Gedanken und für stille Stunden.

ORF Steirisches Literaturmagazin


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